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Full text of "Zentralblatt für Psychoanalyse. Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. III. Jahrgang 1913 Heft 12"

Originalarbeiten. 



j 



i. 

Psychotherapie und die Philosophie Schopenhauers. 

Von Dr. Otto Juliusburger, Steglitz. 

Möbius hat in seinem 1899 erschienenen, höchst bedeutsamen Buche 
über Schopenhauer, dessen treuer Verehrer er sich nennt, und dessen über- 
ragendem Genius er trotz aller sachlichen Kritik seine Huldigung dar- 
bringt, den Versuch gemacht, auch vom Standpunkte des Seelenarztes in 
das Innere der Eigenart und Wesenheit Schopenhauers einzudringen. 
Möbius sagt: „Wenn wir das Leben Schopenhauers überblicken, so 
treffen wir vier Zeiten starker Verdüsterung oder anhaltender Depression. 
Erstens die Zeit nach dem Tode des Vaters 1805, zweitens die Zeit, in 
der er seine Dissertation schrieb, 1813, drittens die Zeit in München 
1823, viertens das erste Jahr in Frankfurt 1831/32." Möbius weist dann 
noch auf einige Ausführungen von Gwinner hin, wonach Schopenhauer, 
wenigstens vorübergehend, an Angstzuständen und Zwangsvorstellungen ge- 
litten haben könnte. — Ich glaube nicht, dass wir genügend gesicherte 
Mitteilungen besitzen, aus denen wir schliessen könnten, dass Schopenhauer 
etwa an wiederholten Anfällen einer echten melancholischen Gemütskrank- 
heit gelitten habe. Auch dürften die in den Aufzeichnungen von Gwinner 
mitgeteilten Angstzustände sicherlich keine bleibende und nachhaltige Rolle 
im Seelenleben Schopenhauers gespielt haben. Aber selbst, wenn wir 
wirklich annehmen müssten, dass Schopenhauer zu verschiedenen. Zeiten 
seines Lebens von einer echten Melancholie heimgesucht war, so dürfte 
jede weitere Erörterung darüber überflüssig sein, ob Schopenhauer, wie 
dies von anderer Seite in völlig haltloser Weise behauptet wurde, als 
Geisteskranker anzusehen wäre. Die geniale und unsterbliche Leistung 
unseres Philosophen, sein Jahrhunderte überdauerndes Lebenswerk, ist 
die Frucht eines im innersten Gefüge einzigartig angelegten Menschen, an 
dessen Wurzel nicht der Nagewurm einer heimtückischen Krankheit frass. 

Wohl aber verlohnt es sich, den Triebkräften im Seelenleben unseres 
Philosophen nachzugehen, die dank einer genialen Veranlagung zu herr- 
licher Entfaltung und fruchtbringender Betätigung gelangten, während sie 
in den Persönlichkeiten, denen ein schöpferisches Tun versagt bleibt, 
in vergeblichen Mühen und nutzlosen Arbeiten sich kund tun. 

In dem Vortrage 1 ), den ich auf der ersten Tagung der Schopen- 
hauer-Gesellschaft gehalten habe, zeigte ich, wie unser Philosoph die Be- 

i) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 1912. 

Z«itr«lbl»tt für P»yebo»naly.e. in». 89 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



570 Df- Okto Juliusburger, 

deutung und Tragweite der Sexualität in allen ihren Ausprägungen und 
Verzweigungen erkannt und in seiner lichtvollen Weise uns zum Bewusst- 
sein gebracht hat. Ich werde daher heute auf diesen Gegenstand nicht 
näher eingehen. Nur das sei gesagt, wie richtig Schopenhauer schon die 
für das Seelenleben des Menschen oft verhängnisvolle Rolle gekennzeichnet 
hat, die die Sexualität im menschlichen Leben spielt. Die Schwester 
Schopenhauers, Adele, schreibt in einem Briefe vom 5. Februar 1819 
an ihren Bruder: „Da schreibst Du närrischer Mensch, ausser mir hättest 
Du nie eine Frau ohne Sinnlichkeit geliebt." Es ist in der Tat richtig, 
dass Schopenhauer von einer starken Sexualität erfasst war. Gleichzeitig 
aber ringt er mit ihr und sucht sie zu bändigen und niederzuhalten. Ich 
erinnere nur an sein ergreifendes Gedicht: „0 Wollust, o Hölle, o Sinne, 
o Liebe; nicht zu befriedigen und nicht zu besiegen I" In diesen Versen 
dringt in dichterischer Verklärung der Zwiespalt herauf, der fraglos die 
Tiefen seines Seelenlebens erfasst hatte. Nur der grossartigen Veranlagung 
seiner Individualität ist es sicherlich zu danken, dass sie nicht durch 
die einander entgegengesetzt strebenden Kräfte dauernd erschüttert oder 
zersprengt wurde. In seiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe" hat es 
Schopenhauer ja meisterlich verstanden, die sexuellen Energien in ihrer 
ganzen drängenden Gewalt zur Darstellung zu bringen, und in der Über- 
windung der sexuellen Triebkräfte ' sieht er das endliche Ziel des im 
Menschen zu seinem vollen Bewusstsein kommenden Willens zum Leben. 
Die Verneinung dieses rastlosen Triebes, die Umkehr und Willenswende 
ist das ernste und höchste Thema der Ethik. 

Doch Schopenhauer blickte nicht nur voll Sehnsucht auf diese letzte 
und endgültige Ruhe, ihm achwebte nicht nur Yor seinem alle Höhen und 
alle Tiefen umfassenden Blicke der ungetrübte, tiefe Nirvana-Frieden ; 
Schopenhauer hatte auch das grosse Gesetz der sexuellen Äquivalente 
erkannt. Mit der ihm eigenen Klarheit und immer neu entzückenden Ge- 
dankenschärfe schreibt Schopenhauer: „An den Tagen und Stunden, wo 
der Trieb „ur Wollust am stärksten, eine brennende Gier, dann sind auch 
die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewusstsein zur grössten 
Tätigkeit bereit; obzwar in dem Augenblicke, wo sich das Bewusstsein 
der Begierde hingegeben hat und ganz davon voll ist, latent. Aber es bedarf 
nur einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehrung der Richtung, und statt 
jener quälenden, bedürftigen, verzweifelten Begierde, dem Reiche der Nacht, 
füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewusstsein, das Reich 
des Lichtes. In besagten Zeiten ist wirklich das kräftigste, tätigste Leben 
überhaupt da, in dem beide Pole mit der grössten Energie wirken. Dies 
zeigt sich bei ausgezeichnet geistreichen Menschen. In besagten Stunden 
wird oft mehr geleistet, als im Jahre der Stumpfheit." Der Seelenvorgang, 
den Schopenhauer hier in so bedeutsamer Weise schildert, muss als 
Sublimierüng bezeichnet werden, und wie ich in meinem bereits erwähnten 
Vortrage über die Bedeutung Schopenhauers für die Psychiatrie dargetan 
habe, finden sich an verschiedenen Stellen in den Werken Schopenhauers 
klare Hinweise auf diesen eigenartigen Prozess der Sublimierüng. 

Wir werden nun gleich sehen, wie bei Schopenhauer auch nach 
einer anderen Richtung hin diese Sublimierüng tätig war. M ö b i u s sucht 
für die eigenartig trübe pessimistische Stimmung bei Schopenhauer das 
Verständnis dadurch zu wecken, dass er eingehend die Abstammung 
Schopenhauers bespricht; insbesondere weist er auf die melancholische 



Psychotherapie und die Philosophie Schopenhauers. 571 

Veranlagung des Vaters Schopenhauers hin, und andererseits legt er eine 
grosse Bedeutung dem Verhältnis Schopenhauers zu seiner Mutter bei, 
mit der es schliesslich ja zu einem offenen Bruch kam. — Bei psychischen 
Störungen finden wir durch eingehende und in die Tiefen dringende Seelen- 
analyse, welche ausserordentliche Bedeutung in dem gestörten Seelen- 
leben das Verhältnis der von der Krankheit befallenen Individualität zu 
seinen Eltern und Geschwistern spielt. Wiederum zeigt eine Vertiefung 
in das Seelenleben Schopenhauers nach dieser Richtung, wie er dank 
seiner genialen Veranlagung über Abgründe hinweg kam und an gefähr- 
lichen Klippen vorbeisteuern konnte. Im ersten Band der „Welt als Wille 
und Vorstellung" im vierten Buche über die Bejahung und Verneinung des 
Willens sagt im § 67 Schopenhauer: „Hauptsächlich also ergreift ihn 
Mitleid über das Los der gesamten Menschheit, welche der Endlichkeit 
anheimgefallen ist, derzufolge jedes so strebsame, oft so tatenreiche Leben 
verlöschen und zu nichts werden muss: In diesem Lose der Menschheit 
aber erblickt er vor allem sein eigenes, und zwar um so mehr, je näher 
ihm der Verstorbene stand, daher am meisten, wenn es sein Vater war." 
Ferner sagt unser Philosoph im ersten Bande der „Welt als Wille und 
Vorstellung" im 45. Kapitel, welches von der Bejahung des Willens zum 
Leben handelt: „Eben darauf, dass der Erzeuger im Erzeugten sich selbst 
wiedererkennt, beruht die Vaterliebe, vermöge welcher der Vater bereit ist, 
für sein Kind mehr zu tun, zu leiden, zu wagen als für sich selbst, und 
zugleich dies für seine Schuldigkeit erkennt." In seinem Lebenslaufe, 
den Schopenhauer für die Berliner philosophische Fakultät am Ende des 
Jahres 1819 schrieb, gedenkt er in rührender Weise seines Vaters, und 
bekannt ist die stolze Widmung der zweiten Ausgabe seines Hauptwerkes 
an den Vater, die mit den schönen Worten schliesst: „Und so muss meine 
Dankbarkeit das einzige tun, was sie für Dich, der Du vollendet hast, 
vermag : dass sie Deinen Namen so weit bringe, als meiner ihn zu tragen 
imstande ist." In dieser Widmung nennt er sein Werk geradezu auch das 
Werk seines Vaters. Er ruft ihm ins Grab den Dank nach, den er einzig 
ihm und keinem anderen schuldig sei. Diese Widmung an den Vater 
ist eine der feinsten Sublimierungen des Strebens nach Identifizierung 
des Erzeugten mit seinem Erzeuger. Wir sprechen von einem Vater- 
komplexe, und die angeführten Beispiele beweisen so recht, welche Kraft 
oei Schopenhauer der Vaterkomplex in seinem Seelenleben gehabt hat. 
Ich möchte nun noch eine Stelle anführen, die ich von besonderem 
Interesse halte, und deren Auffassung vielleicht zum erstenmal vorge- 
tragen wird. Im ersten Bande der „Welt als Wille und Vorstellung" im 
Kapitel 48 sagt Schopenhauer: „Wollte ich nun noch, um das zuletzt 
Gesagte durch ein Beispiel zu erläutern und zugleich eine philosophische 
Mode meiner Zeit mitzumachen, etwa versuchen, das tiefste Mysterium 
des Christentums, also das der Trinität, in die Grundbegriffe meiner 
Philosophie aufzulösen, so könnte dieses unter dem bei solchen Deutungen 
zucestandenen Lizenzen auf folgende Weise geschehen: der heilige Geist 
ist die entschiedene Verneinung des Willens zum Leben. Der Mensch 
in welchem solche sich in concreto darstellt, ist der Sohn. Er ist identisch 
mit dem das Leben bejahenden und dadurch das Phänomen dieser an- 
schaulichen Welt hervorbringenden Willen, das ist dem Vater; sofern 
nämlich Bejahung und Verneinung entgegengesetzte Akte desselben Willens 
sind dessen Fähigkeit zu beidem die alleinige wahre Freiheit ist." Mir 
' 89* 



572 Dr. Otto Juliasburger, 

scheint es keine zu kühne Hypothese zu sein, wenn ich sage, dass dieser 
Versuch Schopenhauers, die Symbolik der Trinität von seiner Weltan- 
schauung aus zu erfassen, von dem in seinein Seelenleben mächtig fort- 
wirkenden Vaterkornplexe aus verständlich wird. 

Und wie steht es mit dem Mutterkomplexe 1 )? Wir wissen, dass 
Schopenhauer der warme und belebende Hauch echter und hingebender 
Mutterliebe gefehlt hat, ja es kam zu einer völligen Entfremdung und 
Abkehr voneinander. Und doch wirkte der Mutterkomplex in unserem 
Philosophen fort. Über die Entstehung seines Werkes schreibt er: „Das 
Werk wächst, konkresziert allmählich und langsam wie ein Kind im 
Mutterleibe. Ich weiss nicht, was zuerst und zuletzt entstanden ist, wie 
beim Kind im Mutterleibe. Ich, der ich hier sitze und den meine Freunde 
kennen, begreife das Entstehen des Werkes nicht, wie die Mutter nicht 
das des Kindes in ihrem Leibe begreift; ich sehe es an und spreche wie 
die Mutter: Ich bin mit Frucht gesegnet." — Wir finden bei seelisch 
Kranken nicht selten das eigenartige Phänomen, dass im gestörten Seelen- 
leben seltsame Erscheinungen auftreten, welche auf eine unbewusste Identi- 
fizierung des Kindes mit der Mutter zurückzuführen sind. Mir scheint, 
als finden wir hier im Seelenleben Schopenhauers einen ähnlichen Vorgang 
sich abspielen, und abermals können wir sagen: durch die glückliche 
Veranlagung zum Genius schuf hier eine psychische Energie Wertvolles, 
während sie unter anderer Konstellation einfach versagt hätte. Im Zu- 
sammenhange mit diesem Gedankengang, der sich mit dem Mutterkomplex 
bei Schopenhauer beschäftigt, verweise ich auf das tief empfundene, gleich 
gedankenreiche wie formvollendete kleine Gedicht Schopenhauers hin, 
welches die Überschrift trägt „Auf die sixtinische Madonna'", die Mutter 
mit dem Kinde. Dieser für das Gedeihen und die Entwicklung einer Persön- 
lichkeit unaussprechlich wichtige Komplex, der dem Leben der Persön- 
lichkeit Gestaltung und Richtung gibt, wurde unserem Philosophen vom 
Schicksal versagt. Was in der Wirklichkeit nicht geboten wird, was in 
ihr unterdrückt wird oder stirbt, lebt aber wieder auf im Reiche der 
Phantasie, in der Welt der Ideale, in der Sphäre der Kunst. Das schöne 
Gedicht auf die sixtinische Madonna fasse ich auf als eine unbewusste 
künstlerische Projektion und Sublimierung des Mutterkomplexes bei 
Schopenhauer. Wir können uns wohl in seine Seele hineinfühlen, wie sie 
vor dem erhabenen Werke in den Grundtiefen erschauerte und erzitterte, 
und wie es heimlich gleich aus verborgenen Tiefen heraufklang und zum 
Gedichte sich formte. Und was der Philosoph in allen seinen späteren 
Werken mit erschütternder Darstellungskraft uns zeigte : das törichte Treiben 
die Qualen und den Schmerz dieser Welt, und wie über all dieser Unrast 
das ruhige Auge des Philosophen lag, der Künstler hat es schon in 
diesem kleinen Gedichte vorweg genommen und wie in einem strahlenden 
Brennpunkte zusammengefasst. 

So sehen wir im Seelenleben unseres Philosophen Kräfte am Werke, 
welche bei glücklicher Veranlagung und Gruppierung schöpferisch tätig 
sind: die Sublimierung gelang. Es ist wiederholt der Versuch gemacht 
worden, Genie und Seelenstörung in einen gewissen Zusammenhang zu 
bringen. Zuzugestehen wird sein, dass in der genialen wie in der krank- 
haften Persönlichkeit die gleichen Komplexe wirksam sein können; aber 

") Juliusburger: Medizinische Klinik 1913, Nr. 28, S. 1144. 



Psychotherapie uod die Philosophie Schopenhauers. 573 

der eigenartige Mechanismus der Sublimierung gelingt in dem einen Falle 
zum Nutzen und Heile der Persönlichkeit, zur Freude und Wonne einer 
ganzen Welt — im andern Falle versagt er, die Persönlichkeit zerbricht und 
zerfällt, am Baume der Menschheit fällt eine Knospe herab. Hier setzt 
die Kunst des Arztes ein. Der Versuch ist zu machen, die Umwandlung der 
psychischen Energien aus niederen zu höheren Formen anzubahnen. Wir 
sollen nicht von vornherein die Hände träge und mutlos in den Schoos 1 
sinken lassen, sondern im Hinblick auf den Gang, den die grosse Meisterin 
Natur im genialen Menschen uns vorgezeigt hat, den grossen Wurf wagen, 
ihrem geheimnisvollen Schaffen nachzugehen. Schopenhauer nennt einmal die 
Genies die glänzenden Punkte, die uns aus der grossen dunklen Masse 
entgegenleuchten. Wir müssen sie als ein Unterpfand nehmen, dass ein 
grosses und erlösendes Prinzip in diesem Sansara steckt, welches zum 
Durchbruch kommen und das Ganze erfüllen und befreien kann. Dieses 
erlösende Prinzip nimmt aber den Prozess der Sublimierung zu seinem 
Instrument, und der Arzt kann nichts anderes tun, als in seiner Weise 
zu diesem Instrument greifen, auf dass es ihm zu einem Mosesstab werde, 
mit dem er dem starren Felsen erquickendes Wasser entlocken kann. 

Aber noch etwas anderes Grosses, Wertvolles und Schönes kann der 
Arzt zum Nutzen derer, die seinen Rat und seine Hilfe suchen, aus der 
Kenntnis der Schopenhauerschen Philosophie mitnehmen. Der Egoismus, 
der ja alle Lebewesen mächtig durchdringt und beherrscht, antreibt und 
bestimmt, spielt in gesunden und in kranken Tagen eine bedeutungsvolle 
und oft verhängnisvolle Rolle. Gerade die Philosophie Schopenhauers und 
die ihr entkeimende Ethik zeigt einen der schönsten Wege zur Ver- 
edelung, zur Sublimierung des Egoismus, wodurch ihm sein verletzender 
Stachel genommen werden kann. Kern der Philosophie Schopenhauers ist 
das €V xai nav. Hinter der Vielheit der Dinge steckt das eine Weltwesen, 
das sich vielfach offenbart. Der Egoismus zerbricht in dem Augenblicke, 
wo unser Bewusstsein die grosse Täuschung durchschaut, wo wir er- 
kennen, dass in allen Wesen doch schliesslich nur das eine Wesen lebt 
und webt. Gelingt es, den Menschen zu dieser Höhe zu führen, von wo er 
den tiefsten Blick in das Leben gewinnen kann, so schmilzt an der Sonne 
dieser Erkenntnis sein Egoismus, das Mitleid erwacht, er findet sein 
Selbst in allen Wesen wieder. Das ist die Stelle, wo der Egoismus, der 
theoretische wie der praktische, sublimiert wird zum reinsten und lautersten 
Altruismus. Dann fliesst das eine Leid in den Strom des grossen Welten- 
wehes. Das gequälte und verletzte Individuum findet Anschluss an das 
grosse Ganze, worin es verankert ist, und wie der Strom sich ins Meer 
ergiesst und mit ihm sich vereinigt, so erhebt und verklärt sich die 
Individualität, wenn sie sich getragen fühlt von dem Wesen, das alle 
Wesen umschliesst und umfängt. Dann kann die Träne versiegen, an 
den Strahlen einer unendlichen Sonne neues Leben sich entzünden. Der 
gesunde wie der kranke Mensch bedarf der Ideale, oder er zerbricht und 
versinkt. Der Arzt, der nicht Handwerker sein will, muss in einem Kranken 
Ideale aufrichten, die aber nur erblühen können auf dem Grunde einer 
idealen Weltanschauung, zu der Artur Schopenhauer ein Führer und Weg- 
weiser ist. 



II. 
Traum nnd Traumdeutung 1 ). 

Von Dr. Alfred Adler. 

(Vortrag, gehalten im September 1912.) 

Ein uraltes Problem, das bis an die Völkerwiege zurückzuverlolgen 
ist. Narren und Weise haben sich daran versucht, Könige und Bettler 
wollten die Grenzen ihres Welterkennens durch Traumdeutung erweitern. 
Wie entsteht ein Traum? Was ist seine Leistung? Wie kann man seine 
Hieroglyphen lesen? 

Ägypter, Chaldäer, Juden, Griechen, Römer und Germanen lauschten 
der Runensprache des Traumes, in ihren Mythen und Dichtwerken sind 
vielfach die Spuren ihres angestrengten Suchens nach einem Verständnis 
des Traumes, nach seiner Deutung eingegraben. Immer wieder wie eine 
bannende Gewalt scheint es auf allen Gehirnen zu liegen: der Traum 
kann die Zukunft enthüllen! Die berühmten Traumdeutungen der Bibel, 
des Talmud, Herodots, Artemidorus, Ciceros, des Nibelungenliedes drücken 
mit unzweifelhafter Sicherheit die Überzeugung aus: der Traum ist ein 
Blick in die Zukunft! Und alles Sinnen geht den Weg, wie man es 
wohl anfinge, den Traum richtig zu deuten, um Zukünftiges zu erspähen. 
Selbst bis auf den heutigen Tag wird der Gedanke, Unwissbares er- 
fahren zu wollen, regelmässig mit dem Nachdenken über einen Traum 
in Verbindung gebracht. Dass unsere rationalistisch denkende Zeit äusser- 
lich ein solches Streben verwarf, die Zukunft entschleiern zu wollen, 
es verlachte, ist nur zu begreiflich, machte es auch aus, dass die Be- 
schäftigung mit den Fragen des Traumes den Forscher leicht mit dem 
Fluch der Lächerlichkeit behaften konnte. 

Nun soll vor allem, um den Kampfplatz abzustecken, hervorgehoben 
werden, dass der Autor keineswegs auf dem Standpunkt steht, der Traum 
sei eine prophetische Eingebung und könne die Zukunft oder sonst Un- 
wissbares erschliessen. Vielmehr lehrt ihn seine umfängliche Beschäf- 
tigung mit Träumten nur das eine, dass auch der Traum, wie jede 
andere Erscheinung des Seelenlebens mit den gegebenen Kräften des 
Individuums zustande gebracht wird. Aber im gleichen Augenblick taucht 
da eine Frage auf, dje uns darüber belehrt, dass die Perspektive auf 
die Möglichkeit prophetischer Träume gar nicht einfach zu stellen war, 
dass sie vielmehr verwirrend als klärend zu wirken imstande ist. Und 
diese Frage lautet in ihrer ganzen Schwierigkeit : Ist es denn für den 

i) Zuerst publiziert in der .österr. Ärzte-Zeitung* (Nr. 7 u. 8, 1913). 



Dr. Alfred Adler, Traum und Traumdeutung. 575 

menschlichen Geist wirklich ausgeschlossen, in einer bestimmten Begrenzt- 
heit in die Zukunft zu blicken? 

Unbefangene Beobachtung gibt uns da sonderbare Lehren. Stellt 
man diese Frage unverblümt, so wird der Mensch sie in der Regel ver- 
neinen. Aber kümmern wir uns einmal nicht um Worte und Gedanken, 
die sich sprachlich äussern. Fragen wir die anderen körperlichen Teile, 
rufen wir seine Bewegungen, seine Haltung, seine Handlungen an, dann 
erhalten wir einen ganz anderen Eindruck. Obwohl wir es ablehnen, 
in die Zukunft blicken zu können, ist unsere ganze Lebensführung derart, 
dass sie uns verrät, wie wir mit Sicherheit zukünftige Tatsachen voraus- 
wissen wollen. Unser Handeln weist deutlich darauf hin, dass wir — right 
or wrong — unser Wissen von der Zukunft festhalten. Noch mehr! 
Es lässt sich leicht beweisen, dass wir nicht einmal handeln könnten, 
wenn nicht 'die zukünftige Gestaltung der Dinge — von uns gewollt 
oder gefürchtet — in uns die Richtung und den Ansporn, die Aus- 
weichung und das Hindernis gäbe. Wir handeln ununterbrochen 
so, als ob wir die Zukunft sicher voraus wüssten, ob- 
wohl wir verstehen, dass wir nichts wissen können. 

Gehen wir von den Kleinigkeiten des Lebens aus. Wenn ich mir 
etwas anschaffe, habe ich das Vorgefühl, den Vorgeschmack, die Vor- 
freude. Oft ist es nur dieser feste Glaube an eine vorausempfundene 
Situation mit ihren Annehmlichkeiten oder Leiden, der mich handeln 
oder stocken lässt. Dass ich mich irren kann, darf mich nicht behindern. 
Oder ich lasse mich abhalten, um im erwachenden Zweifel 1 ) 
zwei mögliche künftige Situationen vorauszuerwägen, ohne zur Entscheidung 
zu kommen. Wenn ich heute zu Bette gehe, weiss ich nicht, dass es 
morgen Tag sein wird, wenn ich erwache, — aber ich richte mich 
danach. 

Weiss ich es denn wirklich? So etwa, wie ich weiss, dass ich 
jetzt vor Ihnen 'stehe und rede? Nein, es ist ein ganz anderes Wissen, 
in meinem bewussten Denken ist es nicht zu finden, aber in meiner 
körperlichen Haltung, in meinen Anordnungen sind seine Spuren deut- 
lich eingegraben. Der russische Forscher Pawlow konnte zeigen, dass 
Tiere, wenn sie eine bestimmte Speise erwarten, im Magen beispiels- 
weise die entsprechenden, zur Verdauung nötigen Stoffe ausscheiden, als 
ob der Magen vorauswüsste, welche Speise er empfangen wird. Das 
heisst aber, dass unser Körper in gleicher Weise mit einer Art Kenntnis 
der Zukunft rechnen muss, wenn er genügen, handeln will, dass er 
Vorbereitungen trifft, als ob er die Zukunft vorauswüsste. Auch in letzterem 
Falle ist diese Berechnung der Zukunft dem bewussten Wissen fremd. 
Aber überlegen wir einmall Kämen wir denn zum Handeln, wenn wir 
mit unserem Bewusstsein die Zukunft erfassen sollten ? Wäre 
nicht die Überlegung, die Kritik, ein fortwährendes Erwägen des Für und 
Wider ein unüberwindlicher Hemmschuh für das, was wir eigentlich nötig 
hiaben, "das Handeln? Folglich muss unser vermeintliches 
Wissen von der Zukunft im Unbewussten gehalten 
werden. Es gibt einen Zustand krankhafter Seelenverfassung, — er 



i) Die Funktion des Zweifels im Leben wie in der Neurose ist, wie ich zeigen 
konnte, immer: eine Aggressionshemmung durchzuführen, einer Entscheidung auszu- 
weichen, und dies der eigenen Kritik zu verbergen. Siehe .Zur Rolle des Unbe- 
wussten* im Zentr. f. Psychoanalyse, 1918, H. 4/5. 



L 



576 Dr. Alfred Adler, 

ist weit verbreitet und kann sich in den verschiedensten Graden dar- 
stellen — j die Zweifelsucht, der Grübelzwang, folie de doute, — wo tat- 
sächlich die innere Not den Patienten antreibt, in allem den einzig 
richtigen Weg zur Sicherung seiner Grösse, seines Persönlichkeits- 
gefühles zu suchen. Die peinliche Untersuchung des eigenen zukünftigen 
Schicksales hebt dessen Unsicherheit so weit hervor, das Vorausdenken 
wird so weit bewusst, dass ein Rückschlag erfolgt: die Unmöglichkeit, 
die Zukunft bewusst und sicher zu erfassen, erfüllt den Patienten mit 
Unsicherheit und Zweifel und jede seiner Handlungen wird gestört durch 
eine andersgerichtete Erwägung. — Den Gegensatz bildet der ausbrechende 
Grössenwahn, -wo ein heimliches, sonst unbewusstes Ziel der Zukunft 
machtvoll hervorsticht und die Realität vergewaltigt. 

Dass das bewusste Denken im Traume eine geringere Rolle spielt, 
bedarf keines Erweises. Ebenso schweigt, die Kritik der nunmehr schla- 
fenden Sinnesorgane. Wäre es undenkbar, dass nun die Erwartungen, 
Wünsche, Befürchtungen, die sich an die gegenwärtige Situation des Träu- 
menden knüpfen, unverhüllter im Traume zutage treten? 

Ein Patient, der an schwerer Tabes erkrankt war, dessen Bewegungs- 
fähigkeit und Sensibilität stark eingeschränkt war, der ferner durch die 
Krankheit blind und taub geworden- war, war ins Krankenhaus gebracht 
worden. Da es keine Möglichkeit gab, sich mit ihm zu verständigen, 
muss seine Situation wohl eine höchst sonderbare gewesen sein. Als 
ich ihn sah, schrie er unaufhörlich nach Bier und belegte irgend eine 
Anna mit unflätigen Schimpfworten. Sein unmittelbares Streben sowie 
die Art der Durchsetzung desselben war ziemlich ungebrochen. Denkt 
man sich aber eines der Sinnesorgane funktionierend, so ist es klar, 
dass nicht bloss seine Äusserungen, sondern auch seine Gedankengänge 
ganz anders verlaufen wären. Der Ausfall der Funktion der abtastenden 
Sinnesorgane im Schlafe macht sich demnach in mehrfacher Richtung 
geltend: in einer Verrückung des Schauplatzes vor allem, ferner auch in 
einem hemmungsloseren Hervortreten des Zieles. Letzteres führt 
mit Notwendigkeit dem wachen Leben gegenüber zu Verstärkungen und 
Unterstreichungen des Wollens, zu analogischen, aber schärferen Aus- 
prägungen und Übertreibungen, die allerdings wieder infolge der Vorsicht 
des Träumers von Einschränkungen oder Hemmungen begleitet sein können. 
Auch Havelock Ellis („Die Welt der Träume", Würzburg, Kabitzsch, 
1911), der andere Erklärungsgründe anführt, hebt diesen Umstand hervor. 
— Von anderen Standpunkten aus kann man in obigem Falle, ebenso wie 
bei den Träumen verstehen, dass erst die Einfühlung in die reale Situa- 
tion zur „Rationalisierung" (Nietzsche) und zur „logischen 
Interpretation" zwingt. 

Immerhin ist die Richtung des Handelns, die vorbauende, vor- 
aussehende Funktion des Traumes immer deutlich erkenn- 
bar 1 ); sie , deutet die Vorbereitungen entsprechend der 
Lebenslinie des Träumers einer aktuellen Schwierig- 
keit gegenüber an, und lässt niemals die Sicherungsabsicht vet- 

i) Zuerst geschildert im „Aggressionst riebe* (Fortschritte der Medizin, Leipzig 
1908), in der „Psychischen Behandlung der Trigeminusnenralgie", im „Beitrag zur 
Lehre vom Widerstand", in der .Syphilidophobie* (Zentr. f. Psychoanalyse 1910 bis 
1911, Bergmann, Wiesbaden) und im .Nervösen Charakter" 1912. 



Traum und Traumdeutung. 577 

missen. Versuchen wir diese Linien an einem Beispiele zu verfolgen. 
Eine Patientin mit schwerer Platzangst, die an einer Hämoptoe er- 
krankt war, träumte, als sie im Bette lag und ihrem Beruf als Ge- 
schäftsfrau nicht nachgehen konnte: 

„Ich trete ins Geschäft und sehe, wie die Mädchen Karten spielen." 
In allen meinen Fällen von Platzangst fand ich dieses Symptom 
als ein vorzüglich geeignetes Mittel, anderen, der Umgebung, den Ver- 
wandten, dem Ehegenossen, den Angestellten Pflichten aufzuerlegen, und 
ihnen wie ein Kaiser und Gott Gesetze zu geben. Unter anderem 
geschieht dies dadurch, dass die Abwesenheit oder Entfernung gewisser 
Personen durch Angstanfälle, aber auch durch Üblichkeit oder Erbrechen 
verhindert wird 1 ). Mir taucht jedesmal bei diesen Fällen die Wesens- 
verwandtheit mit dem gefangenen Papst, dem Stellvertreter! 
Gottes, auf, der gerade durch den Verzicht auf seine eigene Freiheit 
die Verehrung der Gläubigen steigert, ferner auch alle Potentaten zwingt, 
zu ihm zu kommen („Der Gang nach Canossa"), ohne dass sie auf 
einen Gegenbesuch rechnen dürfen. Der Traum fällt in eine Zeit, als 
dieses Kräftespiel schon offen zutage lag. Seine Interpretation liegt auf 
auf der Hand. Die Träumerin versetzt sich in eine künftige Situation, in 
der sie bereits aufstehen kann und auf Gesetzesübertretungen fahndet. 
Ihr ganzes Seelenleben ist durchtränkt von der Überzeugung, dass ohne 
sie nichts in Ordnung geschehen könne. Diese Überzeugung verficht sie 
auch sonst immer im Leben, setzt jeden herab und bessert 
mit unheimlicher Pedanterie alles aus. Ihr immer waches 
Misstrauen sucht stets bei anderen Fehler zu entdecken. Und sie ist 
derart mit entsprechenden Erfahrungen in der Richtung des Misstrauens 
gesättigt, dass sie scharfsinniger wie andere manches von den Fehlern 
anderer errät. 0, sie weiss genau, was Angestellte treiben, wenn man 
sie allein lässt! Sie weiss ja auch, was die Männer anstellen, sobald 
sie allein sind. Denn, „alle Männer sind- gleich !" 

Sie wird ohne Zweifel nach der Art ihrer Vorbereitung, sobald sie 
genesen ist, eine grosse Anzahl von Versäumnissen im Laden, der an die 
Wohnung grenzt, entdecken. Vielleicht auch, dass Kartenspiele gespielt 
wurden. Am Tag nach dem Traume aber befahl sie dem Stubenmädchen 
unter Vorwänden ihr die Spielkarten zu bringen, Hess auch die ange- 
stellten Mädchen häufig an ihr Bett rufen, um ihnen immer wieder 
neue Aufträge zu geben, und um sie zu überwachen. — Um die dunkle 
Zukunft zu erhellen, braucht sie bloss im Wissen des Schlafes, ent- 
sprechend ihrem überspannten Ziel nach Überlegenheit, passende 
Analogien aufzustöbern, die Fiktion von der auch in der Einzelerfahrung 
zutage tratenden Wiederkehr des Gleichen 2 ) prinzipiell und wört- 
lich zu nehmen. Und um schliesslich nach ihrer Genesung recht zu be- 
halten, war ja nur nötig, das Mass ihrer Anforderungen höher zu stellen. 
Fehler und Versäumnisse mussten dann wohl offenkundig werden. 

i) Vgl. Adler, .Beiträge zum organischen Substrat der Neurosen", österr. 
Ärztezeitung 1912, H. 23 u. 24 und einen Ausschnitt aus der Krankengeschichte der 
obigen Patientin in .Zur Bolle des ÜnbewuBsten" (1. c). 

2) Die genauere Kenntnis dieser .Fiktion des Gleichen", einer der wichtigsten 
Voraussetzungen des Denkens überhaupt und des Kausalitätsprinzipes verdanke ich 
meinem Freunde und Mitarbeiter A. Häutler. Siehe .Fiktionen des Denkens". 
(Ztt. f. Psychoanalyse. Im Erscheinen.) 



578 Dr. Alfred Adler, 

Als ein weiteres Beispiel der Traumdeutung möchte ich jenen aus 
dem Altertume von Cicero überlieferten Traum des Dichters Simonides 
benützen, an welchem ich schon früher einmal („Zur Lehre vom Wider- 
stand" 1. c.) ein Stück meiner Traumtheorie entwickelt habe. Eines Nachts, 
kurz vor einer Reise nach Kleinasien, träumte Simonides, „ein Toter, 
den er einst pietätvoll begraben hatte, warne ihn vor dieser Reise". 
Nach diesem Traume brach Simonides seine Reisevorbereitungen ab und 
blieb zu Hause. Nach unserer Erfahrung in der Traumkenntnis dürfen 
wir annehmen, das» Simonides diese Reise gescheut habe. Und er ver- 
wendete den Toten 5 ), der ihm verpflichtet schien, um sich mit den 
Schauern des Grabes, mit Vorahnungen eines schrecklichen Endes dieser 
Reise zu schrecken und zu sichern. Nach der Mitteilung des 
Erzählers, soll das Schiff untergegangen sein, ein Ergebnis, das dem 
Träumer in Analogie mit anderen Unglücksfällen längere Zeit vorgeschwebt 
haben mag. Wäre übrigens das Schiff glücklich angelangt, wer hätte 
abergläubische Gemüter gehindert, bestimmt anzunehmen, es wäre doch 
untergegangen, wenn Simonides der warnenden Stimme kein Gehör ge- 
schenkt hätte und mitgefahren wäre? 

Wir sehen demnach zwei Arten von Versuchen, im Traume voraus- 
zudeuten, ein Problem zu lösen, das anzubahnen, was der Träumer in 
einer Situation will. Und er wird es auf Wegen versuchen, die seiner 
Persönlichkeit, seinem Wesen und Charakter angemessen sind. Der Traum 
kann eine der in der Zukunft erwarteten Situationen als bereits gegeben 
darstellen (Traum der Patientin mit Platzangst), um im Wachen das 
Arrangement dieser Situation hinterher heimlich oder offen durchzuführen. 
Der Dichter Simonides verwendet ein altes Erlebnis, offenbar, um nicht zu 
fahren. Halten Sie hier fest daran, dass es ein Erlebnis des Träumers 
ist, seine eigene Auffassung von der Macht der Toten, seine eigene Situa- 
tion, in der ihm ein Entschluss not tut, zu reisen oder zu bleiben, — 
erwägen Sie alle Möglichkeiten, dann drängt sich unweigerlich der Ein- 
druck auf, Simonides träumte diesen Traum, um sich einen Wink zu 
geben, um sicher und ohne Schwanken zu Hause zu bleiben. Wir dürfen 
wohl annehmen, dass unser Dichter, auch ohne diesen Traum geträumt 
zu haben, zu Hause geblieben wäre. Und unsere Patientin mit der Platz- 
angst? Warum träumt sie von der Nachlässigkeit und Unordentlichkeit 
ihres Personals? Hört man daraus nicht deutlich die Fortsetzung: Wenn 
ich nicht dabei bin, geht alles drunter und drüber, und wenn ich wieder 
gesund bin und die Zügel in die Hand nehme, werde ich schon allen 
zeigen, dass es ohne mich nicht geht." Wir dürfen demnach erwarten, 
dass diese Frau bei ihrem ersten Erscheinen, im Geschäfte allerlei Ent- 
üeckungen von Pflichtvergessenheit, von Nachlässigkeiten machen wird, 



') Über die Verwendung solcher bereitgestellter, affektauslösender Erinne- 
rungsbilder, die eben den Zweck haben, Affekte und deren Folgen, vorsichtige 
Haltungen, aber auch Ekel, Üblichkeit, Angst, Furcht vor dem geschlechtlichen 
Partner, Ohnmacht und andere neurotische Symptome hervorzurufen, wird noch aus- 
führlich abzuhandeln sein. Vieles davon habe ich im , Nervösen Charakter* (1. c) 
als Gleichnis (z. B. als Inzestgleichnis, als Verbrechensgleichnis, als Gottähnlichkeit, 
als Grössen- und Kleinheitswahn) auflösen können oder als „Junktim* beschrieben. 
Soweit mir bekannt, ist nur Herr Professor Hamburger zu annähernd ahnlichen 
Anschauungen gekommen. Eine ausführliche Schilderung dieser neurotischen Arran- 
gements erschien in den „Jahreakursen für ärztl. Fortbildung*, Mai 1918, Verlag 
von Lehmann, München („Individualpsychologische Behandlung der Neurosen"). 



, -« 



Traum und Traumdeutung. 579 

denn Sie wird ja mit Argusaugen zusehen, um ihrer Idee von ihrer Über- 
legenheit gerecht zu werden. Sie wird sicherlich recht behalten, — und 
hat demnach im Traum die Zukunft vorausgesehen *), 

Ich muss nun eine Erörterung einschalten, um einem Einwand zu 
begegnen, der gewiss schon vielen auf der Zunge sitzt. Wie will ich 
es denn erklären, dass der Traum auf die zukünftige Gestaltung der 
Dinge Einfluss zu nehmen sucht, wo doch die meisten unserer Träume 
unverständliches, oft albern scheinendes Zeug vorstellen? Die Wichtig- 
keit dieses Einwandes leuchtet so sehr ein, dass die meisten der Autoren 
das Wesentliche des Traumes in diesen bizarren, unorientierten, (unver- 
ständlichen Erscheinungen gesucht haben, diese zu erklären trachteten, 
oder auf die Unverständlichkeit des Traumlebens gestützt, dessen Be- 
deutsamkeit geleugnet haben. Scherner insbesondere von den neueren 
Autoren, und Freud haben das Verdienst, eine Deutung der Rätsel des 
Traumes versucht zu haben; letzterer hat, um seine *Traumtheorie zu 
stützen, nach welcher der Traum sozusagen ein Schwelgen in kindlichen, 
unerfüllt gebliebenen, sexuellen Wünschen vorstellen sollte, in dieser Un- 
verständlichkeit eine tendenziöse Entstellung gesucht, als ob der Träumer, 
ungehindert von seinen kulturellen Schranken, dennoch verbotene Wünsche 
in der Phantasie befriedigen wollte. Diese Auffassung ist heute ebenso 
unhaltbar geworden wie die Anschauung von der sexuellen Grundlage 
der Nervenkrankheiten oder unseres Kulturlebens. Die scheinbare Un- 
verständlichkeit des Traumes erklärt sich vor allem aus dem Umstände, 
dass der Traum kein Mittel ist, um die zukünftige Situation zu 
erhaschen, sondern bloss eine begleitende Erscheinung, eine Spiegelung 
von 'Kräften, eine Spur und ein Beweis davon, dass Körper und Geist einen 
Versuch des Vorausdenkens unternommen haben, um der Persönlichkeit 
des Träumenden gerecht zu werden im Hinblick auf eine bevorstehende 
Schwierigkeit. Eine gedankliche Mitbewegung also, in ähnlicher Richtung 
verlaufend wie der Charakter und wie das Wesen der Persönlichkeit es 
verlangen, in schwer verständlicher Sprache, die, wo man sie versteht, 
nicht deutlich redet, aber ■ andeutet, wohin der Weg geht. — So not- 
wendig Hie Verständlichkeit unseres wachen Denkens und Redens ist, 
weil Slie die Handlung vorbereiten, so überflüssig ist sie zumeist im 
Traume, der etwa dem Rauch des Feuers zu vergleichen ist und nur 
zeigt, wohin der Wind geht. 

Anderseits kann uns aber der Rauch verraten, dass es irgendwo 
Feuer gibt. Und zweitens kann uns die Erfahrung darüber belehren, an 
dem Rauch über das Holz Aufschluss zu gewinnen, das da brennt. 

Zerlegt man einen Traum, der unverständlich erscheint, in seine 
Bestandteile, und kann man von dem Träumer in Erfahrung bringen, 
was diese einzelnen Teile für ihn bedeuten, so muss sich bei einigem 
Fleiss und Scharfsinn der Eindruck ergeben, dass hinter dem Traum 



i) Es lässt sich leicht erraten, dass Simonides, der als Dichter nach der 
Unsterblichkeit zielte, diesem Traum gemäss durch Todesfurcht konste liiert 
war, während die Patientin mit Platzangst das fiktive Ziel eines Herrschertums, 
ein Königinnenideal verfolgte. Vgl. fdr ersteres auch „Individualpsychologische 
Ergebnisse über Schlaflosigkeit* (Fortschritte der Medizin, Leipzig 1913), wo unter 
anderem die Beziehung kindlicher Todesfurcht zum ärztlichen Beruf hervorgehoben ist 



580 Dr. Alfred Adler, 

Kräfte im Spiel waren, die nach einer bestimmten Richtung streben. 
Diese Richtung wird auch sonst im Leben dies Menschen festgehalten er- 
scheinen und ist durch sein Persönlichkeitsideal bestimmt,- durch die 
von ihm als drückend empfundenen Schwierigkeiten und Mängel. Man 
erhält also durch diese Betrachtung, die wir wohl eine künstlerische 
nennen dürfen, die Lebenslinie des Menschen, oder einen Teil derselben, 
wir sehen seinen unbewussten Lebensplan, nach welchem er der An- 
spannungen des Lebens und seiner Unsicherheit Herr zu werden strebt. 
Wir sehen auch die Umwege, die er macht, um des Gefühles der Sicher- 
heit wegen, und um einer Niederlage auszuweichen. Und wir können den 
Traum ebenso, wie jede andere seelische Erscheinung, wie das Leben 
eines Menschen selbst dazu benützen, um über seine Stellung in der 
Welt und zu der anderer Menschen Aufschlüsse zu erhalten. — Im 
Traum erfolgt die Darstellung aller Durchgangspunkte 
des Vorausdenkens mit den Mitteln der persönlichen 
Erfahrung. 

Dies führt uns zu einem weiteren Verständnis der anfänglich un- 
verständlichen Einzelheiten in dem Aufbau des Traumes. Der Traum 
greift selten — und auch dann ist dies wieder durch einen besonderere 
Charakter des Träumenden bedingt — zu einer Darstellung, in der letzte 
Ereignisse, letzte Bilder auftauchen. Sondern zur Lösung einer schwe- 
benden Frage klingen einfachere, abstraktere, kindlichere Gleichnisse 
an, häufig an ausdrucksvollere, dichterische Bilder gemahnend. So wird 
etwa eine drohende Entscheidung durch eine bevorstehende Schulprüfung 
ersetzt, ein starker Gegner durch einen älteren Bruder, der Gedanke an 
einen Sieg durch einen Flug in die Höhe, eine Gefahr durch einen Ab- 
grund. Affekte, die in den Traum hineinspielen, stammen immer aus 
der Vorbereitung und aus dem Vorausdenken, aus der Sicherung für 
das wirklich bevorstehende Problem 1 ). Die Einfachheit der Traumszenen 
— einfach gegenüber den verwickelten Situationen des Lebens — ent- 
sprechen mir vollkommen den Versuchen des Träumers, unter Ausschal- 
tung der verwirrenden Vielheit der Kräfte, in einer Situation dadurch 
einen Ausweg zu finden, dass er es unternimmt, eine Leitlinie zu ver- 
folgen nach Ähnlichkeit der einfachsten Verhältnisse. So wie etwa ein 
Lehrer den Schüler fragt, der einer Frage nicht gewachsen ist, der sich 
zum Beispiel keinen Rat weiss, was er bezüglich der Fortpflanzung der 
Kraft zu antworten hätte: „was geschieht, wenn Ihnen jemand .einen 
Stoss gibt?" Käme zu dieser letzten Frage ein Fremder ins Zimmer, 
er würde den fragenden Lehrer mit dem gleichen Unverständnis betrachten, 
wie wir es tun, wenn man uns einen Traum erzählt. 

Drittens aber hängt die Unverständlichkeit des Traumes mit dem 
zuerst erörterten Problem zusammen, bei welchem wir gesehen haben, 
dass zur Sicherheit des Handelns eine ins Unbewusste versenkte An- 
schauung von der Zukunft gehört. Diese Grundanschauung über das 
menschliche Denken und Handeln, derzufolge eine unbewusste Leitlinie 
zu einem im Unbewussten liegenden Persönlichkeitsideal führt, habe ich 
in meinem Buch „Über den nervösen Charakter" (Bergmann, Wiesbaden, 



l) Verstärken eich aber tendenziös aua dem Traumbild, wenn dies erforder- 
lich ist. 



Traum und Traumdeutung. 581 

1912) ausführlich dargelegt. Der Aufbau dieses Persönlichkeitsideales und 
der zu ihm hinführenden Leitlinien enthalten das gleiche Gedanken- und 
Gefühlsmaterial, wie der Traum und wie die Vorgänge, die hinter dem 
Traum stecken. Der Zwang, der es ausmacht, dass das eine seelische 
Material im Unbewussten verbleiben muss, drückt so sehr auf die Ge- 
danken, Bilder und Gehörwahrnehmungen des Traumes, dass diese, 
um die Einheit der Persönlichkeit nicht zu gefährden, 
ebenfalls im Unbewussten, besser gesagt: unverständlich bleiben müssen. 
Denken Sie beispielsweise an den Traum der Patientin mit Platzangst. 
Was sie eigentlich kraft ihres unbewussten Persönlichkeitsideales anstrebt, 
ist die Herrschaft über ihre Umgebung. Verstünde sie ihre Träume, so 
würde ihr herrschsüchtiges Streben und Handeln der Kritik ihres wachen 
Denkens weichen müssen. Da aber ihr wirkliches Streben nach Herrschaft 
geht, muss der Traum unverständlich sein. An diesem Punkte kann 
man auch begreifen, dass seelische Erkrankungen, alle Formen von Ner- 
vosität unhaltbar werden und der Heilung entgegengehen, wenn es gelingt, 
die überspannten Ziele des Nervösen ins Bewusstsein zu bringen und dort 
abzuschleifen. 

Ich will nun an einem Traume einer Patientin, die wegen Reiz- 
barkeit und Selhstmordideen in meine Behandlung kam, auszugsweise 
zeigen, wie sich die Deutung eines Traumes durch den Patienten selbst 
vollzieht. Ich will besonders hervorheben, dass Sie das Analogische der 
Traumgedanken jedesmal hervortreten sehen in dem „Als Ob"* 1 ), mit 
dem die träumende Person die Erzählung beginnt. Die schwierige Situa- 
tion der Träumerin bestand darin, dass sie sich in den Mann ihrer Schwester 
verliebt hatte. Der Traum lautet: 

Ein Napoleon-Traum 2 ) . 

„Mir träumte, als ob ich im TanzsaaJ wäre, ich hatte ein hübsches 
blaues Kleid, war recht nett frisiert und tanzte mit Napoleon." 

Hierzu fällt mir folgendes ein: 

Ich habe meinen Schwager zu N. erhoben, denn sonst lohnte 
es sich nicht der Mühe, der Schwester ihren Mann wegzunehmen. (D. h. 
ihr neurotisches Streben ist gar nicht auf den Mann gerichtet, sondern 
darauf, der Schwester überlegen zu sein.) Um über die ganze Geschichte 
den Mantel der Gerechtigkeit breiten zu können, ferner, um nicht den 
Anschein zu erwecken, als ob mich die Rache, weil ich zu spät ge- 
kommen bin, zu dieser Handlung veranlasst hätte, muss ich mich als 
Prinzessin Luise wähnen, mehr als die Schwester, so zwar, dass es 
ganz natürlich erscheint, dass Napoleon sich von seiner ersten Frau 
Josefine scheiden lässt, um sich eine ebenbürtige Frau zu nehmen. 

Was den Namen Luise betrifft, so habe ich denselben längere Zeit 
hindurch geführt; es hat sich einmal ein junger Mann nach meinem 



i) Vgl. Vai hinger, .Die Philosophie des Als-Ob", Berlin, Reuther und 
Reich (mit 1911, dessen erkenntnis-tbeoretische Anschauungen auf anderen Gebieten 
mit meinen Auffassungen in der Neuroaenpsychologie vollkommen übereinstimmen. 

2) Napoleon, Jesus, die Jungfrau von Orleans, Maria, aber auch der Kaiser, 
der Vater, ein Onkel, die Mutter, ein Bruder etc. sind häufige Ersatzideale der auf- 
gepeitschten Gier nach Überlegenheit und stellen gleichfalls richtunggebende, affekt- 
auslösende Bereitschaften im Seelenleben des Nervösen dar. 



582 Dr. Alfred Adler, 

Vornamen erkundigt, und meine Kollegin, wissend, |dass mir Leopoldine 
nicht gefällt, sagte kurzweg, ich heisse Luise. 

Dass ich eine Prinzessin bin, träumt mir öfters (Leitlinie), und zwar 
ist dies mein kolossaler Ehrgeiz, der mich im Traume immer eine 
Brücke über die Kluft, die mich von den Aristokraten trennt, finden 
lässt. Ferner ist diese Einbildung darauf berechnet, beim Erwachen es 
um so schmerzlicher zu empfinden, dass ich in der Fremde aufgewachsen 
und allein und verlassen bin; die traurigen Gefühle, die mich dann be- 
schleichen,, setzen mich in den Stand, hart und grausam gegen 
alle Menschen zu sein, die das Glück haben, mit mir in Ver- 
bindung zu stehen. 

Was nun N. betrifft, so will ich bloss bemerken, dass, nachdem 
ich nun einmal kein Mann bin, ich mich nur vor jenen beugen will, die 
grösser und mächtiger als die anderen sind; übrigens würde mich dies 
nicht hindern, am Ende zu behaupten, W: sei ein Einbrecher (Einbrecher- 
träume). Auch würde ich mich nur beugen, nicht etwa auch unter- 
werfen, denn ich möchte den Mann, wie aus einem anderen Traume 
hervorgeht, an einem Faden halten, und dann, dann will ich tanzen. 

Das Tanzen muss mir gar vieles ersetzen, denn die Musik hat einen 
kolossalen Einfluss auf mein Gemüt. 

Wie oft hat mich bei irgend einem Konzert das sehnende Verlangen 
überkommen, zu meinem Schwager zu eilen und ihn halbtot küssen zu 
dürfen. 

Um nun diesen Wunsch einem fremden Manne gegenüber nicht in 
mir aufkommen zu lassen, muss ich mich mit der ganzen Leidenschaft 
dem Tanze hingeben oder, für den Fall, als ich nicht engagiert bin, 
mit zusammengepressten Lippen sitzen und finster vor mich hinblicken, 
um jede Annäherung eines anderen unmöglich zu machen. 

Ich wollte der Liebe nicht unterliegen, und meines Er- 
achtens gehören Ball und Liebe zusammen. 

Die blaue Farbe habe ich gewählt, weil sie mich am besten kleidet, 
und ich von dem Wunsche beseelt war, einen günstigen Eindruck auif 
N. zu machen; jetzt habe ich doch schon das Bestreben zu tanzen, 
was ich früher auch nicht konnte." 

Von hier aus würde die Deutung noch viel weiter gehen, um 
schliesslich zu zeigen, dass der unbewusste Plan dieses Mädchens bloss 
auf Herrschsucht ausging, derzeit aber so weit geändert und abgeschwächt 
ist, dass sie im Tanzen nicht mehr eine persönliche Demütigung erblickt. 

Ich bin am Schlüsse angelangt. Wir haben gesehen, dass der Traum 
eine für das Handeln wohl nebensächliche seelische Erscheinung vor- 
stellt, dass er aber wie in einer Spiegelung Vorgänge und körper- 
liche Attitüden verraten kann, die auf das spätere Handeln ab- 
zielen. Ist es demnach verwunderlich, dass die Volksseele aller Zeiten 
mit der Untrüglichkeit eines allgemeinen Empfindens den Traum als ein 
auf die Zukunft weisendes Gebilde aufnahm? Ein ganz Grosser, der wie 
in einem Brennpunkt alle Empfindungen der Menschenseele in sich ver- 
einigte, Goethe, hat dieses „In-die-Zukunft-Schauen" des Traumes und 
die darin verströmende vorbereitende Kraf* in einer Ballade herrlich 
gestaltet. Der Graf, der vom heiligen Land in seine Burg heimkehrt. 



Traum und Traumdeutung. 



583 



findet diese verwüstet und leer. In der Nacht träumt er von einer Zwergen- 
hochzeit. Und der Schluss des Gedichtes lautet: 

Und sollen wir singen, was weiter gescheh'n, 

So schweige das Toben und Tosen. 

Denn, was er, so artig, im kleinen geseh'n, 

Erfuhr er, genoss er im grossen. 

Trompeten und klingender, singender Schall, 

Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, 

Sie kommen und zeigen und neigen sich all', 

Unzählige, selige Leute. 

So ging es und geht es noch heute. 

Der Eindruck, dass dieses Gedicht des Träumers Gedanken auf 
Hochzeit und Kindersegen gerichtet zeigt, wird von dem Dichter laut 
genug Hervorgehoben. 



. 



III. 

Masken der Religiosität. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Ich habe wiederholt betont, dass alle Neurotiker fromm sind und 
sich dieser Frömmigkeit schämen. Sie stellen sich auch zu Gott „bipolar" 
ein. Der Trotz gegen alle Autorität lässt sie eine Kampfesstellung gegen 
die Trias Vater— Lehrer— Gott einnehmen; aber sie fröhnen alle einem 
heimlichen Gottesdienste, der ausserordentlich fein versteckt ist und mit 
allerlei Bussprozeduren durchsetzt erscheint. Dieses religiöse Kompromiss 
gleicht allen anderen Kompromissen der Neurotiker, die sich bemühen, 
mehrere differente Gefühlsströmungen zu einer einzigen zu vereinigen 
und allen widerstrebenden Tendenzen gerecht zu werden. Besonders 
in der Zwangsneurose kann man diese religiösen Krompomissbildungen 
in geradezu klassischen Formen beobachten ; Unterwerfung und Trotz gegen 
Gott, zu einem Symptom zusammengeschweisst. .... 

Es ist auffallend, wie viele Freigeister und Atheisten man unter den 
Neurotikern findet. Aber dieser Atheismus ist kein, echter und hält keiner 
eingehenden Prüfung stand. Man merkt bei allen Neurotikern eine affek- 
tative Einstellung zum religiösen Problern. Viele sind in Freidenkervereinen, 
sind Monisten, haben Brochüren geschrieben, welche das Dasein Gottes 
bestreiten. Viele ergehen sich in Schmähungen gegen Gott und die Religion, 
machen sich über die Priester lustig oder sind fanatische Pfaffenfeinde! 
Schon die affektative Einstellung macht uns diesen Atheismus verdächtig. 
Denn ein wirklicher Atheist wird sich nie über Gott lustig machen oder 
Schmähungen ausstossen. Denn etwas nicht Existierendes kann man doch 
nicht bekämpfen. Man denke an das treffende Wort von Gottfried 
Keller: Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaft- 
licher Leugner zögen im Grunde an demselben Wagen, von dem der eine 
ebensowenig loskommen könne, als der andere. — Vielleicht Hesse sich 
dieser Satz an keinem anderen Beispiele beweisen, als an dem Pastoren- 
sohne Nietzsche, der zeitlebens ein heimlicher Frömmler geblieben ist 
und dessen „Also sprach Zaratustra" in Erfüllung einer grossen historischen 
Mission die Bibel entwerten, aber durch eine neue Bibel ersetzen soll. Auch 
bei Nietzsche fällt seine affektative Einstellung zum Problem des Glaubens 
sofort auf. Jemand, der einen Antichrist schreibt, ist im Grunde 
genommen ein gläubiger Christ. 

Wir werden in der Lebensgeschichte der Neurotiker immer eine mehr 
oder minder starke fromme Periode konstatieren können. Erst die genaue 
Kenntnis dieser frommen Periode gibt uns das Verständnis seiner ganzen 
Persönlichkeit und seiner ganzen Neurose. Nun pflegen die Kranken diese 
Dinge nur sehr widerwillig und gezwungen mitzuteilen. Während sie 



Dr. Wilhelm Stekel, Masken der Religiosität. 585 

beispielsweise von den sexuellen Erlebnissen, von ihren Verfehlungen 
und Erlebnissen sehr gerne Mitteilung machen, verbergen sie die religiösen 
Erlebnisse in geschickter Weise, gleichsam als könnte mit dem Be- 
sprechen dieser Gefühle und Erlebnisse ein Stück von ihrem Werte ver- 
loren gehen. Sie schämen sich alle ihrer heimlichen Religiosität, denn die 
Analyse zeigt, dass alle diese infantilen Einstellungen noch nicht über- 
wunden sind und die neurotischen Symptome mächtig konstellieren. Aus 
dieser frommen Periode sind gewisse Bruchstücke noch immer erhalten 
und zeugen von der „entschwundenen Pracht". Der eine erzählt, dass er 
das von der Grossmutter geschenkte Kruzifix immer über seinem Bette 
hängen lässt und es auch auf Reisen mitnimmt; der andere hat sein Kinder- 
gebetbuch wohlerhalten aufbewahrt und könnte sich unter gar keinen 
Umständen davon trennen; der dritte hält irgend ein Heiligenbildchen, 
das ihm einmal geschenkt wurde, immer in seinem Notizbuche usw. . . 
Die Neurotiker haben alle einen geheimen religiösen 
„Reliquienkult"; es handelt sich nur darum zuerfahren, 
welche Gegenstände für sie den Wert religiöser Reli- 
quien haben. Zugleich verrät sich ja hier der Glaube an die grosse 
historische Mission, der sich bei den Männern als Christus-, Satans- oder 
Judasneurose, bei den Frauen in der Identifizierung mit Maria äussert. 

Diese Reliquienbildung kann auch geistiger Natur sein und aus 
einem alten Kindergebele einen Satz oder nur ein Wort bewahren, um 
so damit das ganze Gebet zu ersetzen. Pars pro toto! Dafür kann ich gleich 
einige Beispiele erbringen, welche uns diese Masken der Religiosität 
drastisch vor Augen führen. 

Eine Zwangsneurotikerin sagt vor dem Einschlafen „Gibdmi!" oder 
auch nur „G m i". . . Ein anderes Mal sagt sie „L e i s e" und dann kann 
sie erst einschlafen. Was bedeuten diese an und für sich sinnlosen Worte ? 
Das erste ist ein Rudiment aus einem Kindergebet, das schon mit 6 Jahren 
vor dem Einschlafen gesagt wurde und lautete: Lieber Gott verzeih mir! 
Ich bin nicht schuld, die Mama ist nicht schuld, niemand ist schuld. 
Lieber Gott vergib mir!" Aus diesem Gebete rettete sich das „Vergib 
mir", welches in der Festhaltung einer charakteristischen Kindersprache 
als das rätselhafte „Gibmi" erscheint. „Leise" ist aber das Rudiment 
aus dem Liede von Weber „Leise, leise fromme Weise, schwing dich auf 
zum Sternenkreise. Lied erschalle, feiernd walle, mein Gebet zur Himmels- 
halle.' " Dieses Lied repräsentiert für sie ebenfalls ein Gebet. 

Für die Worte kann auch die gesungene oder gepfiffene Melodie von 
„Leise leise" eintreten, welche dann natürlich wieder eine Maske eines 
Gebetes oder sagen wir treffender ein religiöses Gefühl repräsentiert. 

Besonders häufig sind Rudimente aus dem Vater unser, welche 
das ganze Gebet vertreten. Wir werden auch das erwähnte „Gibmi" 
als ein Rudiment erkennen, „Herr vergib uns unsere Schuld, wie auch 
wir vergeben unseren Schuldigern. Ein leise hingehauchtes „Amen" vor 
dem Schlafengehen soll als Ersatz des ganzen Gebetes gelten. Diese 
Worte werden in einer Art Halbschlummer ausgespro- 
chen, wie wenn der Intellekt sich schämen würdezu 
beten und erst die beginnende Narkose des Schlafes eine 
Überrumpelungdeslntelektesherbeiführen würde. „Er- 
löse u n s", sagt ein anderer Neurotiker im hypnagogen Zustande. Auch 
Reste aus alten Kindergebeten, mitunter das ganze Kindergebet wirken all 

Zentral Matt fllr Psychoanalyse. III". 40 



586 Dr. Wilhelm Stekel, 

gute Schlafmittel vermöge der Beruhigung der ängstlichen, um ihr Heil 
besorgten Seele. Einige Male hörte ich das Geständnis von hochintelligenten 
Männern, dass sie das kindische Gebet „Müde bin ich, gehf zur Ruh, 
schliessc meine Äuglein zu, Vater lass die Augen dein über meinem Bette 
sein. — Alle die mir sind verwandt, nimm o Herr in deine Hand; alle 
Lieben gross und klein, sollen dir befohlen sein!" aufsagen, darunter ein, 
Universitätsprofessor der Philosophie, der ein tiefes atheistisches Werk 
publiziert hatte. ... Er meinte rationalisierend, das Gebet erzeuge- die 
Kinderstimmung und in dieser Kinderstimmung höre er zu denken auf 
und dann könne er wunderbar einschlafen. In Wahrheit haben wir es mit 
einer Kompromissbildung zu tun. Er wird infantil, die infantile Frömmig- 
keit erwacht und verschafft ihm das gute Gewissen, mit dem er ein- 
schlafen kann. 

Viele Neurotiker haben selbstverfasste Gebete, welche sich meistens 
auf das Wohlergehen der Umgebung erstrecken und Reaktionsbildungen 
des erregten Gewissens gegen die noch immer präsenten Todeswünsche sind. 
So betete ein kleines Mädchen: Lieber Gott, erhalte mir meine Eltern, 
meine Geschwister, meine Freundinnen, und dann kam eine lange Reihe 
von Menschen, die gleichfalls erhalten werden sollten. Gegen eine Menge 
dieser Menschen richteten sich feindliche Beseitigungsideen, welche dann 
über dem Umwege des Gewissens zu Gebeten wurden. Von diesem Gebete 
hat die Dame eine einzige Reliquie erhalten, ein stammelndes, leise 
hingehauchtes „Erhalt mi" oder nur ein „Haltmi". Aber sie wagt es 
nicht, dieses Gebet aufzugeben, aus Angst, es könnte den Lieben dann 
etwas geschehen. Hier sehen wir den bekannten Glauben au die All- 
macht der Gedanken in negativer Form auftreten. (Die Gottähnlichkeit 
Ad ler 's.) Als Abendgebete sind auch verschiedene Zwangszeremonielle 
zu deuten, wie ich überhaupt seit jeher die religiöse Bedeutung der Zwangs- 
handlungen betont habe. Verschiedene Waschungen vor dem Schlafengehen, 
rätselhafte Verbeugungen, ein flaches Reiben der Hände, ein Niederwerfen 
auf den Boden, ein zehnfaches Bücken, Hessen sich als Rudimente eines 
infantilen religiösen Kultes nachweisen und auflösen. Viele Neurotiker 
kann man dabei überraschen, dass sie die Hände in Gebetstellung gefaltet 
halten, dass sie unmotiviert niederknien oder sich flach zu Boden werfen. 
Ich habe schon betont, dass diese Vorgänge in einer Art Wachtraum vor 
sich gehen. Die Spaltung des Bewusstseins ist schon so weit gediehen, 
dass viele dieser Kranken von diesen religiösen Zeremonien keine Ahnung 
haben oder — besser ausgedrückt — keine Ahnung haben wollen. In 
solchen Dämmerzuständen werden ganze Gebete hergesagt, besonders in 
Zeiten, wo das Individuum seine Persönlichkeit bedroht fühlt. 

Andere Masken der Religiosität drücken das Bedürfnis nach Religion 
aus und zugleich die Tendenz diese frommen Bestrebungen vor dem Be- 
wusstsein zu verschleiern. So ist der Besuch der Kirchen oder anderer 
Gotteshäuser zu erklären. Die Neurotiker suchen sehr gerne Kirchen auf. 
Machen sie eine Reise, so haben sie sicherlich die Kirchen am genauesten 
studiert. Sie werden diese Kirchenbesuche durch allerlei Motivierungen ratio- 
nalisieren. Der eine geht, um die alten Bilder zu bewundern, der andere, 
um Kirchenmusik zu höre*n, der dritte, weil es kühl ist, der vierte, weil es 
ihm „ein Vergnügen macht, die stumpfsinnigen Gesichter der Frommen (I) 
zu beobachten", der fünfte, weil es so still in der Kirche ist und er dorten 
zur Ruhe kommt und einen wunderbaren Frieden empfindet, der sechste, 



Masken und Religiosität 587 

weil er gerade vorbeigegangen ist und sich die Geschichte wieder einmal 

ansehen wollte usw Die Rationalisierungen sind .zahllos, aber die 

Tatsachen des Kirchenbesuches sind die gleichen. 

Ich habe auch konstatieren können, däss viele Naturschwärmer ver- 
kappte Frömmler sind. Manche gehen auf die Berge, um Gott näher zu sein. 
Sie fallen auf dem Gipfel in die Knie und rufen dann verzück taus: Ach 
wie gross ist die Natur I Wie erhaben I und meinen darunter Gott und diese 
Worte sollen ein Gebet ersetzen. Manche beten auch in einer Art frommer 

Scheu. 

Dass sich unter der Gewitterangst die Angst vor dem grollenden 
Gotte verbirgt, habe ich schon in der zweiten Auflage meiner „Nervösen 
Angstzustände" nachgewiesen. Und eine ähnliche Wurzel lässt sich bei 
den meisten anderen Phobien ziemlich mühelos nachweisen. 

Für die Therapie sind diese Tatsachen, die ich hier mitgeteilt habe, 
von der grössten Bedeutung. Es gehört zu den schwersten Aufgaben des 
Psychotherapeuten, diesen Konflikt zwischen Intellekt und Affekt zu lösen. 
Die Wege sind sehr verschieden, Ich kenne Kranke, die sich dann offen 
zu ihrer Frömmigkeit bekannt haben. Andere, welche diese infantilen 
Gefühlsreste überwunden und wirklich freie Menschen geworden sind, 
wenngleich gerade diese Fälle zu den Ausnahmen gehören. In den meisten 
Fällen tritt eine Umwandlung der religiösen Tendenzen ins allgemein 
Ethische auf. Es werden aus diesen heimlichen Frömmlern hochstehende 
Träger aller Kulturbewegungen. Ihr Ethos wird dann ihre Religion. Andere 
flüchten sich in neue Religionen, werden Monisten, oder Theosophen, 
Budhisten, Spiritisten und können so ihren metaphysischen Bedürfnissen 

gerecht werden. 

Auch die Kunst ist dazu berufen, diese religiösen Kräfte zu über- 
nehmen oder auch zu maskieren. Mancher Neurotiker schafft sich plötz- 
lich ein Harmonium an und spielt Choräle, „nur weil sie so feierlich 
klingen", und bestreitet heftig, dass es sich um eine Art Gebet handelt. 
Solche Tendenzen kann der Arzt als Erzieher ausnützen und so jenes not- 
wendige Kompromiss zwischen infantilen und präsenten Glauben herstellen, 
ohne das eine Heilung unmöglich ist. Dabei muss er seine persönlichen 
Überzeugungen zurückstellen. Ich persönlich habe keine religiösen Gefühle, 
was ich einer sehr vernünftigen freien Erziehung meiner Eltern verdanke. 
Ich wurde nie mit der Strafe Gottes bedroht und hörte nie die furchtbaren 
Geschichten von Vergeltung und Hölle, von Sünden, die sich auf Erden 
strafen usw. Ich wurde im rein ethischen Sinne erzogen und das Beispiel 
meiner ethisch sehr hochstehenden Eltern wirkte schon allein auf mich. 
Aber ich dränge meine Überzeugungen nie den Kranken auf. Ich erziehe 
sie nicht zu einer freien Religion, ich entziehe sie nicht ihrem Glauben, 
wenn sie dazu nicht fähig sind. Täte ich das, ich brächte sie wahrscheinlich 
in neue Konflikte. Ich trachte ihren Gottesbegriff, der kleinlich, infantil 
und lächerlich ist, zu erhöhen. Die Vorstellung eines Gottes, der hinter 
den Wolken die Menschen kontrolliert, und über ihre Vergehen ein genaues 
Buch führt, verträgt sich meiner Ansicht nach nicht mit einer echten 
Frömmigkeit. Ich trachte nun, den Kranken den Begriff Gottes grösser 
zu geben, wenn ich sehe, dass sie ohne Religion nicht leben können. Ich 
führe sie zu einer Art von Pantheismus, wobei ich ihre veralteten Sünden- 
begriffc durch eine neue freiere Auffassung des Lebens zu ersetzen trachte. 
Ich nehme ihnen ein, Stück persönlicher Verantwortung und gebe es den 

40* 



588 Dr. Wilhelm Stekel, Masken der Religiosität. 

Naturkräften zurück. Doch es geht nicht in allen Fällen. Viele Menschen 
werden schon geheilt, wenn man sie zu den alten rtormen ihres Glaubens 
zurückführt. Diese Fragen sind von grösster Bedeutung und entscheiden 
oft über den Erfolg der Behandlung. 

Dass man den Glauben an die Allmacht der Gedanken, den Glauben 
an die grosse historische religiöse Mission, an ihre Gottähnlichkeit gründ- 
lich zerstören muss, möchte ich noch besonders hervorheben. Alle diese 
Propheten, Religionsstifter, Erlöser, Heiligen müssen sich als gewöhn- 
liche Sterbliche bekennen und ihre Ohnmacht einsehen, sie müssen auf 
die Phantasie dieser Mission verzichten und sich mit der Realität aus- 
söhnen. Gerade unter Fetischisten begegnet man Menschen, die einen 
solchen Glauben hartnäckig festhalten. Je mehr solcher abstruser sexueller 
Zielvorstellungen sie sich konstruieren, desto mehr entfernen sie sich 
vom Weibe. Der Fetischismus ist die Flucht vor dem Weibe aus asketischen 
Gründen. Das Weib wird zum Repräsentanten der Sünde. Der Fetisch, 
z. B. die Hand, oder ein Sacktuch, das Haar, dient zur Fixierung der Libido, 
welche so dem ganzen Weibe entzogen wird. Die Hauptsache dieser 
fetischisten Konstruktionen: dem Koitus zu entgehen 

Hinter allen asketischen Bestrebungen verbergen sich religiöse Motive. 
Die meisten Fälle von psychischer Impotenz sind hartnäckig festgehaltene 
Bestrebungen, sich durch Entbehrung himmlische Belohnungen zu sichern. 
Das Weib erscheint als Inkarnat des Bösen und der Koitus als Symbol der 
Sünde, ja als die Sünde selbst. So kommen jene merkwürdigen Formen 
von Perversität zustande, in denen jede Lust gestattet wird ausser der 
Immissio penis in yaginam. Alle Versuche zur Heilung dieser Impotenz 
auf ausserehelichem Wege scheitern jämmerlich, während das „Sakrament 
der Ehe" die wunderbarsten Kräfte frei machen und die angeblich Im- 
potenten nach einigen leicht begreiflichen Schwankungen zu vollkommen 
gesunden potenten Ehemännern macht. — 

Diese vorläufigen Mitteilungen mögen genügen. Ich werde an einer 
grösseren Reihe von Traumanalysen, Analysen von Zwangsvorstellungen 
und von verschiedenen Fällen von Fetischismus die weiteren Nachweise 
der geheimen Religiosität der Neurotiker erbringen. Es gibt kein zweites 
Thema, das für das Verständnis der Neurose von solcher einschneidenden 
Bedeutung ist. 



Mitteilungen. 



Zwei interessante Tränme. 
Von B. D. J. van de Linde, Huizen. 

Die beiden hier wiedergegebenen Träume stammen von einer bei 
mir in psychoanalytischer Behandlung stehenden, sehr intelligenten, künst- 
lerisch begabten Patientin. 

Beide sind in mehr als einer Hinsicht interessant; sie wurden in der- 
selben Nacht geträumt und beweisen wieder, dass solche Träume eng 
zusammenhängen. Überdies geben sie den Kern der Krankengeschichte: 
sie wurden geträumt, noch ehe ich Pat. in den ersten 
SitzungenaufdieBedeutungderTräumefürd.ieBehand- 
lung aufmerksam gemacht hatte. 

Sie liefern einen Beitrag zum Kapitel „Todes-Symbolik", von Stekel 
in seiner „Sprache des Traumes" so ausführlich behandelt. Gleichzeitig 
fand ich hier eine bisher noch nicht beschriebene Art und Weise der 
„Traumentstellung". Vorher sei noch bemerkt, dass die Patientin die 
Freud'schen Theorien nicht kannte, dass ich ihr nur erzählte, von wie 
grosser Wichtigkeit auch der Traum für die Behandlung sein könnte und 
sie ersuchte, den ersten Traum nach dieser Sitzung niederzuschreiben 
und mir mitbringen zu wollen. 

In der nächstfolgenden Sitzung brachte sie mir, ausführlich auf- 
geschrieben, die folgenden zwei Träume. 

I. „I c h w a r m i t F r a u A. . . . B. . . . i n S t r e i t g e r a t e n u n d 
brachte ihr Bücher zurück, die sie mir geliehen hatte. 
Ich gelangte zu ihrem Hause, worin viele Treppen waren 
(ganz andere, als in ihrem Hause, das ich kannte). Ich 
ging alle diese Treppen hinauf und sagte zu einem Fräu- 
lein, das da stand: .Geben Sie diese Bücher von mir der 
gnädigen Frau.' Ich packte die Bücher in viel Zeitungs- 
papier. 

Ich sah dort auch ihren Sohn, so wie er aussah, als 
er noch ein Schulfreund von Johann war. Ich sah ihn 
nur, sprach ihn nicht. 

Darauf ging ich hinunter und sagte zu einer Dame, 
die mich hinausbegleitete und einen grossen Schlüssel- 
bund in derHand trug, womit sie die Tür öffne te, zu der 
ich hinaus musste: ,Ist die gnädige Frau böse auf mich?' 



. 



590 



B. D. J. van de Linde, 



,0 nein', antwortete sie, ,sie spricht sehr lieb von Ihnen 1' 
Darauf ging ich for t." — 

II. „Ich ging in ein Geschäft Blumen kaufen. In das 
Geschäft mündete ein dazu gehöriges Treibhaus. Die 
Blumen musste ich in ein Haus bringen, wohin ich den 
Weg nicht wusste. Der Gärtner wollte mir Topfblumen 
geben. .Nein', sagte ich, ,die nicht, ich will abgeschnit- 
tene Rosen haben." Die Rosen waren sehr feine Knospen, 
zart-rosa von Farbe. 

Darauf erkundete ich den Weg nach dem Hause, wo- 
hin ich gehen musste. ,Ich würde Sie von meinem Sohn 
hinbringen lassen', sagte der Gärtner, ,d o c h er ist nicht 
da. Das macht mich so unglücklich, denn ich liebe den 
Jungen so sehr.' Darauf weinte er und sagte: ,Das ist 
eine traurige Geschichte für mich, dochichwerde Ihnen 
den Weg aufzeichnen.' Nun zeichnete er das Folgende: 




T = das Haus 



Ich musste ein paar Stufen hinaufsteigen, um aus 
dem Geschäft zu kommen; in dem kleinen Vorraum, in 
den die Stufen endeten, stand ein junger Mann mit 
schwarzem, halblangem, lockigem Haar und grossen 
graublauen Augen. Eine Mütze trug er tief in die Augen 
gedrückt. Er blickte traurig drein. Das war der Sohn. 
(Es war Johann, doch im Traume wusste ich das nicht; 
ich dachte nur.- ich kenne ihn.) 

Er brachte mich zu dem Hause. Der Weg war so wie 
dieZeichnung, ganzflach, ohneBäume, nur vonschmalen 
Was.s ergraben umgeben. 

Ich fürchtete mich. Es war ganz dunkel und einsam 
und es stürmte. Der Junge wollte gerade etwas zu mir 
sagen, da wurde ich geweckt. Ich habe keinen Augen- 
blick gefühlt, dass es Johann war." — 

Nachtrag: Später fügte sie bei mir noch hinzu, dass 
der Gärtner ihr ein altes vergilbtes Papier gegeben 
hätte, mit einigen Zeichen darauf: „Sanskrit". Es waren 
e i n V, ein I und zwei L. 

Im Anfang waren mir beide Träume sehr rätselhaft, um so mehr als 
die Patientin, sowie ich näher darauf einging, von einem unüber- 
windlichen Schlafbedürfnis befallen wurde, so dass ich 
aufhören musste. Was den ersten Traum anbetrifft, so erzählte sie, dass 
Frau A. . . . B. . . . eine Dame sei, mit der sie viel über eine früher 
projektierte Ehe gesprochen hätte. Diese Dame hätte ihr stets abgeraten^ 
diese Ehe einzugehen, doch es wäre nie zu einem Streit . zwischen ihnen 
gekommen. 

Auf meine Frage assoziiert sie mit dieser Dame sofort eine andere 
Dame, eine Frau C. . . . D. . . . Beide Damen tragen doppelte Namen. 
Mit der letzteren hat sie viele Unannehmlichkeiten gehabt. Auf meine 



Zwei interessante TrÄume. 591 

Frage, was denn für Besonderes an dieser Person wäre, sagte sie : „Ja, das 
war auch so eine abscheuliche Ehe wie die meinige." 

Das Fräulein wusste sie nicht näher zu qualifizieren. Sie konnte 
sich ihrer nur wenig erinnern. 

Die Dame an der Tür mit dem Schlüsselbund (der, wie sie später 
berichtete, eine eigenartige klagende Musik, „einen Trauergesang" machte) 
blieb anfänglich ebenso unerklärlich. Nach und nach brachte sie jedoch 
einige Einzelheiten über diese. „Sie trug ein Schleppkleid und sah sehr 
vornehm aus;" nach einem Weilchen: „Meine Mutter trug auch oft ein 
schleppendes Kleid — ich fand meine Mutter so schön." Später sagte sie, 
dass es ihre Mutter gewesen sei. — 

Über die beiden Namen nachdenkend, die mich nicht weiter brachten, 
kam ich dazu, sie nebeneinander zu stellen, und zu meinem nicht geringen 
Erstaunen formten die Anfangsbuchstaben den Namen des Mannes aus 
der früheren Ehe, der unter schwerer Verdrängung stand, und zwar so, 
dass die Buchstaben A. B. die letzteren, und C. D. die ersteren waren. Die 
Buchstaben A. und B. waren beide Konsonanten. Der Traum gebraucht 
hier, um den Mann zu verbergen, so viel nur möglich zu verbergen, die 
letzten zwei Buchstaben, zwei Konsonante, seines Namens. 

Hiermit war der Traum erklärt. Frau A. . . . B. . . . war die erste 
Frau dieses Mannes, mit der er verheiratet war, als ihn die Patientin, 
kennen lernte. Ihr bringt sie Bücher zurück (d. i. Liebe), die sie von ihr 
entliehen hat. Das Haus, in welchem diese Dame wohnt, ist ein in ihren 
Träumen häufig vorkommendes Haus: so wie sie selbst es nach ihrem 
Horoskop, auf das sie viel hält, nennt: „das Liebeshaus".. Auch für uns 
ist dieses Haus mit seinen vielen Treppen ein bekanntes Symbol. Sie 
übergab die Bücher einem Fräulein mit der Bitte, sie der Dame des Hauses 
zu geben. Dieses Fräulein war die jetzige Frau dieses Mannes (und steht 
meines Erachtens auch für Pat., deren Unbewusstes diese Ehe nochmals 
wünscht). 

Ihr wollte sie die Bücher nicht zurückgeben, nein, sie wünschte 
sie seiner ersten Frau zurückzugeben. Die Bücher waren in viel Zeitungs- 
papier gewickelt, d. h. gut aufgehoben, von ihr begraben. Sie will die 
Sache anullieren. Schliesslich erzählte ihr die Dame an der Tür noch, 
dass Frau A. . . . B. . . . nicht böse auf sie wäre, sondern lieb von ihr 
spräche, womit sie die ganze Geschichte ungeschehen machte. 

Nachdem sie also diese „Liebe" zurückgebracht hat, geht sie hinunter, 
wo sie von der Dame mit dem Schlüsselbund erwartet wird. Diese Dame 
entpuppte sich als ihre Mutter, bei der sie stark verankert ist. 

Sie kehrt wieder zurück zu dieser alten ersten Liebe. 

Patientin sieht in diesem Zurückkehren ein Gehen zu dem „Himm- 
lischen Geliebten". Sie ist fest überzeugt von der theosofischen Auf- 
fassung über Leben und Tod und nennt den „Himmlischen Geliebten" den, 
für den sie von Ewigkeit her bestimmt war. 

Ich sehe darin eine „Mutterleibsphantasie", welche Auffassung sie 
nicht akzeptiert. Sie sagt im Gegenteil, die Mutter sei eine Incarnierung des 
Himmlischen Geliebten, und daher stamme auch die Verankerung. 

Die Dame ist auch als der „Tod" aufzufassen (der Schlüsselbund 
singt einen Trauergesang I), der sie ebenfalls hinauslässt in das Leben, das 
sie sich wünscht, nämlich das hochgeistige Leben mit ihrem jetzigen 



592 B. D. J. van de Linde, 

Manne, wobei sie sich ihr niedrigeres, natürliches Leben (die zurück- 
gebrachten Bücher) abgestorben denkt. Das jetzige Leben geht über den 
Tod hinaus, es gibt für sie keinen Tod. 

Die Analyse des ganzen Traumes ist hier von keiner Bedeutung 
und würde auch zu weit führen. 

Die in diesem Traum angewandte Entstellung gewinnt noch an 
Interesse, wenn man bedenkt, dass die alten kabalistischen Rabbis bei 
der Deutung des Pentateuch sich der gleichen Methode der Text-Erklärung 
bedienten: des sog. Notaricon oder Abkürzung. Sie stellten die Anfangs- 
und Endbuchstaben der Wörter nebeneinander und lasen hieraus den 
tieferen Sinn des Textes. Z. B. Deut: 30 V. 12, fragt Moses: „Wer 
wird für uns gen Himmel steigen?" Der Originaltext lautet: MI. 10 LH 
LNVHShMILH. Die Anfangsbuchstaben bilden das Wort MILH. 
Mylah = Circunicisio ; die Endbuchstaben I H V H = Jehova. Hiermit 
war gesagt, dass die Circunicisio der Weg zu Gott im Himmel war. 
(An indroduction to the Kabalah by William Wynn Westcott.) 

Sie wird am Ende von der Dame hinausgeleitet, (auch die Geburts- 
phantasie ist hier nicht zu vergessen), um im zweiten Traum zu dem 
Gärtner, d. h. zu ihrem jetzigen Mann zu gehen, den sie in Trance oftmals 
als solchen in einem Treibhaus sieht. 

Zu diesem Gärtner geht sie Blumen (d. h. Kinder) kaufen, die sie 
bringen (d. h. gebären) will in das Haus, in dem sich alles abspielt, 
und das sehr weit entfernt liegt, so dass sie den Weg dahin nicht findet. 
(„Ihr Suchen nach Vereinigung mit dem Himmlischen Geliebten.") 

Der Gärtner ist auch der Tod, den sie hier mit ihrem Manne, dem 
Urheber alles Höheren und Besseren identifiziert. Zu beachten ist auch 
die Wortassoziation : Okkulist = der Gärtner, Okkultist = ihr Mann, 
Okkultist ist auch der Tod. 

Noch ein Beweis für diese Auffassung S t e k e 1 's, der Gärtner sei der 
Tod (..Sprache des Traumes"), ist die Tatsache, dass der Giwa in H. P. B. 
Blavatskii Secret Doctrin I. 429: „The howling and terrifie destroyer 
of human passions", und auch „good gardener of nature" genannt wird. 

Der Gärtner wollte ihr den Weg zeigen, er wollte sie von seinem 
Sohne hinführen lassen; dieser war aber nicht da. Dieser Sohn ist das 
Kind, welches sie sich von ihrem Manne wünscht, und das ihr den Weg 
zu dem abgelegenen Hause zeigen muss. Dieses Haus ist wieder dasselbe 
mit den vielen Treppen. Der Sohn zeigt sich dann später als ein junger 
Mann mit halblangen Locken und repräsentiert auch den beinahe er- 
wachsenen Sohn aus einer früheren Ehe, auf den sie eine starke Über- 
tragung hat. Der Gärtner wird ihr den Weg aufzeichnen und gibt ihr 
die für uns ohne weiteres als Penissymbol verständliche Zeichnung. 

Patientin gibt an, die □ seien die niedrigen, die /\ die höheren 
geistigen Gebiete. 

Obwohl sie sehr gut weiss, dass dieses Symbol vertikal stehen muss, 
zeichnet sie es horizontal. An der Spitze steht das ersehnte Haus. 

Später fügt sie hinzu, dass der Gärtner ihr ein altes vergilbtes 
Papier gegeben hatte, worauf verschiedene „Sanskrif'-Buchstaben standen: 
zwei L, ein I und ein V, 

Der Traum muss hier den zu stark hervortretenden Mann (in dessen 
Leben das vergilbte Papier mit" den alten Buchstaben eine Rolle spielt). 



Zwei interessante Träume. 593 

der nicht mit dieser Zeichnung zum Bewusstsein kommen darf, wieder 
verschwinden lassen. 

Wenn man die genannten Buchstaben als eine Figur mit Streich- 
hölzern aneinanderlegt, bekommt man dieselbe Zeichnung zurück. 

Eine wirklich geniale Traumentstellung! 




Die scharfe Kritik des Bewusstseins will den Mann nicht mit der, 
ohne Zweifel unbewusst richtig gefühlten, Zeichnung vereinigt sehen; und 
doch darf die Zeichnung nicht verschwinden, weil sie der wichtigste Weg- 
weiser zu dem abgelegenen Hause ist. 

Das erfindungsreiche Unbewusste zerbricht sie, es macht „Sänskrit"- 
Buchstaben daraus, die auf den Mann hinweisen, doch die ihn aus der 
sexuellen Sphäre heben, aus der das Bewusstsein ihn so eifrig fern zu 
halten sucht. — 

Auch von diesem Traum eine genaue Analyse zu geben ist nicht meine 
Absicht. Sic würde ausserdem das Inkognito der Patientin lüften können 
und wird darum unterlassen. 



II. 

Zur Frage des Selbstmordes. 

Von Dr. J. Birstein, Odessa. 

Aus einer Zeitungsnachricht: „Auf eine noch nicht dagewesene Weise 
hat der russische Fliegeroffizier Perlowski in Warschau 
seinem Leben ein Ende gemacht. Als Mittel zum Selbstmord diente ihm 
der Aeroplan selbst. Er wollte als Flieger den Fliegertod sterben, stieg 
in die Lüfte und Hess aus grosser Höhe den Apparat zu Boden stürzen. 
Es ist dies der erste Fall dieser Art. Man hat zwar schon anlässlich 
gewisser Fliegerunfälle die Vermutung ausgesprochen, dass der Betreffende 
wahrscheinlich absichtlich den Apparat zum Sturz gebracht habe. Eine 
Bestätigung dieser Vermutung war jedoch nie zu erlangen. Bei P e r 1 o w s k i 
fand man aber einen Brief, in dem er selbst erklärte, dass er durch frei- 
willigen Absturz den Tod suchen werde. Er ist also der erste, von dem 
feststeht, dass er die Flugmaschine als Mittel zum Selbstmord benützt hat. 
Nachstehend das uns zugekommene Telegramm: In dem Briefe, den Per- 
lowski kurz vor dem Aufstieg geschrieben hatte, teilte er mit, er werde 
während des Fluges den Motor abstellen und so Selbstmord verüben. Er 
habe das Leben wegen zahlreicher Schikanen, denen er ausgesetzt sei, gründ- 
lich satt." . , 

Eine prägnante, bildliche Darstellung des Selbstmordzieles eines 
Neurotikers, die scharf das Prinzip „oben— unten" im Banne des männ- 
lichen Protestes zeigt. Wohl hat der Zeitungsbericht recht, wenn er 
von gewissen Fliegerunfällen mit Hinweis auf die möglichen, bewussten 



594 Dr. J. Biratein, 

oder unbewussten Selbstmordtriebe spricht. — Aber dieser erste sichere 
Fall ist sehr demonstrativ für unsere Anschauungen über neurotische 
Mechanismen. Die trotzige Einstellung, die wir aus dem Briefe des Aviatikers 
entnehmen, zeigt uns klar den richtigen Sinn des Selbstmordes (oder 
dessen Phantasien, was prinzipiell dasselbe ist). Der Drang nach „oben" 
kann sich nicht realisieren, deshalb Verfolgung derselben fiktiven Zeit- 
linie auf Umwegen. Bei den Juden gibt es ein ausgezeichnetes Sprichwort, 
das eigentlich die ganze neurotische Problemstellung in kurzer Formel 
beleuchtet. Es heisst : „W enn nicht herüber — dann herunte r", 
d. h. um jeden Preis das Erwünschte erreichen. Bei neurotischen 
Menschen sehen wir ja fast fortwährend Versuche, den fiktiven Endzweck 
mit den Mitteln der direkten Aggression zu erzielen. Doch knapp vor der 
Entscheidung rekonstruieren sie das Unsicherheit- und Minder- 
wertigkeitsgefühl, um zum gleichen Ziel durch das „herunter" zu gelangen. 
Die letzte Phase äussert sich in verschiedenartigen Symptomen und Kunst- 
griffen, die bis zu Selbstmordphantasien oder zum Suicid selbst reifen 
können. Wenn man verschiedene Arten von Selbstmord betrachtet, so 
fällt es aufc dass die am meisten gewählten Formen eine Analogie haben 
mit dem Selbstmord des Aviatikers und zwar wieder in Bezug auf das 
psychische Schema: „oben— unten". Z. B. das Erhängen, indem das Sub- 
jekt zum Entschlüsse kommt, sich von der Realität abzustossen 
(eine Bank, oder einen Stuhl etc.), dann das Hinabstürzen von einer 
Anhöhe in die Wogen, oder: das Hinausstürzen aus einem hochgelegenen 
Fenster auf die Strasse, das Sichhinunterwerfen vom hohen Berge in einen 
Abgrund, d. h. das wirkliche Ziel, die Realität (der Boden der Realität), 
kann nur durch vorheriges Vernichten der Persönlich- 
keit, erreicht werden. Dieser Kategorie von Selbstmördern ist im 
psychologischen Sinne eines gemeinsam: die Intensität des männlichen 
Protestes, das stark ausgesprochene Empfinden beider extremen Pole 
(„oben— unten",) und die trotzige Einstellung den verschiedenen Realitäts- 
formen gegenüber. So verwenden sie das Reale zugunsten ihrer fixen 
und fiktiven Idee. Und so entwerten sie ganz und gar das reale Leben.. 
Denselben Modus finden wir auch im Frauenselbstmord, obgleich hier 
ein gegensätzliches Verfahren häufiger beobachtet wird. Mit Vorliebe be- 
dienen sich die Frauen der Gifte. Könnte man dieses Erscheinen vielleicht 
in der Weise betrachten, dass es eben Frauensind, denen die horizontale 
Lage (nach der Vergiftung), die weibliche Rolle, die ihnen von 
Natur aufgedrungen ist, einen Antrieb zum „männlichen Protest" gibt und 
dass sie eben bestrebt sind, letzteren mit weiblichen Mitteln, 
ihrem hermaphroditischen Wesen gemäss, zu realisieren. — Im Zusammen- 
hang mit dem Fliegen und Fallen möchte ich noch einiges über Flug- und 
Fallträume erwähnen. (Eine ausführlichere Besprechung des Themas dürfte 
Adler in einer für die nächste Zeit angekündigten Arbeit bringen.) 

An dieser Stelle will ich nur über den Grundsinn dieser beiden Traum- 
kategorien meine Meinung aussprechen. Ich glaube, dass bei neurotischen 
(schärfer als bei den „normalen") Menschen, die öfters Flugträume haben, 
ein aggressiver Schritt in der Richtung der Überkompensation, der 
Gottheitsidentifizierung, der Entwertung des Realen ausgesprochen ist. Und 
es wäre anzunehmen, dass diese Kategorie eine grössere Zahl von ver- 
bitterten und trotzigen Selbstmördern aufzeigt, als die andere, die häufiger 
Fallträume produziert. Wie bekannt, sind solche Träume mit Angst und 



Zur Frage des Selbstmordes. 595 

Erwachen verbunden. Und die Angst ist ja nichts anderes als ein arrangiertes 
Memento, das sich aus dem männlichen Proteste als eine notwendige 
Sicherungsmassnahme ableiten lässt. Deshalb vollzieht sich bei solchen 
Leuten der Aggressionstrieb auf weiteren Umwegen, sie weisen eine 
zögernde Attitüde auf und weichen vor jeder Entscheidung aus 
(sei es auch im Sinne eines planmässigen, prinzipiell der ersten Kategorie 
gleichen Selbstmordtriebes). Sie sprechen viel und oft über Selbstmord- 
gedanken und Phantasien, aber meistens begnügen sie sich, den realen 
Tod durch andere, mildere Kompromisse resp. Kunstgriffe der Umgebung 
vorzuspielen. Als Mittel dazu werden verschiedene Symptome arrangiert: 
Isolierung, Phobien, Angstzustände, Lähmung etc., alles Surrogate des 
Todes, d. h. der endgültigen Entwertung des Lebens. So erreichen sie 
dasselbe Ziel, aber mit anderen Mitteln. 



III. 

Einige Gedanken über das Volk „mit dem kleinen 

Penis". 

Eine vorläufige Mitteilung von Dr. J. Birstein, Odessa. 

Zufälligerweise hatte ich Gelegenheit, mit einer verhältnismässig 
grossen Zahl von intelligenten und gebildeten Japanern in Europa zu- 
sammenzutreffen. Ich wohnte in demselben Haus, das von ihnen seit 
langem bevorzugt wurde, und so war ich imstande, durch Beobachtung 
ihrer intimen Lebensweise zu einigen, wohl noch spärlichen, psycho- 
logischen Folgerungen zu kommen. 

Die Motive, die mich veranlasst haben, über dieses Thema zu sprechen, 
bestanden hauptsächlich darin, zeigen zu wollen, dass dieselbe psychische 
Konstellation, die wir aus Adler's Studien über Organminderwertigkeit i) 
kennen, und die bei einzelnen Individuen zur gesetzmässigen Verfassung 
des Charakters führen muss, sich auch im seelischen Geschehen einer 
ganzen Nation finden lässt. 

Tatsächlich ist die Meinung verbreitet, dass die Männer japanischer 
Rasse einen im Vergleich mit Europäern kleineren Penis haben. Um diese 
Vermutung auf ihre Wahrheit zu prüfen, habe ich einmal mit einem 
japanischen Arzte die Frage sehr vorsichtig berührt. Der wissenschaft- 
lich gebildete Kollege bestätigte mir sehr aufrichtig meine Vermutung. 

Infolgedessen glaubte ich annehmen zu dürfen, dass das äussere 
Milieu des japanischen Lebens, das an und für sich so seltsam erscheint, 
einer spezifischen Determinierung unterworfen ist und zwar in der Rich- 
tung der Kompensation des durch das minderwertige Organ (den kleinen 
Penis) ausgelösten Minderwertigkeitsgefühls. Wie bekannt, trägt in Japan 
das gesamte Interieur, das ganze Tun und Treiben, die Betätigung in Kunst 
und Beruf etc. einen ausgesprochenen Miniaturcharakter. Das Land ist 



i) Dr. A. Adler, Studie über die Minderwertigkeit von Organen, 1907. 



596 Dr. J. Biretein, 

z. B. durch die Zucht von Zwergpflanzen, Zwergtieren berühmt. Dann 
kommen die im Volke verbreiteten Kunstgewerbe in Betracht: zierliche 
Handarbeiten, kleine geflochtene Gegenstände und die mühsame Elfenbein- 
schnitzerei, wobei die Figuren auffallend kleine und gekrümmte Gestalten 
meistens von Männern darstellen 1 ). Im Zusammenhang mit noch ver- 
schiedenen äusseren Erscheinungen solcher Art glaube ich behaupten zu 
können, dass in diesem Falle eine gewisse (obwohl unbewusste) Anpassungs- 
tendenz klar zutage tritt. Diese Anpassung andas Reale, Unüber- 
windliche könnte man schon als ein unaufrichtiges Resignieren, d. h. 
als einen Versuch der Überkompensation annehmen. Aber, um diesen 
seelischen Mechanismus begreifen zu können, muss man voraussetzen, 
dass derselbe sich beim Fehlen des „Agent provocateur", der Vergleichungs- 
möglichkeit, nicht ausbilden könnte. 

Auch früher war die letztere, im gewissen Grade, durch die un- 
mittelbare Nähe des russischen Reiches gegeben, .ledoch, nur in den 
letzten Jahrzehnten, unter der Regierung des unlängst verstorbenen Mikados, 
der sein Leben mit aller Kraft dem Bestreben Japans zur Gleichberech- 
tigung mit europäischen Mächten gewidmet hat, kommt es zu einer stark 
betonten Rivalität in allen möglichen sozialen und politischen Beziehungen. 

Das Volk wurde allmählich aufgeregter, aggressiver, reizbarer, neu- 
rotischer; aber, vorerst, durch lange Zeit hindurch, lässt sich eine heim- 
liche Vorbereitung beobachten, bis endlich der erste Aggressions- 
versuch durchgeführt wird: der Krieg mit Russland, der bei einem event. 
günstigen Ausgange Japan zu einer Grossmacht erheben sollte. 

So hat der verstorbene Mikado das ganze (auch ohnedem prädispo- 
nierte) Volk auf die Bahn der neurotischen Fiktion gelenkt und neurotisch 
erzogen. 

Nun ist es selbstverständlich, dass der Neurotiker sich nicht mit einem 
Bruchteile befriedigen kann und immer wieder neue Objekte seines ,. männ- 
lichen Protestes" zu suchen genötigt ist. Und dies ist auch in dieser 
Volkspsychologie zutage getreten. 

Russland ist besiegt, entwertet, aber doch treibt das Minderwertigkeits- 
gefühl die japanische Seele zu weiteren Aggressionsbestrebungeu und Über 
kompensationsversuchen : noch einmal der Wunsch — das grosse 
russische Reich ganz zu Boden zu werfen (hinterlistige Objektivität in der 
Frage der republikanischen Verfassung in China etc.). Hierauf kommt 
es zu einem regen Verkehr zwischen Japan und Europa. Gerade in der 
letzten Zeit wandern viele Japaner nach Europa, um hier alles mögliche 
zu erforschen: in politischer, strategisch-kriegerischer und wissenschaft- 
licher Beziehung. Die grosse Ausdauer und Geduld, wodurch sich die- 
selben auszeichnen, zeigt offenbar auf ein halbbewusstes Endziel, welches 
dabei verfolgt wird. Und bemerkenswert ist das sichtbare Benehmen und 
Handeln, bei denen man ziemlich klar den pseudo-rnasochistischen Zug 
durchschauen kann. Diese unterwürfige Höflichkeit, diese tiefen Be- 
grüssungen, gebeugte Haltung, das unmotivierte Lächeln im Gespräche 
mit einem Europäer — das alles beweist uns eben einen "gewöhnlichen 
neurotischen Zug, so wie es bei unseren Patienten — als Unterwerfung, 



') Neulich sah ich eine antike Elfenbeinskulptur, die eine, vom triumphieren 
den Weibe berittene Mannesperson zeigt. 



Einige Gedanken über das Volk .mit dem kleinen Penis". 597 

„Hundeposition", Freud'sche „Übertragung" (!) etc. — zum Vorscheine 
kommt. Wenn die Japaner allein sind, untereinander, so ändert sich das 
ganze Bild: man hört das Singen patriotischer Lieder, das Lächeln ver- 
wandelt sich in ein aufrichtiges Lachen; kurz gesagt, mit der Maskierung 
ist es aus, weil sie unnötig geworden ist. 

Noch einen Beweis für die Entstehung des japanischen ,, männlichen 
Protestes" finde ich in dem Verhältnis dem Oberhauple gegenüber. Der 
Kaiser, resp. Vater, ist mit einem Begriffe der Göttlichkeit verbunden. 
So darf z. B. ein Japaner während des Zeremoniells einer Audienz keinen 
Blick in die Augen des Mikado werfen. Nach der Audienz ziehen sich 
die Untertanen in gebeugter Haltung mit gesenktem Haupte zur Ausgangs- 
türe zurück. Auch nach dem Tode des Kaisers sehen wir dieselbe Ver- 
göttlichung des Verblichenen: man beerdigt ihn auf einem hohen Berge oder 
Hügel. Anscheinend, ist dieses Gefühl vom Volke aufrichtig angenommen, 
aber nur anscheinend, denn es widerspricht ja dem Wunsche jedes 
einzelnen Individuums, sich selbst als Gottheit er- 
blicken zu können. Nun kommen wir auf den Gedanken, dass dieses 
Benehmen eben unaufrichtig ist, indem es eigentlich nur arrangiert wird, 
um zum männlichen Proteste zu führen. Selbstverständlich ist das Haupt- 
ziel, die allzu hochgestellte Fiktion ins Unbewusste, verdrängt, und so ist 
die Möglichkeit des freien und ungezwungenen Handelns erreicht. Eine 
Analogie bietet die Psychologie der Juden. Erstens haben wir ja auch 
im Judentum mit einem gewaltigen Gott (auch Vater) zu rechnen. Vor 
dieser bedrückenden Erscheinung (dazu die Beschneidung, also wieder Ver- 
gleichungsmöglichkeit und Minderwertigkeitsgefühl) rettete sich das 
israelitische Volk durch einen sehr scharfsinnigen Kunstgriff: der Gott- 
Vater wurde auf die Seite geschoben, die , .Mutter" vom Vater getrennt, und 
eine Alliance mit der lieben Mutter und zuletzt mit dem Sohne zustande ge- 
bracht, mit dem Sohne, der doch im "Wahne des männlichen Protestes durch 
arrangierten Selbstmord noch einen protestierenden Beweis der Un Versöhn- 
lichkeit mit dem Vater zutage brachte. 

Auch die mehrfach erwähnte Frage des Antisemitismus stelle 
ich mir psychologisch folgendermassen vor. Wir nehmen an, dass das 
Vorhandensein des Antisemitismus Wirklichkeit ist. Nun aber wird diese 
Tatsache in der jüdischen Volksseele stark betont, aufgebauscht 
und ausgenützt, um sich in eine psychische Situation, die als kon- 
struierter Verfolgungswahn, Minderwertigkeitsgefühl 
etc. zum Endziel — männlichen Proteste — führen muss, 
hineinfühlen zu können. So erkläre ich mir auch das zähe An- 
klammern der Juden an ihren eigentlich gehassten Gott. 

Kurz gesagt, das Volk ist auf einer ununterbrochenen Sucht nach 
schmerzverursachenden Objekten, um durch eben dieses Schmerzempfimlen 
einen immer neuen Ansporn zur Aggression zu haben. 

Durch Geldverhältnisse nähern sie sich wirklich dem erwünschten 
Überkompensationsstreben: Das Geld gibt ihnen die Möglichkeit passiv 
zu verbleiben, nicht zu arbeiten, gewissermassen als Rentier zu figurieren, 
d. h. andere in ihren Dienst zu stellen. Erinnern wir uns an die Zeit 
der Ghettos, speziell an das Frankfurter Ghetto, das die Entstehung der 
ganzen Rothschildangelegenheit determiniert hat: wie bekannt, gelang es 
der Familie, die ganze internationale Politik in ihrer Faust festzuhalten 



A 



598 Dr. J. Birstein, 

und gleichzeitig den Adelsstand zu erzwingen; und sie schwebt den meisten 
Juden als höchstes Ideal vor. 

Wenn wir jetzt nun zum japanischen Volke zurückkehren, so scheint 
mir die eben erwähnte psychische Analogie recht deutlich zum Vorschein 
zu kommen. 

Wir finden auch hier den sichtbaren Kultus des Kleinen, 
eine tendenziöse Verkürzung, dasselbe Ghetto auf den kleinen, isolierten 
Inseln; und dann, als letzten Akt, einen Ausbruch der wirklichen Natur, 
den ersehnten Wunsch nach grosser Wertung und noch mehr — nach 
Überwertung. 

Im Jahre 1904 war die höchste Zeit für solch eine Entspannung 
der verborgenen Kräfte gekommen. Die Ladung (konstruiertes und ver- 
schärftes Minderwertigkeitsgefühl) war hochgespannt und es fehlte nur 
noch ein Funke, um die Explosion hervorzurufen. Dieser Funke war 
wahrscheinlich die russische aggressive Politik im fernen Osten, zu der 
die russische Regierung sich durch das vor dem Kriege zirkulierende Schlag- 
wort berechtigt glaubte: „Japaner? 0, unsere Soldaten können allein schon 
mit ihren Mützen die Zwerge fortjagen." Diesen affektiven Zustand, der 
selbstverständlich mit einer Unzurechnungsfähigkeit verbunden war, haben 
die Japaner scharfsinnig ausgenützt, und so kam es zum ersten Kriege, 
zum ersten, lange erwarteten Triumphe. Japan wurde als Grossmacht 
erklärt und die europäischen Regierungen waren gezwungen, das Land als 
gleichberechtigt zu betrachten. 

W ie ich schon vorher in bezug auf das neurotische Bestreben des 
einzelnen Individuums, immer neue Siege zu erzielen, immer weitere Ent- 
wertungen zu produzieren, „alles haben zu wollen'", allen überlegen, voraus 
zu sein etc., erwähnt habe, so konnte man auch in dem Falle des neurotisch 
erzogenen Volkes denselben seelischen Mechanismus erwarten. Und in 
der Tat beobachten wir auch, ganz objektiv genommen, eine Reihe von 
Symptomen, die man ohne Schwierigkeit dechiffrieren kann. Ich greife 
einige heraus: 

1. Mir wurde das prinzipielle Benehmen der Japaner den europäischen 
Frauen gegenüber bekannt. Zuerst: betonte Liebenswürdigkeit, Zeichen 
der Verehrung, Geschenke, Verlockung. Zweiter Akt: sexueller Verkehr 
('psychologisch Überwältigung). Im letzten Akte wird alles getan, um das 
betreffende Weib zu entfernen (entwerten). Dabei bekommt man nicht 
selten zu hören, dass, nachdem das Weib gefallen ist, die Japaner eine Art 
von Abscheu, Ekel etc. ihr gegenüber empfinden und zeigen. Sie verfolgen 
die Frau hartnackig, bis sie ihr Ziel erreichen — die Entfernung, die grosse 
Distanz, um zu weiteren Objekten ihres männlichen Protestes gelangen 
zu können. Hier sieht man das „Sexuelle" deutlich als Nebenprodukt, 
das als eine bestimmte psychische Reaktion im seelischen Laboratorium 
nur als „Modus dicendi" (Adler) eine, wenn auch vielleicht bedeutsame 
Rolle spielt. 

2. Beim Durchblättern einer japanischen Zeitung wurde ich auf 
zwei Zeichnungen aufmerksam (reproduziere sie anbei). 

Die eigenartigen Abbildungen, deren richtigen Sinn ich nicht be- 
greifen konnte, veranlassten mich, an einen japanischen Herrn die Bitte 
zu richten, mir den entsprechenden Text zu übersetzen. Obwohl ich, 
wie gesagt, die rätselhaften Bilder nicht verstehen konnte, assoziierte 
ich mit den Abbildungen Gedanken über die symbolische Bedeutung der 



Einige Gedanken über das Volk „mit dem kleinen Penis". 



599 



Schlange (Penis). Hauptsächlich fiel mir auf, als ich die Zeichnungen 
aufmerksamer betrachtete: die untere schien mir ein phallusab.nlicb.es Ge- 
bilde und die obere eine Schlange (Penis) zwischen gespreizten Beinen 
darzustellen. 

Aus der Übersetzung des reichhaltigen Textes hebe ich besonders 
markante Stellen hervor. Das Ganze ist die Wiedergabe eines Interview 
mit einem japanischen Schlangenhändler in Tokio. „Der Händler erzählt, 
dass in der letzten Zeit in Paris eine Mode entstanden sei, die sich darin! 
äussert, dass die Frauen der vornehmen Welt ihre Handschuhe und Strümpfe 
mit Schlangenabbildungen verzieren lassen (so wie es die Bilder darstellen). 
Diese Mode wurde aus Paris in ganz Europa und Amerika verbreitet. Wie 
steht es nun in Japan mit der Schlangenfrage? 




Wenn man einen Schlangenhändler in Tokio besucht, so fühlt man 
sofort einen unangenehmen und eigentümlichen Geruch. 

Es gibt verschiedene Arten von Schlangen in verschiedensten Grössen: 
von 20 cm bis 1,3 m Länge. Die kleinen sind herzig, färbenschön, silber- 
schimmernd usw. 

Sie brauchen zu ihrer Existenz immer viel Feuchtigkeit, sonst 
bekommen sie bald Hautrisse und verkommen. Im Winter fressen 
und trinken die Schlangen nichts. E r s t i m F r ü h 1 i n g , im April, fangen 
sie etwas zu trinken an. Jedoch müssen sie im Winter künstlich erwärmt 
werden, da sie sonst zugrunde gehen würden." 



600 Dr. J. Birstein, 

Weiter wird vom Gebrauche der Sehlangen zu medizinischen Zwecken 
als Universalheilmittel gesprochen und da heisst es: „Eine gewisse Art 
sei die wirksamste und in gebratenem Zustande sehr schmackhaft. Dann 
verwendet man eine bestimmte Sorte (und zwar die ausländische) 
für Spazierstöcke und Krawatten. 

Die japanischen Schlangen unterscheiden sich von den europäischen 
durch ihre schönen Schuppen, ihre glänzende, dem feinsten Seidenstoffe 
gleichende, dabei sehr feste Haut. 

In der letzten Zeit kauft man auch in Japan, wie es in Europa der 
Fall ist, hie und da Schlangen, um diese, wie z. B. einen Hund, an der 
Leine hinter sich zu führen. Ausserdem, wie schon erwähnt, gebraucht 
man sie zur Anfertigung von Spazierstöcken und Krawatten. 

Vor 10 Jahren [erzahlt der Händler) konnte ich kaum in 2 Tagcmeinen 
solchen Spazierstock verkaufen, aber in der letzten Zeit _y^rinfufe ich 
nicht weniger als 10 Stück täglich, also monatlich über -360" Stück, ausser 
50 Stück für medizinischen und dekorativen Gebrauch. Jetzt habe ich 
1200 Schlangen vorrätig, aber, falls ein so grosser Bedarf wie zurzeit sich 
auch im weiteren äussern sollte, könnte bald eine Schi an gen not 
eintrete n." 

Das war ungefähr die I Übersetzung des den Abbildungen entsprechen- 
den Textes. 

ES scheint mir übet flüssig, auf Kommentare einzugehen, weil, wie ich 
glaube, dem geschulten Psychoanalytiker die ganze japanische Schlangen- 
geschichte vollständig deutlich und verständlich sein dürfte. 

3. 2\och einige Kleinigkeiten will ich hinzufügen. Wie bekannt, ist 
m Japan das Baden in heissem Wasser sehr verbreitet. Nach Europa 
kommend, ändert sich diese Sitte, indem so mancher Japaner das ganze 
Jahr nur kalte' Duschen gebraucht. Dazu ein demonstrativer Fall: Es 
handelt sich um einen nächtlichen Besuch bei einer Prostituierten; gleich 
nachdem dieselbe fort ist, nimmt der Betreffende eine kalte Dusche. Der 
Sinn kann folgender sein: 1. Entwertung der europäischen Frau — den 
Schmutz der Berührung abzuwaschen und 2. eine weitere Vorbereitung, 
indem man die Entkräftung nach dem Koitus durch kaltes Wasser be- 
seitigt (europaische Sitte), in der Perspektive: ich will versuchen, noch 
ein Weib zu besiegen, sich noch einen Beweis für das Gefühl der voll- 
ständigen .Männlichkeit zu erbringen („Don Juanismus"). 

Zur Konstatierung des psychischen Hermaphroditismus erwähne ich 
die nationale Bekleidung, das Kimono, welche« immer auch von den in 
Europa weilenden Japanern getragen wird; aber nur in isolierter Situation, 
im eigenen Zimmer, wenn das Eintreten eines Europäers ausgeschlossen ist. 

Desto mehr werden die europäischen Schneider gequält, wenn hier 
ein Anzug bestellt wird, ich habe es beobachtet,- wie ein intelligenter 
Japaner seinen Schneider in. der Zeit von ca. einem Monat geplagt hat, 
weil alles unbefriedigend war: jedes Detail, jede Falte gab Anlass zum 
fortwährenden Quälen des armseligen Schneiders (eingebildete und über- 
triebene Forderungen). 

4. Noch eine kleine Beobachtung betreffend die Frage der Trink- 
gelder beim Besuche von Restaurants usw. Das Trinkgeld, welches immer 



Einige Gedanken über das Volk .mit dem kleinen Penis*. 601 

eine unbegreiflich grosse Dimension annimmt, zeigt wieder auf den ge- 
wöhnlichen, unbewussten Zusammenhang: „Wenn schon kleiner Penis — 
so im Ausleben des männlichen Protestes, das Streben nach Macht — 
den Anderen, den Feind, mit Geld besiegen resp. entwerten." 

Das sind meine, nur oberflächlichen Betrachtungen über die Psycho- 
logie der Japaner 1 ). 



IV. 

Der Mantel als Symbol. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

Freud behauptet : „In Träumen von Frauen erweist sich der 
„Mantel" als Symbol des Mannes. Der sprachliche Anklang dabei viel- 
leicht nicht unwesentlich." (I. Zeit. f. Psychoanalyse. Heft IV. S. 379.) 
Diese Erklärung kann ich nach meinen Erfahrungen nicht bestätigen. 
Ich habe zahlreiche Mantelträume gesammelt und in den allermeisten 
bedeutet der Mantel die „Liebe". Auch bei Ausländern, welche nicht 
deutsch träumen und bei denen der sprachliche Anklang nicht in Frage 
kommt. Der bekannte „Mantel christlicher Nächstenliebe" weist schon auf 
diese Auflösung des Symbols. Die Liebe hüllt uns in einen warmen Mantel 
und schützt uns . . . Hie und da habe ich den Mantel als den Vater resp. 
als die Vaterliebe und auch Elternliebe überhaupt erklären können. Der 
folgende Traum einer jungen Frau zeigt diese durchsichtige Symbolik: 
„Ich sitze auf einer Bank im Freien und friere. Da kommt 
mein Vater und hüllt mich in seinen Mantel. Alfred aber 
(ihr Bräutigam!) zieht mir sanft diesen Mantel aus und 
legt mir seinen warmen weichen Mantel um, der mich 
durch und durch erwärmt." Ferner aus einem Frauerrtraum : 
„Meine Mutter will mir ihren Mantel umlegen. Er ist 
zu kurz.uind wärmt mich nicht...." Diese vorläufigen Mit- 
teilungen mögen genügen. 



V. 

Ein religiöser Tranm. 

Von Dr. Wilhelm Stekel, Wien. 

„Ich bin in einem Badeort und gehe in ein Hotel, um 
mir ein Zimmer anweisen zu lassen. Dawird ein Stuben- 
mädchen heruntergeklingelt und mit mir geschickt, um 



>) Gerade, als ich diese Zeilen niedergeschrieben habe, bemerkte ich in einem 
bibliographischen Verzeichnisse ein Werk von F. G. Krauss: .Das Geschlechts- 
leben in Glauben, Sitte, Brauch und Gewohnheitsrecht der Japaner. 2. Aafl, H. Bd. 
der Beiwerke zu den Anthropophyteia.* 

Zentralblatt für Psychoanalyse. Hl**, 4] 



602 Dr. Wilhelm Stekel, Ein religiöser Traum. 

mir ein Zimmer zu zeigen. Merkwürdigerweise führt 
mich die aus dem Haus heraus, ohne dafcs zwischen uns 
ausgesprochen wird, dass ich in eine Dependence g e - 
führt werde. SieführtmichnuneinensehrlangenStrand 
durch eine wimmelnde, sehr zahlreiche Menschenmenge 
bis wieder zu einem Gebäude. Und auf dem Wege dahin 
unterhalte ich mich, wie mit einer sehr guten alten Be- 
kannten über alle möglichen Dinge, die eine sehr ge- 
naue Bekanntschaft verraten." 

Die Deutung dieses Traumes als religiöser Traum wäre fast unmöglich, 
wenn der Träumer nicht angeben würde, dass ihn das Mädchen an eine 
Freundin Marie X. erinnerte. Es fällt ihm auf, dass er nur Mädchen liebt, 
die Marie heissen. Dann erzählt er langmächtig die Geschichte seines 
Marienkultes, der in seiner Jugend eine grosse Rolle spielte. Der Traum 
wird nun verständlich. Er verlässt ein Haus, die Kirche, um nach einer 
langen Wanderung in ein zweites Gotteshaus zu kommen. Jetzt fällt 
ihm ein wichtiger Nachtrag ein: Der Weg, den ihn die Frau führte, war 
dunkel und führte in ein lichtes Haus. Er ist falsche Wege gewandelt. 
Maria, die ihm so wohl Vertraute, führt ihn im Dunkel des Lebens un*l 
zeigt ihm den richtigen Weg. 

Die Spermatozoenphantasie, welche leicht erkennbar ist (das Land der 
Neugeborenen und Ungeborenen) beweist seinen Wunsch, ein neues Leben 
zu beginnen. 



Referate und Kritiken. 

Dr. Oskar Plister : Die psychanalytische Methode. Eine erfahrnngswissen- 
schaflich-systematische Darstellung. Pädagogium. Eine Methoden-Sammlung für 
Erziehung und Unterricht. (Unter Mitwirkung von Prof. E. Neumann herausge- 
geben von Prof. Dr. Oskar Messmer). 

Dieses ernste von tiefer Überzeugung getragene grosse Werk ist mit einem 
Geleitworte von Freud eingeleitet worden. Es wendet sich an Lehrer und gibt 
eine lückenlose Darstellung der Psychoanalyse, wie sie in dieser klaren objektiven 
und übersichtlichen Form bisher gar nicht geboten wurde. Im Gegensatze zu dem 
bekannten und bewährten Werke von Hitschmann sind es hier gerade die vielen 
Beispiele und Erfahrungen aus der psychoanalytischen Seelsorge, welche dem Buche 
einen eminenten praktischen Wert verleihen. Man mag mit allen Auffassungen 
nicht übereinstimmen können, immer wird man zugeben müssen, daas es eich um 
Zusammenhänge und Erfolge handelt, an denen weder die Pädagogik noch die Seel- 
sorge achtlos vorübergehen kann. Freilich P fister wird sich noch zu tieferen und 
weiteren Auffassungen der Neurose entwickeln. Die Ansätze dazu sind in dem ganzen 
Bache zu finden, dem man es anmerkt, daß der Autor sich von jeder Einseitigkeit 
frei hält. Auch die sich analystisch betätigenden Ärzte werden das Werk mit 
grossem Nutzen und Genuss lesen. Für Anfänger bildet es neben Hitschmann 
eine gute Einführung in die Freud'schen Lehren. Diese Worte mögen als erste 
Anzeige gelten. Stekel. 



Referate und Kritiken. 603 

Roland Grassberger: Der Einfluss der Ermüdung auf die Produktion in 
KnnBt und Wissenschaft. Leipzig und Wien, Franz Deuticke. 1912. 

Grassberger macht auf den produktiven Einfluss aufmerksam, den »physio- 
logische, unter Umständen selbst pathologische Ermüdungszustände" haben. Eine 
partielle Ermüdung für bestimmte Sinneseindrücke steigert die Intensität an. 
derer. Es wird anderes oder in anderer Weise wahrgenommen, kommt zn um- 
Stimmungen, beim Farbensehen zu Umkebrungen. Grassberger spricht von der 
nahen Verwandtschaft von Humor und Mystik. Mystik ist eine besondere (abnorme) 
Art des Ablaufes der Bewusstseinsvorgftnge. Der Zusammenhang dieser Ausführungen 
mit den Problemen der Psychopathologie ist klar: der Nervöse usw. ist abnorm 
leicht ermüdbar, zu dissoziativen Zuständen geneigt. In solchen treten andere Ideen- 
assoziationen auf als im Normalzustand, tritt anderes ins Bewusstsein. Speziell im 
Wesen der dichterischen Produktivität liegt es. dass Zustände des Schaffenden zum 
Ausdruck gelangen. Der Schaffende muss diese, und als eigenartige, also haben. 
Aber diese Differenz vom Durchschnittlichen allein macht es nicht, die so ge- 
wonnenen Daten müssen geordnet verarbeitet werden. Grassberger spricht von 
der unvollendeten .Toilette der Ermüdungserscheinungen bei unvollkommenen dichte- 
rischen Werken.' Reiche Phantasie mit hochentwickeltem Ordnungssinn ist das 
Geforderte, Ermüdung, aber immer partielle, die noch mit Erregung einhergeht. 
Auch sie aber meiner Ansicht nach nur als erster materialliefernder Prozeas 
(konzeptive Produktivität), dem ausführende, ordnende, gestaltende folgen oder 
gleich in ihn eingehen müssen. Unter Umständen ist das Erste da, das Zweite 
(bei zu weit gehender Ermüdung) nicht. In Pathographien wird vielfach auf das 
Pathologische in einem Individuum hingewiesen, was unser Erkennen an sich 
nicht fördert. Es muss im Einzelnen gezeigt werden, welcher Art das Patho- 
logische ist, einer bestimmten Art von Produktivität förderlich oder hinderlich. 
Urteile, Gedankengänge weiden in einem Individuum fest oder dieses ist zer- 
fahren. Persönlichkeitssteigerung wie Schwächung kann pathologischen Momenten 
entstammen; dies sind nicht immer das im Ganzen Minderwertigkeit Schaffende. Es 
gibt auch eine pathologische Energie. Die individuelle Eigenart entscheidet alles, 
entscheidet auch, wie das auf Grund der .Ermüdung« Gewonnene weiter genutzt 
werden kann. 

Prot. Dr. M. Roscnleld : Die Physiologie des Grosshirns und Privatdozent 
Dr. M. Isserlin: Psychologische Einleitung. Aus dem Handbuch für 
Psychiatrie von Aschaffenburg. Leipzig und Wien. Franz Deutike. 1913. 

Rosenfeldgibtin ziemlich gedrängter Form eine Art pilanz unserer heutigen 
Kenntnisse über Hydrostatik und Hydrodynamik des Gehirns, über die vasomotorischen 
etc Erscheinungen, dann über die Lokalisation in der Grosshirnrinde, über d.e Cyto- und 
Myeloarchitektonik in ihrer Bedeutung für die Frage der Lokalisation. Eine beson- 
dere Besprechung wird der Aphasie- und der Apraxieregion zuteil. Schliesslich 
folgt eine kurze Besprechung der Physiologie der Grosshirnganghen, des Balkens 

und der Hypophyse. _ . 

Die Ausblicke in die Zukunft stehen vor allem im Zeichen der v. Monakow 

sehen Lehren und Postulate. „,.., , n u 

«Die psychologische Einleitung, schreibt Isserlin, soll kern Abriss der Psycho- 
logie sein, auch kein Abriss der allgemeinen Psychologie. Ihr Zweck ist, durch die 
Erörterung grundsätzlicher Fragen und Tatsachen für die Psychopathologie vorzube- 
reiten ' Später fügt er bei: .Es handelt sich hier keineswegs um den Ausbau einer 
diagnostisch-technischen Hilfedisziplin-, es handelt sich um die Anerkennung einer 



604 Referate und Kritiken. 

Grundwissenschaft, deren Tragweite so weit reicht, als seelische Erscheinungen in 
der Psychiatrie zur Diskussion stehen." Die Arbeit gebt auch auf psycbopatbo- 
logische Erscheinungen nicht ein. Sie behandelt in kritisch ordnender Weise die 
Grundfragen des Auffassens, Erkeonens, Erinnerns, des Ich, des Denkens, Ge- 
fühlslebens und Wollene und der Individualität. Das Ganze ist anregend geschrieben 
für ein eingehendes Referat an dieser Stelle jedoch wenig geeignet. Von psycho- 
analytischen Themen werden das ünbewusste und die Verdrängung berührt: die An- 
sichten des Autors über diese Fragen sind schon aus seinen früheren Publikationen 
bekannt - Dr. H. Ror schach. 

P.Dubois: Rationelle Psychotherapie. Die psychotherapeutischen Methoden 
der Gegenwart. I. Jahreskurse für ärztliche Fortbildung. Mai 1913. 

« lL J Der c , A , U t° r gibt e ' nen kurZen Sengten Überblick über seine bekannte 
Methode. Er führt jetzt alle Erscheinungen der Psychoneurosen auf Gemütsbewegungen 
zurück, wodurch die Patienten in die verhängnisvolle Spirale kommen, da die Gemüts- 
bewegungen Funktionsstörungen hervorrufen und die Funktionstörungen wieder das 
Gemüt beeinflussen. 

. •# - 1 5?^SS Um8t i ande verdanken die Psycboneurotiker ihre oft betonte gesteigerte 
Affektiv, tat? Viele Forscher scheinen geneigt, diese Eigentümlichkeit einer 
krankhaften Reizbarkeit des Nervensystems zuzuschreiben. Eine solche 
Annahme wäre trostlos, denn wir kennen kein Mittel, welches imstande ist, diese 
physiolog.sche Überempfindlichkeit zu mildern, es sei denn, dass man dem Brom, 
dem Baldrian, den lauwarmen Bädern und ähnlichen Prozeduren eine grosse Wirkung 

2uT£ i ?n* di6 GÜDde fc di68e *■***■ ™1 to*»r, in der Kortikal 
schiebt des Frontalhirns, ja noch höher, in der Seele, d. h. ,n den psychologischen 

und wel/h U ft n f H° ne p n ' fr" a ' 8 Be - U8 ^s ei nserscheinungen bezeichnet, 
und welche für den Psychologen ein Rätsel geblieben sind. Die erhöhte Affektivitat 

Si. m T r t naChl aufeinem »wichtigen Werturteil, welches den 

Menschen dazu brmgt, Gefabren, im weitesten Sinne des Wortes, da zu erblicken 
wo d, e Andern keine sehen oder sie nicht so hoch einschätzen. D.e Psychoneurot.ker" 
sind durchweg Pess.m.sten, welche das Unangenehme im Leben r überwerteu«, 

Isai 1 h; U m "t' " Unte , rwerteD "- DeF gei8,reiche Alphonae Karr hat 
gesagt, .Jfia glbt Menschen, welche stets Rosen unter den Dornen finden; andere 

nnden nur Dornen unter den Rosen.- Unsere grossen und kleinen Psychopathen ge- 
hören wohl zu den letzteren." e 

&* ? Ub -°i 8 V6rBUCht 8ber mit d « rD,alekt *> mit einer Methode, die er als soma- 
tische bezeichnet, den Patienten zu einer .Umwertung aUer Werte« zu bewegen. Er 
beschreit die verschiedenen Typen der Neurosen, die Neurasthenie, Hysterie und 
^ychastbeme (Phobien, Zwangsgedanken), welche letztere Krankheit den rationellen 

27T?ft deD grÖ8Sten T'^Pben verhilft. Auch bei der Melancholie 
wirk > die logische Überredung, wenn sie häufig gemacht werde und beeindruckt die 
Äianten. .S,e beginnt damit, sagt Dubois. dass man zuerst den Patienten auf die 
Erhaltung seines Verstandes aufmerksam macht. .Dann erwähnt man seine krank- 
haften Behauptungen, dass er verloren sei, seine heiligsten Pflichten vernachlässigt habe, 
dass er „heilbar sei usw.. und billigt sie sogar als natürlichen Ausfluss eines krank- 
haften Gemütszustandes, den er nicht von heute auf morgen ändern könne. Danach 
betont aber der Arzt, dass er mit diesen betrübenden Vorstellungen nicht einverstanden 
sein könne, und, da er nicht krank sei, habe seine Anschauung wühl einen grösseren 
Wert. Dann wird den Patienten folgender Syllogismus vorgelegt : Sie sind zu mir 
gekommen, weil Sie mir Zutrauen schenken. Damit erkennen Sie, dass ich in der 



Referate und Kritiken. 605 

Beurteilung solcher Krankheiten, ihrer Prognose, eine gewisse Kompetenz habe; 
Sie nehmen also an, dass ich mich nicht täusche. Ausserdem glauben Sie an 
meine Aufrichtigkeit und werden wohl annehmen, dass ich Sie nicht täusche. 
Nun, wenn man von einem Menschen sagt: er täuscht eich nicht und: er täuscht 
mich nicht, so heisst das wohl: er hat vollkommen recht. Überlegen Sie sich diese 
Wahrheiten, legen Sie sie in die rechte Wagschale Ihres Geistes, sie werden bald 
mehr wiegen als das ganze Gewicht der melancholischen Affekte, welche die linke 
Wagschale belasten. — Solche Gespräche, in geschickter Weise vorgelegt, wirken 
besser als Narkotika, als beruhigende Bäder. Einzig das Opium, in den Fällen, wo 
die Präkordialangst vorherrscht, kann manchmal ähnliche Erfolge zeitigen." 

.Schwere Hypochondrien sind sehr hartnäckig gegen jede Psychotherapie ; 
in leichteren Fällen aber erzielt man doch zeitweise auch bleibende Erfolge." 

„Auch einzelne Paranoi k er, mit Verfolgungs- und Querulantenwahn, können 
wenigstens vorübergehend günstig beeinflusst werden. Die Frage, ob eine frühzeitige 
Psychotherapie wirkliche Heilung bringen kann, harrt noch der Lösung." 

„Einen schweren Stand bat der Psychotherapeut bei der Bekämpfung vieler 
ethischer Minderwertigkeiten, für welche die Liebhaber der Klassifikation noch keinen 
Sammelnamen gefunden haben. Ich meine die moralisch Defekten, die Leute, 
denen jede Lebenslust auch im jugendlichen Alter fehlt, die Grübler, die Lügner, 
die Onanisten, Sadisten, Masochisten und Homosexuellen, die zahllosen Fanatiker 
aller Methoden der sog. Naturheilkunde usw. Da muss sich die Psychotherapie auf 
viele Mieserfolge gefasst machen; man kann die Menschen doch nicht umgiessen. 
Man muss jedoch auch da die Flinte nicht ins Korn werfen. Mit Liebe und Geduld 
kann der Arzt viel erreichen, unglücklichen Familien Hilfe bringen und ihnen auch 
in trostlosen Situationen ein guter Berater sein." 

„Jedem klar denkenden Arzte muss es einleuchten, dass die physikalische 
Therapie bei all diesen Zuständen Nebensache ist. Nur eine auf tiefe Ethik bauende 
Psychotherapie kann hier wirkliche Erfolge zeitigen. Möchten die Ärzte, denen es 
an beruflicher Aufopferung nicht gebriebt, diese Wahrheiten zum Wohl ihrer Patienten 
endlich einsohen." 



Eduard Hitschmann : Freuds psychoanalytische Behandlungsmethode. 
(Ibidem.) 

In ruhiger, etwas zurückhaltender Weise wird die Neurosenlehre Freud's 
berührt, einige Winke über die Technik der Psychoanalyse scbliessen sich an. 
.Das wichtigste ist, dasB die Patienten in entspannter und barmloser Weise alles 
mitteilen, was ihnen eben durch den Kopf geht, auch wenn sie 
meinen, es sei unwichtig oder es gehöre nicht dazu oder es sei un- 
sinnig. Mit besondorm Nachdruck aber wird von ihm verlaugt, dass 
sie keinen Gedanken ohne Einfall darum von der Mitteilung ans- 
schliessen, weil ihnen diese Mitteilung beschämend oder peinlich 
wäre. Diese kritiklose Hingabe des Patienten an seine freisteigenden Einfälle 
ist die wichtigste Voraussetzung, der aber manche Patienten durch zu grossen 
.Widerstand" (vergl. später) anfangs nicht entstehen. Die Analyse des Kranken 
bat nicht die Tendenz, auf ein bestimmtes Thema loszugehen, und nimmt auch 
nicht ein einzelnes Symptom zum Ausgangspunkt. Im Gegenteil, die psychische Ober- 
fläche des Patienten schlägt das jeweilige Thema an. Dabei ist es gleichgültig, von 
welchem Thema der Patient ausgeht; seine Äusserungen bleiben ja immer individuell, 
und es ist selbstverständlich, dass er unter seiner Krankheit leidend und zur Behand- 
lung beim Arzt erschienen, unwillkürlich bald Dinge vorbringen wird, die mit der 



606 Referate und Kritiken- 

Krankheit in irgendeinem Zusammenhang stehen. Eine Zeitlang fliessen die Einfälle 
oft ungehemmt zu, und manche Lebensperiode des Kranken tritt dem Arzt nun klar 
vor Augen. Doch stellen sich Lücken der Erinnerung heraus, und gerade diese 
Amnesien sind charakteristisch für die neurotischen Krankengeschichten. Im Laufe 
der Behandlung aber werden die Lücken, und zwar oft unter deutlichem Unbehagen 
oder starkem Affekt ausgefüllt. Der Arzt verhalt sich im allgemeinen passiv, hört 
dem Kranken mit gleichschwebender Aufmerksamkeit, die nichts voreilig werten oder 
erklären will, zu. Er hat dem Kranken nur gelegentlich gewisse Grundregeln 
mitzuteilen und einzelne Krwartungsvoistellungen anzudeuten, z. B. die Bedeutung 
des Unbewussten. des Infantilen und ähnliches klarzulegen." 

Hitschmann betont auch die Wichtigkeit der Erforschung der Frage „Was 
erhält den Patienten krank? also des Krankheitsgewinnes und verspricht sich von 
einem weiteren Ausbau der Psychonanalyse eine verfeinerte, mehr spezialisierende 
Technik und prophylaktische Massnahmen gegen das Entstehen der Neurosen. 

Alfred Adler: Individualpsychologische Behandlung der Neurosen. 
(Ibidem.) 

Adler gibt eine gute Übersicht über seine Neurosenlehre. Er geht von der 
Minderwertigkeit der Organe aus und dem daraus erwachsenden Kompensations- 
tendenzen. Der Kranke leide an .Aggressionshemmungen'' und, was man die Dia- 
position der Neurose nenne, sei bereits die Neurose. Der Kranke benötigt immer 
wieder Krankheitsbeweise, die ihm als Vorwände dienen, wenn das Leben die er- 
sehnten Triumphe verweigert, ferner um die Entscheidungen hinauszuschieben, und 
das Erreichte zu unterstreichen, d. h. als grosse Leistung zu werten. Der Kranke 
bedarf des fiktiven Leitzieles und gewisser Leitlinien, Richtungslinien, die er prinzipiell 
geradezu wörtlich verfolgt. 

Er schafft sich Sicherungen und tragt alle Ereignisse in sein Hilfschema „Oben . . . 
Unten ... Männlich ... Weiblich ... ein. Das Symptom ersetzt die nervöse aufge- 
peitschte Gier nach Überlegenheit. Diese Symptomsprache zu verstehen, das ist für 
Adler die Hauptkufgabe der psychotherapeutischen Kur geworden. 

Zwischen dem unterstrichenen Minderwertigkeitsgefühl und der Gottähnlich- 
keit spannt sich der Lebensplan der Neurose. Der einzig feststehende oder fixiert 
gedachte Punkt ist das Persönlichkeitsideal. Er schlägt die Formel vor: Einschätzung 
und Arrangement, das aus Erlebnissen, Charakter. Affektivität und Symptomen zu- 
sammengesetzt ist, geben das Persönlichkeitsideal. 

„Die Aufdeckung des neurotischen Systems oder Lebensplans ist der wichtigste 
Bestandteil der Therapie. Denn er kann in seiner Gänze nur erhalten bleiben, wenn 
es dem Patienten gelingt, ihn seiner eigenen Kritik zu entziehen. Der teilweise 
unbewusste Ablanf des neurotischen, der Wirklichkeit widersprechenden Mechanis- 
mus erklärt sich vor allem aus der unbeirrbaren Tendenz des Patienten, ans Ziel zu 
kommen. Der Widerspruch mit der Wirklichkeit' in diesem System hängt mit 
den geringen Erfahrungen und mit den andersartigen Beziehungen zusammen, die 
zur Zeit der Errichtung des Lebensplanes — in der frühen Kindheit — wirksam 
waren. Dio Einsicht und das Verständnis für diesen Plan erwirbt man am besten 
durch die künstlerische Versenkung, durch intuitive Einfühlung in das Wesen des 
Patienten. Man wird dabei an sich wahrnehmen, wie man unwillkürlich Vergleiche an- 
stellt, zwischen sich und dem Patienten, zwischen verschiedenen Attitüden desselben 
oder ähnlichen Haltungen verschiedener Patienten. Um eine Richtung in das wahrge- 
nommene Material, in die Symptome, Erlebnisse, Lebensweise und Entwicklung dea 
Patienten zu bringen, bediene ich mich zweier Vorurteile. Das eine rechnet mit der 
Entstehung des Lebensplanes unter erschwerten Bedingungen (Organ- 



Referate und Kritiken. 607 

mmderwertigkeiten, Druck in der Familie, nervöse Familientradition) und lenkt 
meine Aufmerksamkeit auf gleiche oder ähnliche Reaktionsweisen in der Kindheit. 
Das zweite Vorurteil liegt in der Annahme der obigen, empirisch ge- 
wonnenen, fiktiven Gleichung, dorzu folge ich ungefähr meine Wahrnehmungen 
eintrage. 

„ Bedeutsamer noch ist die Notwendigkeit, dem Patienten jeden sicheren 
Angriffspunkt zu entziehen. Ich kann an dieser Stelle nur einige Winke 
geben, die verhüten sollen, dass der Arzt nicht in die Behandlung des 
Patienten gerät. So verspreche man auch in den sichersten Fällen nie die 
Heilung, sondern immer nur die Heilungsmöglichkeit. Einer der wichtigsten 
Kunstgriffe der Psychotherapie erfordert die Zuschiebung der Leistung und 
des Erfolges der Heilung auf den Patienten, dem man sich in kamerad- 
schaftlicher Weise als Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Die Verknüpfung 
von Honorarbedingungen mit dem Erfolg der Behandlung schafft ungeheure 
Erschwerungen für den Patienten. Man halte sich in jedem Punkte an die vorläufige 
Annahme, dass der nach Überlegenheit lüsterne Patient jede Ver- 
pflichtung des Arztes, auch die über die Dauer der Kur, zu einer 
Niederlage des Arztes ausnützen wird. So sollen denn auch die beider- 
seitigen Notwendigkeiten — Besuchszeit, offenes Entgegenkommen, Honorarfrage, 
Unentgeltliclikeit der Behandlung, Verschwiegenheit des Arztes usw. — sofort ge- 
regelt und — eingehalten weiden. Unter allen Umständen ist es ein ungeheurer 
Vorteil, wenn der Patient den Arzt besucht. Und die sichere Vorhersage von 
Schwierigkeiten bei Fällen von Ohnmachtsanfällen, Schmerzen oder Platzangst 
enthebt einen für den Anfang eines grossen Stückes Arbeit: die Anfälle bleiben in 
der Regel aus, — was unsere Anschauungen über den starken Negativismus des 
Nervösen bestätigt. Sich eines Teilerfolges sichtlich zu freuen oder 
gar sich zu rühmen, wäre ein grosser Fehler. Die Verschlimmerung Hesse 
nicht lange auf sich warten. Man kehre sein offensichtliches Interesse vielmehr 
den Schwierigkeiten zu, ohne Ungeduld und ohne Verstimmung, sondern in kaltblütig 
wissenschaftlicher Art." 

„In voller Übereinstimmung mit Obigem steht der Grundsatz, sich von dem 
Patienten niemals ohne gründlichen Widerspruch und Aufklärung eine übergeordnete 
Rolle, etwa als Lehrer, Vater, Erlöser usw. zuweisen zu lassen. Solche Versuche 
stellen den Anfang einer Bewegung des Patienten dar, in einer von früher gewohnten 
Weise übergeordnete Personen herabzuziehen und durch eine ihnen 
zugefügte Niederlage zu desavouieren. Die Wahrung irgendeines Vor- 
ranges oder Vorrechtes ist nervösen Patienten gegenüber immer von Nachteil. 
Ebenso zeige man Offenheit, vermeide aber, durch den Hinweis auf das Bedenken 
eines Kunstfehlers, sich von ihm in Unternehmungen ziehen zu lassen. Noch be- 
denklicher wäre es, den Patienten in eigene Dienste stellen zu wollen, Ansinnen 
an ihn zu stellen, Erwartungen zu hegen usw." 

„Während diese und durch die gleiche Haltung diktierte ähnliche Massnahmen 
zunächst die geeignete Beziehung einer Gleichberechtigung herstellen müssen, nimmt 
die Aufdeckung des neurotischen Lebensplanes ihren Fortgang in einem 
freundschaftlichen, ungezwungenen Gespräch, bei dem es durchwegs angezeigt ist, 
sich der Führung des Patienten zu überlassen.* 

„Wie der Arzt dem neurotischen Streben des Patienten sich in den Weg stellt, 
so wird er wie eine Wegsperre oder ein Zaun empfunden, der die Erreichung des 
Grössenideals zu verhindern scheint. Deshalb wird jeder Patient versuchen , 
den Arzt zu entwerten, ihn seines Einflusses zu berauben, ihm den wahren 
Sachverhalt zu verschleiern, und er wird immer neue Wendungen finden, die gegen 



608 Referate und Kritiken. 

den Psychotherapeuten gerichtet sind. Auf diese ist besonders zu achten, weil sie 
in einer gut geleiteten Kur am deutlichsten die Tendenz des Kranken, auch hier 
mittels der Neurose seine Überlegenheit zu behaupten, verraten. Besonders je weiter 
die Besserung fortschreitet, — bei Stillstand derselben herrscht meist herzliche 
Freundschaft und Frieden, nur die Anfälle dauern fort — , desto heftiger werden 
die Bemühungen des Patienten, durch Unpünktlichkeit Zeitvertrödel ung oder durch 
Fortbleiben aus der Behandlung den Erfolg in Frage zu stellen. Zuweilen stellt sich 
eine auffallende Feindseligkeit ein, die, wie alle diese von der gleichen Tendenz ge- 
tragenen Widerstandserscheinungen, nur zu beheben sind, wenn der Patient immer 
wieder auf das Selbstverständliche seines Benehmens aufmerksam gemacht wird. 
Die feindselige Beziehung der Angehörigen des Patienten zum 
Arzt fand ich stets von Vorteil und suche sie gelegentlich vor- 
sichtig zu wecken. Da meist die Tradition der ganzen Familie des Kranken 
eine gleichsinnig nervöse ist, kann man auch durch ihre Aufdeckung und Exempli- 
fikation vielen Nutzen beim Patienten stifteD. Der Vollzug der Änderung 
im Wesen des Patienten kann einzig nur sein eigenes Werk sein. 
Ich fand es am günstigsten, dabei ostentativ die Hände in den Schoss zu legen, 
in der festen Überzeugung, dass er, was immer ich zu diesem Punkte auch sagen 
könnte, sobald er seine Lebenslinie erkannt hat, nichts von mir erfahren könnte, 
was er als der Leidtragende nicht besser wüsste.* 

Interessant ist, dass in der ganzen Darstellung der »männliche Protest" 
fehlt. Das heisst, der Sinn ist geblieben, allerdings stark gemildert, das verwirrende 
Wort ist verschwunden, und durch die aufgepeitschte Gier nach Geltung der Per- 
sönlichkeit ersetzt. 



Isserlin: Über Psychotherapie und psychotherapeutische Me- 
tboden. (Ibidem.) 

Diese vierte der Arbeiten über die psychotherapeutischen Bestrebungen der 
Gegenwart, stellt .gewissermassen eine Kritik aller Methoden dar. Isserlin nimmt 
zuerst gegen die dialektische Methode von Dubois und D6jerine Stellung. 

.Die Persuasion als ausschliessliche therapeutische Methode steht und fällt 
mit der Behauptung, dass alle psychoneurotischeu Symptome intellektuell bedingt, 
letzten Endes .Denkfehler* seien. Eine oberflächliche Prüfung sollte genügen, 
um zu zeigen, dass diese Anschauung nicht zutreffen kann. Zweifellos sind auf 
dem hier erörterten Gebiet die unabhängigen Gefühl s-und Willensstörungen 
sehr viel zahlreicher, als die auf irgendeine .Intelligenzstörung" gegründeten. 
Die Kranken haban oft die allereindringlichste Einsicht in ihr Leiden (von dem Un- 
bewussten im Sinne Freuds sehen wir vorerst ab), sie kommen sich selbst vor 
wie die Besessenen (z. B. die Zwangsvorstellungskianken), gerade weil ihnen alles 
Wissen nichts nützt. Ihnen könnte also anch Persuasion als blosses Belebren kaum 
etwas Nutzbares bringen. Wenn Dubois und Däjerine trotzdem Heilerfolge 
haben, so liegt das daran, dass die Praxis anders aussieht, als die Theorie es will, 
dass die Persuasion nicht nur belehrt, sondern zugleich eine unmittelbare Ein- 
wirkung auf das Gefühls- und Willensleben hat, dass der behandelnde Arzt nicht 
nur .demonstriert", Bondern vor allem zugleich .beruhigt", .ermuntert", .anfeuert", 
„belebt" usw. — und auch in nicht geringem Masse ungewollt suggeriert." 

„Damit ist freilich das Verdienst der Persuasion um den Ausbau der Psycho- 
therapie nicht geschmälert. Vielmehr ist ihr Anteil an der Rationalisier ung der 
gesamten Psychotherapie, an der Gestaltung dieser zu einer der Pädagogik ähnlichen 
Disziplin ein sehr erheblicher." 



Referate und Kritiken. 609 

»Andererseits kann die Bedeutung der Suggestivtherapie nicht durch. 
Vorhaltungen, wie sie ihr von der Persuasion gemacht wurden, herabgesetzt werden. 
Die Behandlung von Kranken, welche eich selbst trotz guter Einsicht von .nnver- 
nfloftigen" Mächten unterjocht fühlen, darf wohl die Kräfte des „ blinden Vertrauens" 
und der „kritiklosen Unterwerfung" ausnutzen, um jene krankhaften Störungen zu 
beseitigen. Dass (bei kunstgerechtem Verfahren) dadurch eine dauernde Abhängigkeit 
vom Arzt hervorgerufen wird, ist unrichtig. Gerade weil die Suggestion nur zu 
dem bestimmten Heilzweck und uuverkappt erteilt wird, ist die Gefahr nicht grösser, 
sondern geringer als bei anderen therapeutischen Methoden und kann leicht ver- 
mieden werden." 

Er übt auch scharfe und manchmal gerechte Kritik an der Psychoanalyse 
Freud's, die er einen ausserordentlichen kühnen Versuch der Rationalisierung des 
Irrationalen nennt. Trotz energischer Abwehr der Verkehrtheiten, Irrtümmer, Ein- 
seitigkeiten, gibt er zu, dass in der Psychoanalyse für die Therapie der Psycho- 
neurosen berücksicbtiguogswerte Momente vorhanden sind, — für Iss erlin schon 
ein grosses Zugcständniss. 

„Von der Psychoanalyse wird vor allem die Vertiefung der Kranken- 
untersuch ung, das Eindringen in das Zentrum der Persönlichkeit übernommen 
werden. Dieses Eindringen kann geschehen mit Hilfe des Assoziationsversuchs — 
einfachen und fortlaufendem — und des Ausfragens oder Abreagierenlassens in der 
Hypnose. Allerdings muss ich mich 0. Vogt anschliessen, der versichert hat, 
dass er trotz langjähriger Anwendung eines kathartischen Verfahrens auf solche 
Weise im allgemeinen nicht wesentlich mehr zutage gefördert hat, als durch ein- 
fache eingehende Aussprache. Doch hat zweifellos insbesondere der Assoziations- 
versuch für viele neurotische Fälle .-.inen diagnostischen Wert im Sinne der Erfassung 
des „Typs" der Persönlichkeit und des „schmerzlosen" Eindringens in ihre vitalen 
Interessen. Dabei haben die kathartischen Verfahren auch den Wert, den die 
Beichte als Erleichterung seelischen Druckes entfalten kann. Selbst- 
verständlich wird dieses „analytische" Interesse des Therapeuten Bich — mit Takt 
und Zurückhaltung — auch auf die Sexualität zu erstrecken haben. Sehr grosse 
Vorsicht aber wird — aus früher angedeuteten Gründen — notwendig sein bei der 
Abwägung, wie weit das auf solche Weise Herausgebrachte als für die Krankheits- 
symptome ätiologisch anzusehen sei". 

„Den Deutungspraktiken der Psychoanalyse ist weder ein diagnostischer 

noch ein therapeutischer Wert zuzuerkennen". 

„Auch die analytischen Prinzipien Adlers sind als Ganzes in ihrem 
systematischen Anspruch in der Therapie nicht verwertbar. In Einzel- 
heiten neurotischen Geschehens vermag das Prinzip der Kompensation and des 
Geltungsstrebens Einblick zu gewähren, ebenso wie Hinweise für die ärztliche 
Taktik bisweilen aus ihm zu entnehmen sind". 

„Überblicken wir somit die uns zur Verfügung stehenden psychotherapeutischen 
Methoden, so müssen wir gestehen, dass die weitgehenden Hoffnungen, welche die 
neuesten psychotherapeutischen Lehren wieder geweckt haben — die Hoffnungen 
auf Aufdeckung und radikale Beseitigung der krankmachenden Ursachen -, sich 
nur in einer Minderzahl von Fällen verwirklichen lassen. In der Mehrzahl muss 
die Tätigkeit des Psychotherapeuten eine „orthopädische" bleiben, welche durch 
Ausgleich ung vonkonsti tu tionellenünebenheitenundUnter Stützung 
bei Zuständen konstitutioneller Seh wache leistungsfähig zu machen sucht. 

Diese Einsicht mag überspannten Erwartungen vielleicht bitter sein; sie ist 
darum doch notwendig. Und gerade bei ihr und durch Bie wird sich dann noch 
genug des Nützlichen und für Patienten und Arzt Befriedigenden erreichen laBsen". 



610 Referate und Kritiken. 

Nun Isserlin unterschätzt sicherlich die Erfolge der Psychotherapie. Aus 
Misserfolgen einzelner Ärzte und einzelner Methoden kann man noch keinen end- 
gültigen Schluss ziehen. Bedenkt man die traurige Polypragmasie vergangener Jahr- 
zehnte, die Seelenkrankheiten mit Halbbädern, Elektrizität, Brom und Höhenluft heilen 
wollte, so wird man in jeder psychotherapeutischen Bestrebung einen grossen Vor- 
teil erblicken. Der richtige Psychotherapeut wird sich aus allen Methoden seine 
eigene bilden und sich vor jedem Schema und jeder Einseitigkeit hüten. Stekel. 

Dr. Eduard Hitschmami : Freuds Neurosenlehre. (Nach ihrem gegenwärtigen 
Stande) II. ergänzte Auflage. Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 1913. 

Das bekannte Buch Hitschmann's bedarf keiner besonderen Empfehlung. Es 
ist dem Anfänger eine wertvolle Orientierung in dem Gewirre aller einschlägigen 
Arbeiten, es ist dem Erfahrenen eine willkommene Hilfe und es ist reiner unver- 
fälschter, destillierter Freud. Wer also eine Darstellung der jüngsten Kämpfe und 
Abweichungen erwartet, der wird enttäuscht sein. Doch das Büchlein, das schon auf 
11 Bogen herangewachsen ist, will das ja gar nicht. Gerade in der jetzigen Form 
entspricht es einem Bedürfnisse. Die Mithilfe von Freud und Rank bürgt dafür, dass 
keine ketzerischen Lehren darin vorgetragen werden. Es ist eine Art psychoana- 
lytischer Bibel, welche von den höchsten Instanzen approbiert wurde. Wir wünschen 
dem flott und anregend geschriebenen Buche eine fröhliche Reihe weiterer Auflagen. 

Stekel. 

Otto Rank: Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer 
Psychologie des dichterisch on Schaffens. Leipzig und Wien. Franz Deuticke. 1912. 

An diesem Buche kann kein Psychoanalytiker achtlos vorübergehen. Man 
kann sich zum Thema des Inzests stellen wie man will, ihn als echt, als arrangiert, 
als Archnismus auffassen, das reiche Material, das der enorme Fleiss und die stupende 
Belesenheit von Rank vor uns ausbreiten, bedarf der eigenen Nachprüfung. Wenn 
wir auch nicht mit allen Ausführungen Rank's einverstanden sind, so muss man ihm 
doch zugeben, dass er immer geistreich, anregend, und immer bemüht ist, das grosse 
Gebäude der Freud'schen Neurosenlehre zu stützen und zu pölzen, selbst an Stellen, an 
denen der Bau bedenklich wackelt. In der Frage des Inzestes ist Freud in Rank 

ein gewaltiger Mitstreiter erwachsen, dessen Stimme nicht überhört werden darf 

Wenn aber Rank sagt: 

„In diesem Buche wird an einem eng umgrenzten Material der Versuch ge- 
macht, auf völlig neuer Grundlage und von ungewohnten Gesichtspunkten aus, Ein- 
blicke in die innerste Struktur des Kunstwerkes und in die Bedingungen sowie in 
die Vorgänge des dichterischen Schaffens zu gewinnen. Wie schon das Titelblatt 
anzeigt, handelt es sich nicht um eine literarhistorische Untersuchung, sondern vor- 
wiegend um psychologische Probleme, .... deren 'Verfolgung aber nicht nur für 
den Psychologen im engeren Sinne, sondern in gleicher Weise für den Literar- 
historiker, Mytholo gen, Kultur historiker, Ethnologen, Kriminalisten 
und nicht zum wenigsten auch für den produzierenden Dichter selbst von Interesse 
sein moss . . . ." so übertreibt er. Denn die Gesichtspunkte sind weder völlig neu 
noch ungewohnt. Im Gegenteil! Jede Woche wird jetzt einem armen Dichter 
nachgewiesen, dass er an seiner Mutter fixiert war, womit manche Analytiker eine 
psychologische Grosstat vollbracht zu haben glauben. Mit diesen Nachbetern und 
Hyänen des analytischen Schlachtfeldes darf Rank nicht in eine Reihe gestellt werden. 
Hätte er noch die Unabhängigkeit des freien Forschers, hätte er sich schon vom 
Schüler zum eigenen Meister gewandelt, wir wurden sicherlich von ihm viel lernen 



Referate und Kritiken. 611 

können. — Leider ist es mir nicht möglich auf ein Gebiet des Buches von Rank ein- 
zugehen, das ich auch bearbeitet habe, auf das Thema des dichterischen Schaffens. 
Es würde zu schier endlosen Auseinandersetzungen führen. Stekel. 

Prof. Dr. Paul Dnbois: Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 
In „Zeitschrift für Psychotherapie und Medizinische Psychologie" herausgegeben 
von Dr. Albert Moll. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart. IV. Band 5. Heft. 
Dubois definiert die Dialektik nach Eysler als: „Methode der Unterredung, 
begriffliches Verfahren (durch Entwicklung von Sätzen oder Wahrheiten aus Begriffen) 
logische Bewegung des Denkens von einem Begriff zum andern, mittels Aufhebung 
von Widersprüchen". Der Zweck einer solchen Unterredung ist immer „die Vor- 
stellungen, die Gefühle oder die daraus entspringenden Handlungen eines 
Menschen zu beeinflussen, ihn zu überzeugen, ihn zu unserer Ansicht zu bringen. 
Dialektik heisst somit die Kunst zu überzeugen". 

Wodurch die Vorstellungen korrigiert werden, ist nach Dubois belanglos. 
Nach der weiten Fassung, die der Begriff Dialektik bei Dubois hat, wirkt z. B. unter 
anderem' auch die Autorität dialektisch. „Ich kenne keinen klareren Syllogismus als 
die Überlegung: Wenn ich nicht gehorche, werde ich geschlagen. — Menschen und 
Tiere reagieren bekanntlich lebhaft auf dieses Argument". Auch alle Gemiits- 
elemente wirken nach Dnbois Auffassung dialektisch, z. B. wenn sie einen Patienten 
zu seinem Vertrauensarzt führen, wenn er durch logische Überlegung zum Zutrauen 
zu seinem Arzto, zu Zuversicht und Hoffnung geführt wird. Es ist dialektisch, wenn 
man das Zutrauen des Patienten durch Erzählung erfolgreicher Kuren in analogen 
Fällen zu gewinnen sucht, durch statistische Angaben etc. 

Eine Psychotherapie ist immer eine Belehrung, eine Richtigstellung falscher 
Ansichten, eine Bekämpfung unberechtigter Gefühlsreaktionen. Auch die Psychoanalyse 
als Therapie wird in diesem Sinne aufgefasst : „In einer vernünftigen Psychoanalyse 
kann ich nur eine Untersuchungsmethode sehen, welche uns manchmal erlaubt, tiefer 
in den Seelenzustand des Patienten zu blicken; Analyse ist aber an sich noch keine 
Psychotherapie; eine heilende Wirkung kann nur eintreten, wenn auf die Beichte 
eine Art Absolution folgt. Diese muss wioderum dialektisch beigebracht werden, 
durch den Hinweis auf die Nichtigkeit der Skrupel, der quälenden Selbstvorwürfe". 

Trotzdem also Dubois auch andere Methoden anerkennt, verwirft er doch 
aus verschiedenen Gründen die Autorität, die Drohung, die Suggestion mit oder ohne 
Hypnose und beschränkt sich auf die Therapie mittels der Persuasion, d. h.: „Die 
Belehrung in aufklärenden, beruhigenden, ermunternden, moralisierenden Gesprächen. 
Auf die Zahl der mitwirkenden Gefühlselemente kommt es dabei gar nicht an und 
diese Mitwirkung der Affekte verwandelt die Persuasion nicht in eine Suggestion. 
Von den durch die Dialektik eingegebenen Vorstellungen wirken nur diejenigen, 
welche eine genügende Gefühlsbetonung erfahren; ihre Wirkuog ist diesem Affekte 
direkt proportional". 

Eine Auseinandersetzung mit diesen therapeutischen Gedanken müsste not- 
wendigerweise auf die Probleme der Ätiologie und Genese der psychischen Störungen 
zurückführen. Wenn nämlich die Neurose, wie der Psychoanalytiker behauptet, aus- 
schliesslich auf unbewussten Komplexen beruht, dann müssen eben, damit sie 
korrigiert werden, die Vorstellungen zuerst bewusst werden und dazu eignet 
sich eben die Psychoanalyse, wie Dubois selber es zugibt. Es ist somit die Methode 
von Dubois solange nicht diskutierbar, als nicht vorher die Frage nach der Genese 
der psychischen Störungen beantwortet ist. Allerdings wollte man den umgekehrten 
Schluss von den Effekten der Therapie auf die Ursachen der Krankheit wagen (der 



612 Referate und Kritiken. 

aber nur sehr vorsichtig gezogen werden darf), dann müsste man angesichts von 
Heilungen durch andere Methoden in Erwägung ziehen, ob nicht die Behauptung des 
Analytikers von der Ausschliesslichkeit unbewusster Momente für das Zustande- 
kommen der Neurose zu revidieren ist. Jedenfalls liegt hier das Problem; es müsste 
mit der grössten Sorgfalt und Strenge behandelt werden, wobei in erster Linie zu 
berücksichtigen wäre, dass eine Heilung oder Besserung durch Veränderung der 
äusseren Situation, nicht gegen den Psychoanalytiker zu verwerten ist. 

Jedenfalls sind die Du bois 'sehen Gedanken für jeden kritischen Psychologen 
interessant; eine genauere Kenntnis der grösseren Schriften Dubois, auf die das 
vorliegende Referat verweisen soll, ist wegen der wichtigen Probleme, die sich er- 
geben, auch für jeden kritischen Psychoanalytiker sehr wünschenswert. 

Gaston Rosenstein. 

Ednard Hitschmann: Schopenhauer. Versuch einer Psychoanalyse des Philo- 
sophen. (Iraago, 2. Bd., S. 101—174). 

Alfr. Frh. v. Winterstein : Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Philosophie. (Imago, 2. Bd., S. 175—237). 

S. Ferenczi: Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze {Imago, 2. Bd., 
S. 238-241). 

Die , Imago" widmet das Aprilheft ihres 2. Jahrgangs ausschliesslich der 
Philosophie. Man kommt nicht gauz ins Klare darüber, ob das als Huldigung oder 
als Angriff gemeint ist, jedenfalls verrät es einen Anspruch und legt gewisse Ver- 
pflichtungen auf. Klarheit der Problemstellung und logische Konsequenz wird man 
zumindest erwarten dürfen. Doch da enttäuschen Hitschmann's und VVinterstein's 
Arbeiten gleicherweise in mehrfacher Hinsicht. 

So gehen sie beide zunächst von der richtigen Voraussetzung aus, dass ihre 
Untersuchung als eine psychologische sich um den objektiven Wahrheitsgehalt der 
philosophischen Lehrgebäude nicht zu kümmern habe; leider wird dieser Standpunkt 
nicht festgehalten und sie lassen sich immer wieder verleiten, im Vorübergehen 
lobende und tadelnde Zensuren auszuteilen. So lesen wir bei H. auf derselben Seite, 
auf der er eine feierliche Neutralitätserklärung abgegeben hat: „Das unvergängliche 
Verdienst Schopenhauer 's war die Entdeckung des Willens als Ding an sich". Solche 
philosophische Naivitäten können freilich bei einem Autor nicht überraschen, der 
Sätze schreibt wie folgenden : Im Gegensatz zu Pichte, Schelling und Hegel, die den 
Intellekt verherrlichten und die Welt für ein Produkt bewusster Entwick- 
lung hielten, war es Schopenhauer vorbehalten, dem Triebleben, dem Unbewussten, 
dem Wollen das gebührende Recht einzuräumen' 4 . Wir stimmen ja mit Freud darin 
überein, dass der Psychoanalytiker es nicht vermeiden kann, sich auf Gebiete zu 
begeben, auf denen er nur Dilettant ist; aber Dilettant müsste er zumindest sein. 
W. wieder, dessen Arbeit sich allerdings auf einenr viel höheren Niveau bewegt, 
möchte aus der psychologischen Untersuchung heraus einen Massstab für den ob- 
jektiven Gehalt der philosophischen Systeme gewinnen. Philosophische Lebrmeinungen, 
die aus unbewussten Wünschen hervorgehen, die sich „als Erzeugnis einer ganz be- 
stimmten Libidokonstellation erkennen lassen", erscheinen ihm dadurch auch schon 
als widerlegt und so entscheidet er sich gegen den Idealismus und für einen 
„realistisch -dualistischen Weltbegriff". Dieser Versuch ist ans doppeltem Grunde 
verfehlt. Zunächst kann es natürlich keine philosophische Lehre geben, die nicht 
durch die subjektiven psychischen Bedürfnisse ihres Urhebers bestimmt ist, aus seinen 
„unbewussten Komplexen" hervorgeht; in diesem Sinn sind alle Philosophien, wie 
überhaupt alle Geistesprodukte, subjektiv. Man kann gewiss trotzdem versuchen, sub- 



Referate und Kritiken. 613 

jektive und objektive Philosophen einander gegenüberzustellen; aber hier hat der 
Terminus subjektiv eine andere Bedeutung und ist Ausdruck einer logiseben 
Wertung. Dann aber beisst es die Elastizität der menschlichen Psyche völlig miss- 
verstehen, wenn man glaubt, eine philosophische Formel weise bei allen, die sich ihrer 
bedienen, auf dieselben psychischen Bestimmungen hin, wenn man also mit W. z. B. 
alle Idealisten in Bausch und Bogen psychologisch charakterisieren will. Solche 
Untersuchungen gewinnen vielmehr, wenn sie gründlich geführt werden, gerade 
dadurch ibren unerschöpflichen Reiz, dass man sieht, in den Dienst wie verschiedener 
psychischer Tendenzen dieselbe Grundanschauung gestellt werden kann. 

Haben wir also hier gewissermassen über Grenzüberschreitungen zu klagen, 
so finden wir dagegen, dass rein psychologisch die ungeheure intellektuelle Arbeit, 
die der Philosoph leistet, viel zu wenig gewürdigt ist. Was den Philosophen aus- 
macht, ist ja eben, dass er nicht einfach Phantasien spinnt, sondern dass er seine 
Lebensarbeit darein setzt, sein System zu einer einheitlichen und widerspruchslosen 
Nachschaffung des Weltlaufs zu gestalten. Gerade das müsste bei einer Psychologie 
des Philosophen energisch in den Mittelpunkt gerückt werden. Dadurch, dass das 
unterlassen wurde, gewinnt die Aufzeigung von Parallelen mit dem Neurotiker und 
Psychopathen etwas ganz Schiefes; ja an mancher Stelle hat man direkt den Ein- 
druck, als solle uns der Paranoiker Schreber als Archetypus des Philosophen 
demonstriert werden. 

Doch was dem Psychoanalytiker bei beiden Arbeiten am meisten auffallen 
muss, ist der Umstand, dass sie an der grössten methodologischen Errungenschaft 
der Psychoanalyse achtlos vorübergehen, an der Erkenntnis, dass fruchtbare 
Psychologie nicht Massenforschung sein könne, sondern vertieftes und eindringendes 
Studium des einzelnen Falles erfordere. Statt dessen lässt W. die ganze Geschichte 
der Philosophie kaleidoskopartig vorüberziehen. H. allerdings widmet seine Studie 
einem einzigen Philosophen, aber er arbeitet sichtlich fast nur mit abgeleitetem 
Material; nirgends verrät sich eine irgendwie intimere Kenntnis seiner Philosophie, 
nirgends spürt man, dass er das Pathos dieses Lebens wirklich nachzuleben ver- 
sucht habe. 

Es ist daher bei ihm nicht nur ein Hilfsmittel der Darstellung, wenn er die 
Willenslehre, die Ethik und den Pessimismus Schopenhauer's abgesondert hinter- 
einander behandelt und im ersten Fall heftig drängender Sexualtrieb und ebenso 
starke Reaktion gegen denselben, im zweiten Fall Reaktion auf sadistische Regungen, 
im letzten einerseits Schopenhauer's äussere Misserfolge, andrerseits seinen „eigen- 
artigen Ödipuskomplex" als das vor allem Bestimmende aufzuzeigen sucht. Es fehlt 
wirklich an jeder inneren Einheit der Betrachtung. Und so sieht so ziemlich das 
ganze Repertoire: Homosexualität, Sadismus, Masochismus, Autismus, Narzissmus, 
ödipus, Zwangsneurose recht wirr und regellos an uns vorüber. Aber nicht nur der 
gestaltende Teil der Aufgabe ist vernachlässigt, auch der eigentlich analytische wird 
recht oberflächlich behandelt. Von Kleinigkeiten, wie dass ein besonders wirksames 
Onanieverbot des Vaters einfach supponiert wird, weil Hitschmann's schematische 
Betrachtung es braucht, wollen wir gar nicht reden. Aber nehmen wir einmal den 
erwähnten „eigenartigen Ödipuskomplex* her. Eigenartig ist er wirklich, denn der 
alle Pflichten gegen die Nachwelt vergessende Schopenhauer scheint sich erlaubt zu 
haben, seinen Vater zu lieben und seine Mutter zu hassen. Das Rätsel der Liebe 
zum Vater allerdings dürfte ein Psychologe wohl noch gründlicher auflösen können 
als H. Es handelt sich da offensichtlich um Spiegelfechterei, um ein Hinaufrllcken 
des Toten aus der Tendenz heraus, Waffen gegen die lebende Mutter zu gewinnen. 
Aber der Hass gegen die Mutter? Ohne zu zögern und ohne einen Beweis für nötig 



614 Referate und Kritiken. 

zu erachten teilt uns H. mit, dass dieser Haan eben verdrängte Liebe war; nicht 
etwa nur Liebe ia der Kindheit, heimlich hat er sie immer geliebt. 

Bei einem derart doktrinfiren Vorgehen sollte man wenigstens souveränes Be- 
herrschen und konsequentes Festhalten der eigenen Lehre erwarten. Aber auch da 
wird man mitunter enttäuscht. Man stösst da bei H., wie bei manchem seiner wissen- 
schaftlichen Freunde, auf eine Unklarheit, die sich oft bis zur Unfähigkeit steigert, 
Eigenes von Fremdem zu unterscheiden. So rückt H. unter dem Einfluss Alfred 
Adlers die Aggressions- und Entwertungstendenzen stark in den Vordergrund. Aber 
an die Schwierigkeiten, die sich durch diese geänderte Auffassung auf dem Boden 
der Freud'schen Theorie ergeben, wagt er nicht zu rühren, sondern hilft sich mit 
Verlegenheitswendungen wie die, die Entwertung des Weibes sei bei Schopenhauer 
„allerdings teilweise sekundär", wo wirklich hinter jedem Wort eine separate Un- 
zulänglichkeit steckt. Ja, in der Frage des Sadismus wendet sich H., der offizielle 
Popularisator Freud's, von Freud's Sexualtheorio ab, ohne es der Mühe wert zu finden, 
diese Änderung seines Standpunktes, wenn schon nicht zu begründen, so doch als 
solche zu bezeichnen. Für H. ist jetzt der Sadismus keine ursprüngliche Komponente 
der Sexualität mehr, sondern eine .Verschränkung von Aggressionstendenzen mit 
einer sexuellen Komponente", wobei er sich nahezu wörtlich an Adler anschliesst '). 
Vielleicht wäre es nur recht und billig gewesen, auch die Ergebnisse der Untersuchung 
Adlers, der zuerst von den Psychotherapeuten das Problem Schopenhauer's be- 
trachtet hat, zum Vergleich hierher zu setzen. Er sagt: (217 f. Psychoanalyse I. Bd., 
49, 1911, Syphilidophobie) „Wir tun dem Späherauge des grossen Philosophen wohl 
keinen Abtrag, wenn wir auch sein „feindseliges" Verhältnis zur Frau in Zusammen- 
hang bringen mit seiner ursprünglichen feindseligen Regung gegen die starke Mutter. 
Dass Seh. auch in den übrigen Punkten unserer Schilderung des Syphilidophoben 
gerecht wird, ist männiglich bekannt. Hervorheben will ich sein Beben und sein 
Erstaunen über die Macht des Sexualtriebs, seine Überempfindlichkeit, sein 
Misstrauen und die stark ausgeprägte Entwertungstendenz gegen Mann und Frau. 
Gab er doch seüiera Hunde den Namen „Mensch*. Seine Verneinung des Lebens 
ist im selben Sinne Verneinung des Sexualtriebs wie die Syphilidophobie. Das 
Motiv ist das gleiche wie bei unseren Neurotikern: der Kampf gegen das starke Weib, 
die Furcht vor der Frau, die Furcht nach „Unten zu kommen". 

Übrigens macht Winterstein die Schwenkung Hitschmanns mit, und zwar ebenso 
sang- und klanglos. Ihm ist der Sadismus „gewissermassen der sexuelle Repräsentant 
des Willens zur Macht". Auch sonst zeigt diese Arbeit, wie so manche andere, den 
Sexualismus der Freudschule auf dem Rückzug. Der Forschungstrieb stammt an sich 
nicht aus dem Sexueltrieb, er erfährt bloss durch die sublimierte Libido eine Ver- 
stärkung. Ja, überhaupt ist es „bisweilen fast unmöglich«, im einzelnen Falle die 
Beiträge von Sexualtrieb und Ichtrieb voneinander zu sondern. Wodurch doch wohl 
zugestanden ist, dass die so beliebten Nachweise sublimierter oder verschobener 
Libido nicht , Befunde' , sondern Konstruktionen sind. Dass „Sublimierung" bloss ein 
„Wort ist, das eine grosse Lücke in unsern Kenntnissen geschickt verdeckt", ist ein 
offenes und mutiges Einbekenntuis. Wintersteins Diskussion des Begriffs des Unbe- 
wassten ist umsichtig und aufklärend. Seine Arbeit als Ganzes gewinnt schon dadurch 
Interesse, dass eine Fülle philosophischer, allgemein psychologischer uud speziell 



») Man vergleiche: Adler, Aggressionstrieb, Fortschritte der Medizin 1908: 
„Die treibende Kraft (und des Sadismus) stammt aber . . offenbar aus 2 ursprünglich 
gesonderten Trieben, die späterhin eine Verschränkung erfahren haben, . . Sexualtrieb 
und Aggreasionstrieb". 






Referate und Kritiken. 6J5 

psychoanalytischer Probleme in ihm nach Lösung drängen. Leider hat er sich anf 
methodische Irrwege locken lassen und glaubt auch, durch mechanisierte Deutungen 
von aussen her zum Ziel gelangen zu können. Dass man mit Formeln wie „Zentral- 
feuer = Vater", „Ideali8mu8 = Introversion* u.dgl. den Philosophen nicht gerecht werde, 
empfindet W. selbst und betont wiederholt, dass er ja eben nur die tiefste Schicht 
aufdecke. Man würde freilich glauben, um von der Oberfläche zur Tiefe zu gelangen, 
müsse man erst durch alle Zwischenschichten durchdringen. Aber es ist ja gerade 
das Geheimnis dieser „Von-aussen-hernm-Methode", einem diese Mühe zn ersparen 
und zu allererst die Tiefe zu eracb Hessen. Deswegen macht dann diese Tiefe so 
leicht den Eindruck des Seichten. Bei W. ist der Hang zum Phantastischen noch 
durch den Einfiuss Jung's gesteigert. So erhalten wir über Art und Intensität der 
Libido, die man in archaischen Zeiten der Sonne entgegengebracht hat, sehr ein- 
gehende Aufschlüsse. Kann sich W. zu energischer Selbstkritik entschliessen, dann 
darf man von ihm wohl noch sehr Anregendes und Fruchtbares erwarten. 

Der Beitrag Ferenczis beschränkt sich darauf, einige Zitate aus Lotzes 
„Psychologie* anzuführen und ihre Beziehungen zur Theorie Freud's zu erläutern. 
Er ist aber interessant, weil er die theoretische Unklarheit so vieler Freudianer wieder 
von einer andern Seite her charakterisiert. Sie haben ganz vergessen, dass Freud's 
Lehre nicht als eine Athene dem Haupte des Zeus entsprungen ist, sondern eine 
Weiterbildung der Anschauungen früherer Psychologen und Psychotherapeuten dar- 
stellt. Jedesmal, wo sie bei älteren Autoren auf ihnen geläufige Begriffe und Ter- 
mini stossen, sind sie daher ausser sich vor Staunen und sprechen mit mystischem 
Schauder von „Vorahnern". Bei der Flüchtigkeit, mit der diese Prähistorie der 
Psychoanalyse betrieben wird, werden dann oft die disparatesten Dinge identifiziert. 
So steht für Lotze die Leichtigkeit, mit der eine Vorstellung der Verdrängung unter- 
liegt, in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Gefühlswert. In dieser mit Freud's 
Theorie ganz unvereinbaren Anschauung sieht F. eine Bestätigung Freud's. Und 
wenn Lotze die Bildung des „Ich* darauf zurückführt, dass .alles, was wir selber 
leiden, empfinden oder tun, dadurch ausgezeichnet ist, dass sich daran unmittelbar 
ein Gefühl knüpft", so will F. darin gar eine Annäherung an die jüngste Freud'sche 
Konstruktion sehen, wonach die Ichbildung im innigsten Zusammenhang stehe mit 
dem Narzissmus. Dass dieses „Verliebtsein in die eigene Person* das Vorhandensein 
der Ichvorstellung schon voraussetzt, kann F. natürlich nicht beirren. 

Wenn das Heft auch dem Psychologen nicht allzuviel Neues über die Philo- 
sophen sagen wird, so wird es doch gewiss zur Aufklärung der Philosophen über 
die Freudschule viel beitragen. Dr. Carl Furtmüller. 

Ch. Ladame: La loi de l'interet momentan^ et la loi de l'interet 
eloigne. (Annales medico-psychologiques, 1913.) 

, .Leben heisst für ein Lebewesen: in jedem Augenblick in der Richtung seines 
grössten Interesses handeln; man kann dies das Gesetz des augenblicklichen Interesses 
nennen." Von diesem Satz Claparedes ausgehend, stellt L. dem augenblicklichen, 
unmittelbaren Interesse das entferntere, mittelbare Interesse gegenüber; ist das erste 
der unmittelbare Ausdruck unseres vegetativen, organischen Lebens, so das andere 
eine Funktion unseres höher entwickelten psychischen Lebens. Es macht sich daher 
im Lauf der phylo- und der ontogenetischen Entwicklung erst allmählich neben dem 
Vitalinteresse geltend und bietet so einen Massstab für den Grad der erreichten 
Kulturhöhe. Dem entspricht es andrerseits, dass beim Auftreten seniler oder patholo- 
gischer Verfallserscheinungen das entfernte Interesse zuerst der Rückbildung unter- 
liegt. Die Ausbildung dieses entfernten Iuteresses hat die Entwicklung der Fähig- 
keit der Hemmung und Zurückhaltung zum notwendigen Korrelat. 



i 



61G Referate und Kritiken. 

Hat die scharfe Hervorhebung des Interesses im Allgemeinen das Verdienst, 
die Zielstrebigkeit des Psychischen scharf hervorzuheben, so ist die von L. vor- 
genommene Zweiteilung im Besondern sehr geeignet, uns für charakteristische Unter- 
schiede verschiedener Entwicklungsstufen der Psyche den Blick zu schärfen. Ein 
Vergleich mit der Freud'schen Gegenübersteilung von Lust- und Realitfitsprinzip, die 
ja im Grunde dasselbe will, fällt entschieden zugunsten der Auffassung Ladarnes 
aus. Man darf wohl hoffen, dass L. diesem knappen Aufsatz eine ausführliche 
Studie über dasselbe Thema folgen lassen wird; an Problemen fehlt es gewiss nicht. 
So scheint mir, dass eine weitere Untersuchung in dem Gegensatz : interet momen- 
tane — eloigne zwei verschiedenartige Gegensatzpaare entdecken würde. Mit eigent- 
lichem interet momentane hätten wir es dann zu tun, wenn die Zielsetzung wechselt ; 
es kann aber sehr gut ein Fall, in dem die Zielsetzung konstant ist, aber die 
Spannung zwischen der gegebenen Situation und dem Ziel nicht vertragen wird, 
äussert ich den Eindruck des interet momentane machen. Das Zurücktreten des 
interet eloigne" bei Verfallskrankheiten könnte zu dem Irrtum verleiten, dass sein 
Vorhandensein einen Massstab geistiger Gesundheit abgebe. Demgegenüber liesse 
sich wohl zeigen, dass bei psychischen Erkrankungen, soweit sie nicht auf organischen 
Verfall beruhen, gerade im interet eloigne, in der Art der Zielsetzung sowohl als in 
der übertriebenen Starrheit, mit der sie festgehalten wird, der Kern der Krankheit 
lleßt - Dr. Carl Furtmüller. 

Dr. Alfred Adler, Neuropathologis che Bemerkungen zu Freiherr 
Alfred von Bergers „Hofrat Eisenhardt" '). Zeitschr. f. psychol. Medizin 
und Psychotherapie. Juli-Heft 1913. Enke, Stuttgart. 

Ich möchte auf die Ausführungen Dr. Adler'a über diese Novelle A. v. Berger'a 
vor allem deshalb verweisen, weil der „Hofrat Eisenhardt" durch den psychologischen 
Scharfblick seines Meisters zu einem Werke der Literatur wurde, das wie eine 
deutliche, bis ins einzelne durchforschte Krankengeschichte dem Autor Gelegenheit 
gibt, seine Lehren über das pathologische Geschehen in der menschlichen Psyche 
die er m seinem Buche „Über den nervösen Charakter" *) so übersichtlich in Worte 
und Sätze zu binden verstand, fast bis ins einzelne zu erweisen. Ich will in diesen 
„Bemerkungen" ein Musterbeispiel sehen, wie ein Kunstwerk psychologisch unter- 
sucht werden kann, ohne dass irgendwie dabei das Kunstempfinden verletzt würde 
üfl es sich aber um eine Novelle handelt, deren Inhaltsangabe mit den Ausführungen 
Dt Adler'a gleichbedeutend wäre, mit einer Abschrift in anderen Worten, so will 
ich hier nur auf wichtige Momente in der Charakteristik Eisenhardts, die Dr. Adler 
bis m ihre Einzelheiten verfolgt, hinweisen. Eisenhardt ist ein Mensch mit hoch- 
angesetztem, fiktiven Persönlichkeitsideal, der in seinem Streben nach Macht zuerst 
dadurch, dass er sich als Richter dem staatlichen Prinzip unterwirft, dass er als 
dessen festeste Stütze die unerbittliche Strenge setzt, ,seinen Herrschaftswillen erfüllt, 
der aber dann in konsequenter Verfolgung seines fiktiven Ideals sich gegen diesen 
Staat wendet, ihn zum „Gegenspieler" macht, indem er als Mittel zur Überwindung 
dieses Staates die „anarchistische Milde" ergreift, indem er selbst die festen Maschen 
lockert. So w.rd endlich sein Tod der letzte Trumpf, den er gegen den Staat aus- 
spielt, indem dieser an ihm einen treuen Diener verliert und im Volke ein erschüttertes 
Rechtsbewnsstsein zurückbleibt. Noch möchte ich nachdrücklich auf die bedeutsamen 
Bemerkungen verweisen, die Dr. Adler zu Eisenhardts Halluzinationen macht: Die 
Neurose bringe dann die halluzinatorische Kraft auf, wenn sie mit besonderer Deut- 

i) Vortrag, gehalten im Verein für fr. ps.-an. Forschung in Wien 1912. 
-) Wiesbaden, Bergmann 1912. 



Referale und Kritiken. 617 

lichkeit und Eindringlichkeit Sicherungen vornehmen will. So rufen die Halluzi- 
nationen Eisenhardts' in ibm das Gefühl seiner Minderwertigkeit wach; sie klagen 
seine Strenge an, sie heissen ihn einen Verbrecher: sie zeigen, wie Adler schon im 
, Nervösen Charakter" es aufzuweisen suchte, ihre mahnende oder warnende Be- 
deutung. Max Cresta. 

Dr. Wilhelm Stekel, Masken der Sexualität. »Die neue Generation*. Nr. 2. 
1913. 

In einer ungemein fesselnden Art spricht hier Stekel darüber, wie sich die 
Menschen vor sich selbst maskieren und wie die Erotik sich häufig hinter körper- 
lichen Beschwerden verbirgt. 

Wenn man auch mit der sittlichen Forderung des Autors („Es ist unsere Pflicht, 
diese Masken herunterzureissen») nicht übereinstimmt und es etwa bei den weniger 
radikalen Worten Schnitzlers: „Wir spielen immer wer es weiss, ist klug!', 
bewenden lässt, so muss Stekel rückhaltslos zugebilligt werden, dass er in diesem 
Aufsatze dem Lesereine ganze Reihe wertvollster geistiger Anregung bietet. So seine, 
von ihm bereits in einem speziellen Werke (»Die Träume der Dichter") des Näheren 
ausgeführte Ansicht, den Neurotiker als „Ruckschlagserscheinung* gleich dem Ver- 
brecher und Künstler aufzufassen, der durch sein überwucherndes Triebleben immer 
wieder in Konflikt mit der Umgebung gelangt; oder seine Meinung, dass die (nach 
Freud) polymorph - perverse AnInge des Kindes auch späterhin sich nicht verliere, 
bzw. völlig sublimiert werden könne und demzufolge auch im Normalmenschen ein 
gutes Stück „perverser" Anlage bleibe, die sich entwoder durchsetzt oder aber 
maskiert und bo dem Bewusstsein verschleiert bleibt. Hierher gehört der Typus des 
moralisch entrüsteten Sammlers von unsittlichen Bildern und Büchern, welcher 
(trotz aller sittlichen Entrüstung!) sich mit diesen Dingen doch gerne beschäftigen 
muss. ,Ob man sich positiv als »Erregter" oder negativ als „Entrüsteter" betätigt, 
die Tatsache bleibt bestehen, dass man sich mit der Sexualität beschäftigt." 

Wenn Stekel Juliusburgers Arbeit „Zur Psychologie des Alkoholismus", 
in welcher der Alkoholmissbrauch auch auf die homosexuelle Anlage des betreffenden 
Individuums zurückgeiübrt wird, in zustimmender Weise zitiert (Gemeinsames Trinken 
in den Gasthäusern, Verbrüderungsszenen, Flucht vor dem Weibe = maskierte Homo- 
sexualität), möchte Referent hier einen Einspruch erheben. Zeigt doch die Anamnese 
des Potators regelmässig schwerste Schädigungen in der Aszendenz, oder Kata- 
strophen wirtschaftlicher Natur, welche gewiss nicht zugunsten einer (ja zugegebenen) 
unbewussten homosexuellen Anlage in den Hintergrund treten dürfen. 

Ausserordentlich wertvoll für ein tieferes Erkennen kleptomanischer und pyro- 
manischer Zustände ist Stekel s Ansicht, die ihrer Originalität wegen hier wieder- 
gegeben sei: „Frauen, die sich zu schwach fühlen eine Sünde wider die sexuelle 
Moral zu begehen, stehlen einen für sie wertlosen Gegenstand, um symbolisch eine 
verbotene Handlung auszuführen, wobei der Symbolwert der gestohlenen Gegenstände 
sehr häufig das eigentliche Ziel der Triebhandlung verrät. Auch die „Pyromanie" 
ist nur eine Maske der Sexualität. Wie durchsichtig ist z. B. der Fall der achtzehn- 
jährigen Magd, die eine Scheune in Brand steckte. Vor dem Untersuchungsrichter 
gestand sie, dass sie zuerst das Bett des Knechtes mit Petroleum übergössen und 
angezündet hatte. Sie wnsste gar nicht, dass sie den Knecht liebte, und wollte ihn 
für sich in Liebe „entbrennen" lassen". 

Ebenso intuitiv ist seine Auffassung der „Akatasie" (Angst vor dem Sitzen), 
welcho in einem Falle einerseits auf eine sexuelle Wurzel (Angst vor Homo- 
sexualität), andererseits auf eine kriminelle (Angst vor dem Sitzen im Kerker) zu- 
rückgeführt werden konnte. LudwigKlebinder. 
ZentrnlMatt für Psychoanalyse III". 42 



618 Referate und Kritiken. 

Max Deri, Versuch einer psychologischen Kunstlehre. (Stuttgart, Ver- 
lag von Ferdinand Erike, 1912, 138 S.) 

Die vorliegende Arbeit gehört nicht dem Gebiet der Ästhetik, sondern dem 
der Formalpsychologie an und daraus ergibt sich eine Art der Betrachtung, die von 
den geläufigen Kunstproblemen abweicht. Der Autor analysiert den Eindruck des 
Kunstwerkes innerhalb der einzelnen SinneBgebiete und findet darin die gleichen 
psychischen Elemente wie in jedem anderen psychischen Erlebnis, er findet weiter, 
„dass in den Kunstwerken nichts anderes als einfachere oder kompliziertere Varia- 
tionen jener Gefühle vermittelt werden, die uns allen aus dem unmittelbaren Erleben 
bekannt sind«. (S. 31.) 

Dieses Resultat ist aber selbstverständlich und es hätte keiner langen Unter- 
suchung bedurft, um es festzustellen. Denn wie man in jedem Stoff nur eine be- 
stimmte Anzahl von Elementen durch chemische Analyse finden kann, bo kann dio 
psychologische Analyse in jedem psychischen Erlebnis nur Elemente aufdecken, die 
die gleichen sind, wie in irgend einem anderen. Eine solche Feststellung bringt nns 
aber dem Wesen des Ästhetisch -Wertvollen um nichts näher, da es bei unseren 
Erlebnissen ja nicht auf die Elemente ankommt, sondern auf die spezifische Art 
ihrer Durchdringung. Und wenn der Autor auf Grund seiner Analyse zu dem 
Resultat kommt, es bestehe kein wesentlicher Unterschied zwischen dem Natur- und 
dem Kunstscbönen, so begeht er — vom ästhetischen, nicht vom formalpsycho- 
logischen Standpunkt aus — den gleichen Irrtum wie einer, der eine Säule und eine 
figurale Skulptur identifizieren würde, weil beide aus Marmor sind. Als Chemiker 
hätte er jb recht. 

Dieser Fehler liegt aber nicht in der im übrigen sehr geistvollen und scharf- 
sinnigen Analyse selbst, sondern in der Art der Problemstellung, die von einer 
Analyse (also einer Zerlegung in einfache Elemente) ein Resultat erwartet, das eine 
Analyse nie und nimmer geben kann, sondern nur eine Einfühlung. Aber diese 
Art der Problemstellung verleitet den Autor im weiteren Verlauf seiner Untersuchung 
zu Behauptungen wie, dass das Werturteil des gewöhnlichen Lebens sich in nichts 
von dem vor dem Kunstwerk unterscheide (S. 130), dass das Wesen des Tragischen 
im Erleben tragischer Gefühle (Angst, Mitleid, Haas etc.) ohne wirkliche eigene 
Gefahr bestünde (S. 120; von hier aus hätte sich dem Autor leicht eine ästhetische 
Rechtfertigung des Kinematographen ergeben können) etc. 

Diese Konsequenzen sind es, die von selbst die Grundanschauung, als ob eine 
Analyse erkliiren könnte, was nur durch einen Akt der Intuition erkannt werden 
kann, ad absurdum führen. Dr. Schreck er. 

Alice Descoedres, Les enfants anormaux sont-ils des anormaux? (Arch. 
de Psychologie. Tome XIII. Nr. 49. Avril 1913.) 

Die Verfasserin hat einen Aufsatz von Gustav Major, Direktor des med.- 
paed. Kinderheims Sonnblick, Zirndorf bei Nürnberg, veröffentlicht in der .Hilfsschule« 
März 1911 gelesen, worin dieser zum Resultate gelangt, dass die debilen Kinder 
begriffs wesentlich auch stets moralisch minderwertig seien. Die Autorin nun, 
die HeiJpädagogin an einer Genfer Hilfsschule ist, glaubt dieser Auffassung auf 
Grund ihrer eigenen mehrjährigen Erfahrungen als Lehrerin von ca. 50 Debilen 
beiderlei Geschlechts im Alter von 7— 14 Jahren auf das entschiedenste widersprechen 
zu müssen. Damit scheint sie nun auch völlig im Rechte zu Bein, wenn man 
ihr reiches kasuistisches Beweismaterial (28 Druckseiten) durchnimmt, das auf Auf- 
zeichnungen beruht, die von ihr unmittelbar nach den betreffenden Unterrichtsstunden 
gemacht wurden. [Es wäre zu fragen, ob zu einem ursprünglich vorbedachten 



Referate und Kritiken. 619 

speziellen Zweck?] Denn sie weiss von fast verblüffenden Resultaten ihrer Be- 
mühungen zu berichten, aber auch von einzelnen Tatsachen vor eingeleiteter Hilfs- 
erziehung, die Major wohl zu widerlegen scheinen. Referent kann das Kompliment 
kaum unterdrücken, dass es sich bei der Autorin wohl um ein ausserordentliches 
nicht nur allgemein pädagogisches, sondern auch spezieU beilpädagogisches Talent 
handeln durfte. Die natürlichen Instinkte scheinen bei ihr nicht bloss stark aus- 
geprägt, sondern auch in seltener Weise sozialisiert zu sein, wodurch dann die Kinder 
entsprechend Btark beeindruckt werden und in der mitgeteilten Weise reagieren. 
Damit stimmt auch der besondere Wert, den Verf. auf das soziale Milieu legt. 

Freilich erscheinen aber auch die B e Reaktionen dem Referenten häufig derart 
übertrieben, .aufgeklebt" bei bestimmten individuellen Anlässen und in bestimmten 
individuellen Formen stets wiederkehrend, dass sie wohl auch hier immerhin oft den 
Eindruck des Abnormalen machen. - Vom speziell psycbanalytischen Standpunkt 
-wäre es sehr interessant, etwas über das Verhalten der Kinder zu ihren früheren 
Vernachlässigen! bezw. Peinigern in dem Zeitpunkt zu hören, wo schon die Heil- 
erziehung in der Klasse die berichteten schönen Erfolge gezeitigt hatte. Interessant 
erscheint der Hinweis auf Fälle von Untätigkeit, nicht ans Faulheit = Abneigung vor 
aller Tätigkeit an sich, sondern aus Angst und Furcht vor dem absolut sicheren 
negativen Erfolg jedweder Tätigkeit. 

So wertvoll nun die Ausführungen der Verf. dem Referenten kasuistisch 
erscheinen, so meint er doch, dass sie sich von ihrem Standpunkte - des Streites 
mit Major — aus besehen in eine Sackgasse verrannt hat. Denn die Frage, ob 
man unter .minderwertig" nur Fälle von intellektueller oder nur von moralischer 
Minderwertigkeit oder aber beide vereinigt begreifen will, scheint doch wohl eigentlich 
„ur terminologischer Natur zu sein. Hat man sich aber einmal über die 
Nomenklatur geeinigt, dann ist die Beantwortung der angeschnittenen Frage wohl nur 
auf Grund weit ausgedehnterer (zeitlich und numerisch) Beobachtungen und Statistiken, 
als sie sowohl D es coed res als auch Major zur Verfügung standen, möglich. Als 
einzelne Bausteine aber zur Lösung des Problems, die der Zukunft gehört, seien uns 
solche Mitteilungen hochwillkommen. Alex. H. Steiner. 

Eduard Fuchs und Alfred Kind, Die Weiberherrschaft in der Geschichte 
der Menschheit. A. Langen, München 1913. 

Wollen wir dieses Werk in der Bedeutung, die es bei Verfolgung seines 
kulturhistorischen Interesses für das verwandte allgemeine Problem der psycho- 
logischen Forschung gewinnt, einzuschätzen versuchen, so werden wir sagen müssen, 
dass schon durch das gebotene illustrative Material eine empfindliche Lücke ausge- 
füllt erscheint. Denn der Psychologe, der seine Untersuchungen über das Individuelle 
hinaus auf das Gemeinsame erstrecken will, das seine Gültigkeit aus dem Gleichen 
in der Geschichte der Entwicklung, das Aktuelle doch historisch begründen muss, 
wird immer wieder seine Belege aus den Darstellungen der Kunst und Dichtung 
holen, sie auch an ihnen prüfen müssen, weil in ihnen der psychische Inhalt einer 
Periode sicherlich am klarsten und reinsten zum Ausdruck kommt. 

Hat Freud seine ganze Lehre sexuell - ätiologisch zu begründen gesucht, so 
war es wieder Adler, der den Nachdruck auf die biologischen Momente im Ver- 
hältnisse zwischen Mann und Weib gelegt hat. Schliesst nun dieses Verhältnis 
eines der Hauptprobleme im Leben des Individuums in sieb, so ist es klar, dass 
hier die »Leitlinie* des Individuums einen deutlichen Ausdruck finden muss. Für den 
Mann wird es, wie Adler Bagt, immer wieder die .Furcht vor der Frau" sein, die, 
bald im ganzen Sinne , des Wortes, bald nur als Achtung und Rücksicht für das 

42* 



620 Referate und Kritiken. 

Weib, für seine Rolle charakteristisch wird- Nun ist ebenso, wie die Geschichte 
vom Standpunkt des Mannes aus gemacht erscheint, auch aus den meisten Schöp- 
fungen der darstellenden Kun6t und der Dichtung die männliche Deutung erkennbar 1 ). 
Im Text des vorliegenden Werkee wird ja darauf hingewiesen, dass die Ordnung 
des Stoffes nur nach psychologischen Gesichtspunkten sich ermöglicht, aher man 
musa selbst sein Augenmerk intensiv auf dieses Problem gerichtet haben, man muss 
verstehen gelernt haben, wie das Problem durch seine eminente Bedeutung für jedes 
einzelne Individuum zu einem Hauptfaktor in der Entwicklung des Geschlechtes selbst 
wird, um einzusehen, welcher Wert einer Sammlung des umfangreichen Materiales, 
wie sie hier geleistet wird, zukommt. 

Bisher liegen die drei ersten Lieferungen vor: aus dem Inhalt derselben 
möchte ich diesmal auf das, von den Verfassern gerade so wie von Adler genannte 
.Reitmotiv" hinweisen, Darstellungen, in denen ein Weib gezeigt wird, das auf einem 
Manne reitet, ihn lenkt und zügelt; im Übrigen behalte ich mir vor, ans dem Inhalt 
des Werkes nach dessen vollständigem Erscheinen, wenn die massgebenden Gesichts- 
punkte in der Anordnung deutlicher ersichtlich sein werden, auf das Einzelne, 
psychologisch Interessante näher einzugehen. Max Cresta. 

Carlo Pariani, Nuove ricerce sui rapporti dell' Arte e della Pnzzia. 
(Revista di Patologia nervosa e mentale. Aprile 1913.) 

Der Autor studiert die künstlerische Produktion Pio Galeffis. der seit 
vierzig Jahren im Irrenhaus lebt, der aber lange Zeit seine künstlerischen Fähig- 
keiten trotz der Krankheit bewahrte. An der Hand von Reproduktionen werden diese 
künstlerischen Fähigkeiten während der verschiedenen Krankheitsstadien dargestellt. 
An dies« detaillierte Spezialstudie fügt der Autor einige hochinteressante Betrach- 
tungen über die künstlerischen Manifestationen der Geisteskranken und über die 
Beziehungen des Genies und der Kunst zum Wahnsinn. Dr. Pariani bewegt sich 
hier auf einem von der italienischen Wissenschaft zuerst betretenen und seither 
eifrig gepflegten Boden. 

Er hebt vor allem hervor, dass die Irren, die zeichnen, malen und modellieren, 
nicht selten sind, dass man sie aber nicht nach einem einheitlichen Kriterium be- 
urteilen dürfe. Es gibt eine durch und durch krankhafte Kunst, die ein Hilfsmittel 
für die Rede bildet und ein wirksames Ausdrucksmittel darstellt. Dies ist keine 
eigentliche Kunst, sondern ein Mittel, deren sich die hochmütigen Irren bedienen 
und die auch von manchen Geisteskranken für symbolische und groteske Produktionen 
benutzt wird, deren Charakter auf den ersten Blick zu erkennen ist. Weiter gibt es 
eine Kunst, die nicht vom Wahnsinn erzeugt wird, die aber mit ibm zusammen 
besteht. Man findet in dem Kranken bisweilen dilettantische künstlerische Dis- 
positionen, die sie schon im gesunden Zustande besassen und die nun ohne Ände- 
rungen fortgesetzt werden oder mit Bonifikationen, die gewöhnlich aus verschiedenen 
Gründen keine psychologische Bedeutung haben. Diese Künstler sind häufig in den 
Irrenhäusern zu treffen, aber ihre Werke dürften schwer einen Käufer finden. 
Schliesslich kommt es vor, dass wirkliche Künstler mit genialen Fähigkeiten er- 
kranken nnd diese bieten der Psychologie und der Ästhetik ein günstiges Unter- 

') Aus dem Umstand, dass auch die Psychologie in ihren Untersuchungen 
gleichsam von einem männlichen Prinzip ausgeht (so wie das Wort Mensch ebenso 
wie homo, ävöganog männlich ist), ergibt sich, dass diese Schöpfungen ihrer Inter- 
pretation leicht zugänglich sind. Erscheint es uns doch, als ob das Weib als 
Künstlerin erst die männliche Rolle spielen lernen müsste. 



Referate und Kritiken. 

suchungafeld. Hervorragende Fähigkeiten können mit geringen Abänderungen neben 
dem Wahnsinn bestehen; und im gegenteiligen Falle sind sie des Studiums würdig 
im Vergleich mit den Leistungen, die vorausgingen und in der Betrachtung der 
ganzen Entwicklung. Das Studium dieser Fälle wird manchmal durch den Kranken 
selbst erleichtert, der sein eigenes Bewusstsein beobachtet und für derartige innere 
Prüfungen leichter zugänglich ist als der normale Mensch. 

„Über die Beziehungen zwischen Genie und Wahnsinn bestehen seit altersher 
mancherlei Doktrinen oder richtiger gesagt mancher Glaube, der ungewisse, unvoll- 
ständige und sogar widerspruchsvolle Elemente enthält. Ein altes Sprichwort be- 
sagt dies und die Aureole des Wahnsinns, die das Genie heiligt, wurde besonders 
den Poeten verliehen, die mit Horaz Opfer des appollinfiischen Furor waren. Eine 
vage Auffassung über gewisse unklare zwischen Genie und Wahnsinn bestehende 
Beziehungen ist ziemlich verbreitet; man meint, dass Genie und Wahnsinn nicht 
bloss als gute Freunde nebeneinander leben, sondern dass manchmal das Genie dem 
Wahnsinn die Wege ebnet und umgekehrt; oder man meint, dass der Wahnsinn die 
höchsten Knergien des Geistes läutert und in schärfster Form hervortreten lässt, 
wie ich dies in einer Zeitung las, alsVinzenzo Gemito nach seiner hingen, 
langen Einsamkeit wieder die künstlerische Arbeit aufnahm. Die lombrosianische 
Theorie forderte diese durch die Tradition übernommenen Anschauungen." 

.Nicht der Wahnsinn im allgemeinen, sondern besondere Anomalien des 
Charakters, des Benehmens und der Affektivität mussten einen Glauben erzeugen, 
der weiterhin durch Tradition übernommen und nicht weiter diskutiert wurde. So 
hielten Philosophen von ernster Auffassung an ihm fest und auch Archimedes 
widersprach ihnen nicht, jener Archimedes, von dem Plutarch erzählt, „dass er stets 
verführt von einer besonderen und mit ihm lebenden Sirene zu trinken und zu essen 
vergase und nicht einmal seinen Körper pflegte." Und von Anaxagoras erzählt er, 
dass er .sein Haus verliess und dass er sein Land verfallen Hess, verzückt im 
grossartigon Studium der himmlischen Dinge". 

.Nun darf man sagen, dass der Gelehrte, der Forscher, überhaupt der Mensch, 
der sich mit wissenschaftlichem oder künstlerischem Studium befasst, nicht wie der 
Durchschnittsmensch leben wird und von der Menge wird er stets für mehr oder 
weniger verrückt oder doch extravagant gehalten werden. Ja die Grösse ver- 
schiedener Entdeckungen und Erfindungen selbst erweckte oft in den Zeitgenossen 
den Gedanken an den Wahnsinn des Erfinders oder Entdeckers; und dies in Fällen, 
wo es sich nicht um einen ungebildeten Haufen, sondern um Versammlungen von 
hochgebildeten und Autorität besitzenden Personen handelte — wir verweisen nur 
auf die Beispiele von Columbus und Brunellesco. Und die Verwandtschaft, die 
zwischen Wahnsinn und Genius besteht, wurde durch Männer bestätigt, die wirklich 
geisteskrank und doch berühmt waren. Am meisten kam jedoch Erasmus der 
Wahrheit nahe, der in den Leistungen und Werken aller Menschen die Eigenschaften 
des Wahnsinns wieder erkannte." 

.Das Studium der Kranken und die Kenntnis der verschiedenen Geisteskrank- 
heiten bestätigen diese Meinungen nicht, mögen sie noch so verbreitet und ver- 
führerisch sein; ich selbst könnte nicht sagen, welche Krankheit eine günstige 
Wirkung auf den Intellekt und auf die Phantasie ausübt, welche einen wirklichen 
Gewinn bedeutet. Ich schüesse, der Klassifizierung Tan zi s folgend, vor allem jene 
Krankheiten aus, die durch äussere und innere Intoxikationen bedingt sind; und für 
die progressive Paralyse hatte ich Gelegenheit, dies zu beweisen. Die Alterationen, 
die im Gehirn durch Infektionen, durch Tumoren, durch empfangene Schläge und 
durch Gefässläsionen hervorgerufen werden, können den psychischen Fähigkeiten 



622 Referat« und Kritiken. 

gewiss nicht nützen. Es bleiben die affektiven Psychosen, die konstitutionellen 
Neuropsycbosen, die Dementia praecox und die degenerativen Anomalien.* 

„Die Znstande leichter manischer Erregung werden eine Stimulus erzeugen 
vergleichbar jenem, den eine massige Berauschtheit erzeugt und den Denkablauf 
erleichtert; doch muss man bezweifeln, ob der so erzielte Gewinn das rasche Unter- 
tauchen der Vorstellungen, die geringe Konsistenz der Ideen und die Irrtümer der 
Bewertung kompensieren kann. Die Melancholie wird die künstlerische und wissen- 
schaftliche Arbeit kaum unterstützen, da sie die Denkprozesse einschränkt, das Be- 
wusstsein verengt, die Aktionen hindert und alles auf Schmerz reduziert. Die 
Dementia praecox lässt ausnahmsweise spezielle Fähigkeiten bestehen und wird in 
ihre Produktion besondere, für den Psychologen interessante Noten einführen. 
Doch ist es nicht denkbar, dass sie die schöpferischen Fähigkeiten fördert. In 
diesem Bezug ist das schöne Beispiel Pio Galeffys instruktiv und ich hoffe, 
binnen Kurzem eine weitere Studie bieten zu können, die in der Kunstrichtung, 
aber nicht in der Bedeutung verschieden ist. Von den degenerativen Anomalien ist 
die Paranoia in Betracht zu ziehen, die im wesentlichen in einer Störung der Fähig- 
keiten des Erkennens und Beurteilens und in der Bildung eines systemarischen 
Deliriums besteht. Bei der Paranoia kann es vorkommen, dass die relative intel- 
lektuelle Integrität den festen Überzeugungen und dem entschiedenen Wollen Mittel 
liefert, die beachtenswerte Unternehmungen besonders auf politischem und religiösem 
Gebiete auslösen können; und die Krankheit wird Handlungen hervorbringen können, 
für die der Gesunde nicht fähig wäre. Dagegen wird sie Fähigkeiten, die er besass, 
zerstören und hemmen können. Ich erinnere an die absurden Phantasien des so 
tüchtigen Malers de Groux und an Gemito, der durch so viele Jahre ganz zur 
Arbeit unfähig war. Was die Epilepsie anbelangt, so werde ich mich mit ihr ge- 
legentlich eines Kranken befassen, den ich eben beobachte. Die Hysterie, die Neur- 
asthenie in ihren üblichen Manifestierungen drücken eine krankhafte Veranlagung 
aus, die nicht die Grenzen des Wahnsinns erreicht. Und die notwendige Vorbedingung 
für besonders hohe geistige Fähigkeiten scheint oft eine Zartheit des Nervensystems 
zu sein, die zusammen mit den ungewöhnlichen psychischen Funktionen und mit 
der Feinheit der Wahrnehmungen die leichten Störungen erklärlich erscheinen lässt.* 

„All dies betrifft die Wirkung der Geisteskrankheiten für sich als besondere 
Krankheitserscheinungen betrachtet; wo jedoch der Geist des Menschen in Frage 
kommt, haben natürlich die verschiedenen Fälle einen besonderen Wert.* 

„Im Studium der Psyche darf man die ästhetische Erkenntnis nicht vernach- 
lässigen. Die Kunst ist eine ursprüngliche und ewige Tätigkeit der edelsten Art. 
Sie entspringt aus dem Bedürfnis zu interpretieren und zu schaffen, die Wirklichkeit 
in uns zu besitzen und sie mit Betrachtung der Formen, die sie uns darbietet, in der 
Phantasie zu überwinden. Ihre freie Herrschaft erstreckt sich auf alle Dinge und 
auf alle Vorstellungen. Sie tritt zugleich mit dem Menschen auf und als seine 
Trösterin wird sie ihn zu allen Zeiten begleiten, im ruhigen Landleben sowohl, wie 
in den lärmenden unruhigen Städten.* Julius Sachs. 

N. Schreider, Psychotherapeutische Beobachtungen. (Psychotherapia 
1912. Nr. 6.) 

Schreider's Meinung geht dahin, dass man wertvolle Resultate bei prak- 
tischer Anwendung der verschiedensten Methoden der Psychotherapie bekommt. 
Gestützt auf seine Beobachtungen bespricht Schreider: die Hypnose, die Psycho- 
analyse und die sogenannte „rationelle Psychotherapie* in ihren Wirkungen auf die 
Hysterie, Neurasthenie und Psychasthenie. 



Referate und Kritiken. §23 

Bezüglich der Hypnose teilt Sehr eider die Meinung Bechtereffs, dass 
wenn die Beeinflussung logisch aufgebaut und gegründet auf dem Verständnis der 
Krankheit ist, so ist das .Umgehen" des Patienten im Sinne Dubois nicht notwendig: 
im Gegenteil, die Beeinflussung hilft dem Patienten sich über Beinen Zustand klar 
zu werden und Übt oft eine sofortige wohltätige Wirkung auf das subjektive Be- 
finden des Patienten aus. Aber auch Parästhesieu, Anästhesien, Kontrakturen, Para- 
lysen und andere hysterische Inversionen lassen sich durch längere Anwendung der 
Hypnose beseitigen. Wenn man aber die neuen Lehren über den Mechanismus der 
Entwicklung der Neurosen in Betracht zieht, so wird es klar, dass man die Hypnose 
nur bedingt anwenden darf. 

Scbreider wendet die Hypnose in drei Fällen an: 1. Wo die Entwicklung der 
Krankheit ohne Psychoanalyse leicht verständlich ist, wo es keine Verdrängung, 
Inversion usw. gibt. 2. Bei Kranken mit schwach entwickeltem Intellekt, wo also 
eine psychische Beeinflussung auf unwiderstehliche Hindernisse stösst. 3. Zum Ziele 
einer raschen Erleichterung vom schweren krankhaften Zustande und 4. bei Unmög- 
lichkeit mittelst Analyse greifbare Resultate der Behandlung zu bekommen. 

Was die Psychoanalyse anbelangt, so meint Schrei der, diese Methode er- 
fordert mehr als jede andere eine gewisse Intelligenz von Seiten des Patienten. 
Beim Fehlen derselben gelingt gewöhnlich weder das Auffangen der, zufälligen Gedanken* 
noch das assoziative Experiment nach Jung. Auch können manches Mal Kranke 
keine Träume liefern, oder leisten energischen Widerstand bei jedem Versuch in das 
innere der Psyche des Kranken einzudringen. — Die Erfahrung zeigt, dass man es 
nicht überall mit sexuellen Traumen zu tun hat, es können verschiedene andere 
Ursachen figurieren, wie schlechte Erziehung, Vererbung, moralische Leiden. Hier 
wird der Autor unklar, indem er sagt: „doch scheint das sexuelle Trauma die Haupt- 
feder der Erkrankung zu sein." — Indem S chreider noch die Methode Dubois be- 
spricht und findet, dass die grösste Schwierigkeit bei der Behandlung mit .Über- 
zeugung" darin besteht, dass man nur auf den Veratand und nicht auch auf das 
Gefühl des Kranken wirkt, kommt er zu dem Resultate, dass es nur für den theore- 
tischen Bau zweckmässig ist, die ganze Aufmerksamkeit auf irgend eine Methode zu 
konzentrieren. In der Praxis aber muss man alle erwähnten Methoden für gleich- 
wertig halten. Jede findet ihren Platz bei der notwendigen Individuali- 
sierung der Kranken. Raissow. 

N. Ossipow, Gedanken und Zweifel in einem Falle der „ degenerativen 
Psychopathie". („Psycbotherapia", 1912, Nr. 4—5 — 6.) 

Ossipow schildert die Krankengeschichte eine9 Mädchens und resümiert 
folgendermassen : Die Patientin leidet an Schüchternheit, hat eine falsche Über- 
zeugung, dass sie missliebig sei, eine Zwangsidee von der Hfisslichkeit ihres Gesichtes 
und zeitweilig einen, wie sie sagt, „leidenschaftlichen Abscheu vor dem Leben" und 
den Wunsch zu sterben. Bei Ossipow entsteht der Zweifel, ob es eine Zwangs- 
idee oder aber eine Fieberphantasie sei. 

Obgleich die Kranke ihren Gedanken von dem Widerwillen, den sie den 
Leuten einfiösst, selbst als voreingenommen ansieht, geht sie doch zum Chirurgen 
um sich den unteren Teil ihres Gesichtes operieren zu lassen. Der allgemeine Ein- 
druck sagt, dass wir es mit einer Psychoneurose und nicht mit einer Paranoia zu 
tun haben, trotzdem die Kranke sich am Abend schlechter fühlt; die 
Erfahrung zeigt, dass die Neurotiker sich in der Frühe schlechter fühlen. 

Von ihrem 6. Jahre an litt sie an Fussschmerzen. Dieses Faktum ist von 
Bedeutung, da schon von früher Kindheit an die Aufmerksamkeit der Kranken so 



624 Referate und Kritiken. 

auf ihre physische Konstitution gelenkt war. Die Erinnerungen der Kranken 
reichen bis zum 8. Jahre zurück, wo auch Neigungen zu Phobien und Trkumerien 
zu bemerken waren. Interessant ist, daBS der Inhalt der Träume niemals „er", der 
Zauberprinz war, sondern immer Bilder des Ruhmes, was wir mit Adler als 
unweibliches Rollenbewusstsein ansehen würden. Als mit 24 Jahren die Liebe an 
die Patientin herantrat, brach die Krankheit aus; in vollem Masse aber erst, als der 
Bräutigam ihr untreu geworden war. 

Ossipow wendete die Psychoanalyse au, wobei er herausbrachte, dass hinter 
der Phobie der Kranken ein übertriebener Ehrgeiz stecke. Die Patientin leugnete 
anfangs und behauptete, dass sie im Gegenteil, eine sehr niedrige Meinung von sich 
habe. Später gab sie ihren „ungeheuren Ehrgeiz" zu, betrachtete aber als Ursache 
ihrer Erkrankung nicht den Ehrgeiz, sondern Melancholie, die sie vom Grossvater 
geerbt haben soll. Dem widersprechen aber, wie Ossipow dazu bemerkt, ihre ganze 
intime Seelenwelt und auch Traume im Wachen. — Ossipow scheint zu über- 
sehen, dass Minderwertigkeitsgefühle und Ehrgeiz sehr gut nebeneinander bestehen 
können, dass gerade die ersteren den Ehrgeiz aufpeitschen. — Als wegen Wider- 
stände seitens der Kranken Ossipow die psychoanalytische Behandlung aufgeben 
musste, wendete er das Assoziationsvei fahren von Jung und die „rationelle Psycho- 
therapie" von Dubois an, führte mit der Kranken ethisch-philosophische Gespräche, 
wendete auch einige Male Hypnose an, um die Kranke von ihrer Angst zu befreien 
nnd auch Arsenbehandlung — und erzielte ein gutes Resultat. 

An diese Krankengeschichte knüpft Ossipow einige philosophische Bemer- 
kungen, die von Bedeutung sind. Er erörtert die wissenschaftlichen Arbeiten Kickert's 
über die naturwissenschaftlichen und historischen Methoden und findet, dass die Psy- 
chiatrie sowohl die erste generalisierende, als auch die zweite, individualisierende 
benutzen muss, und zwar die theoretische Psychiatrie— die erste und die praktische 
— die zweite Methode. 

Zur Diagnose bemerkt Ossipow, dass wir zu gerne die von uns konstituierten 
Begriffe in Wirklichkeiten verwandeln, als ob Hysterie, Neurasthenie usw. eine reale 
Existenz hätten. Das Kriterium des Unterschiedes zwischen Psychose und Neurose 
muss wahrscheinlich im sozialen Charakter liegen. 

Ossipow benennt die von ihm behandelte Krankheit »degenerative Psycho- 
pathie", aber auch da drückt er den Zweifel aus, ob die Benennung passe, da die 
Degenerationslehre einer gründlichen Umarbeitung bedarf, besonders seit der wissen- 
schaftlichen Arbeiten von Mendel. Raissow. 



Jugendstaatsanwalt Rupprecht-München. Der jugendlichoSexualverbrecher. 
(Friedrichs Blätter für gerichtliche Medizin nnd Sanitätspolizei. 1 E 11. S. 241.) 

In der vorliegenden Abhandlung handelt es steh um Personen vom vollendeten 
12. bis zum vollendeten 18. Lebensjahre. Das häutigste Delikt dieses Alters ist 
Diebstahl und Unterschlagung. Verbrechen wider die Sittlichkeit kommen seltener 
vor. Verfehlungen an willenlosen oder geisteskranken Frauenspersonen kumen über- 
haupt nicht zur Anzeige, Notzucht nur einmal, sie wurde von 4 Knaben gemeinsam 
an einem 11 jährigen Mädchen ausgeführt. Meist handelt es sich um unsittliche 
Angriffe auf Mädchen im Alter von 5—7 Jahren. Das weibliche Genitale wird be- 
tastet, mit dem Glied berührt, selten wird der Penis wirklich eingeführt. In jedem 
Falle wird von der Schule ein Gutachten abgegeben, ob der jugendliche Angeklagte 
die „Einsicht" gehabt hat, „d. h. die Entwicklung des Intellekts, die es dem 
Jugendlichen ermöglicht, das gerichtlich Strafbare seines Handelns einzusehen." 



Referate und Kritiken. 625 

.Ausserdem wird in allen Fällen ein psychiatrisches Gutachten eingeholt. Als 
mildernd wird angenommen, wenn der Täter im Alter der Pubertät steht oder wenn 
hereditäre Momente vorliegen. Strafausschliessend ist Mangel der „Einsicht", 
Schwachsinn oder Geisteskrankheit, In einem Falle handelt es sich um Verführung 
eines 12 jährigen Knabens durch ein an Gonorrhoe erkranktes 17 jäbrigesschwacbsinniges 
Dienstmädchen, sonst durchwegs um Knaben. Einmal werden wahllos Knaben und 
Mädchen missbraucht, sonst nur Mädchen, in zwei Fällen die Schwester. Verf. be- 
zeichnet das psychiatrische Gutachten als sehr wichtig und rät in Fällen, wo der 
Beschuldigte leugnet, bei der Würdigung der ßelastungsangaben des angegriffenen 
Mädchens mit grösster Vorsicht vorzugehen. „Die Fälle sind nicht allzu selten, dass 
Mädchen, besonders vom 9. Lebensjahr ab, unsittliche Attentate erfinden, mindestens 
aber harmlose Angriffe übertreiben." Marcus. 

Kreis- Fhysikus a. D. Dr. F. Schilling, Leipzig. Der Selbstmord. Ebenda S. 205. 
An der Hand von amtlichen statistischen Angaben wird der Selbstmord nach 
verschiedenen Richtungen untersucht. Es werden Ziffern über Veranlassung, Geistes- 
zustund (krank oder gesund), Alter, Beruf, Nationalität, über die gewählte Todesart, 
die Jahres- und Tageszeit der Tat angeführt. Doch sind die Angaben zu allgemein 
— wie ja bei statistischen Erhebungen nicht anders möglich — um etwas psycho- 
logisch Interessantes entnehmen zu lassen. Marcus. 

Prof. Dr. Hans Gudden, München. Diebstähle infolge von Zwangsvor- 
stellungen. Ebenda S. 417. 

Frl. v. R., Tochter eines hoben Offiziers, hat durch Schuld ihrer Mutter ihr 
ganzes Vermögen verloren und ist gezwungen. Stellungen als Gesellschafterin an- 
zunehmen. Hierdurch sowie durch Malen von Bildern bat sie sich einiges Vermögen 
erspart. Im Alter von 52 Jahren wird eie bei einem Ladendiebstahl ertappt und 
gesteht aus freien Stücken, in der letzten Zeit eine Reihe von ähnlichen Diebstählen 
verübt zu haben. Sie hat ihr Geld in Staatspapieren angelegt und fürchtet, es durch 
Staatsbankrott zu verlieren. Darum will sie Vorsorgen. Doch stiehlt sie ausser 
Schmuck auch wertlose Gegenstände, um nicht aus der Übung zu kommen ; auf ihre 
Fertigkeit ist sie sehr stolz. Als junges Mädchen hat sie einmal Götz v. Berlichingen 
gesehen und sich an der Stelle begeistert, wo Götz die Kaufleutc überfällt und hat 
sich selbst als Raubritter phantasiert. Über ihre sonstige Einstellung sind nur 
Todeswünsche gegen beide Eltern ersichtlich. Auch an Angstzustftnden hat sie in 
der Jugend gelitten, besonders „Sturmangst" und Angst auf Freitreppen. Auch über 
schlechtes Gedächtnis klagt sie. Sie wurde in erster Instanz zu 15 Tagen Gefängnis 
verurteilt, die in der Untersuchungshaft verbüsst waren, in zweiter Instanz auf 
Grund des psychiatrischen Gutachtens freigesprochen. Sie zeigt Reue und hat 
keinen Drang mehr, Dinge zu entwenden und ist darüber „ebenso glücklich wie ihr 
noch vor wenigen Wochen der Gedanke furchtbar gewesen sei, sie könne ihre „Fähig- 
keit* i. c. zu stehlen verlieren". Kriminalistisch recht interessant bietet die Arbeit 
der psychoanalytischen Betrachtung nichts Wesentliches. Marcus. 

M. D. Eder, A case of obsession and hysteria treated by the Freud, 

Psycboanalytik Method. (The British medical Journal 1911. Vol. 11. S. 750.) 

Es ist erfreulich, dass die psychoanalytische Therapie auch in England Eingang 

findet. Eders Patient litt an Nackensteife, Unfähigkeit, in Gegenwart von Fremden 

zu essen, und Wasserscheu. Die Nackensteife ist symbolisch. Patient hält sich 



<52G Referate and Kritiken. 

für zu gut für einem Beruf. Die Aversion zu essen geht auf die Einführung des 
Penis eines anderen Kindes in den Mund des Patienten zurück, als er vier Jahre 
alt war. Die Wasserscheu wird auf einen Fall ins Wasser im Alter von zwei 
Jahren zurückgeführt. Der homosexuelle sowie der Inzestkomplex werden nur er- 
wähnt, nicht besprochen. Patient hängt sehr an einer Schwester, die an ihm 
Mutterstelle vertreten hat (die Mutter hat er zeitig verloren). Sexuelle Beziehungen 
will er nie gehabt haben; er ist auch strenger Vegetarier und Abstinent. Ansätze 
zu Platzangst scheinen auch vorzuliegen. Während der Behandlung, die durch zwei 
Monate 2-3 mal der Woche je 1— 1»/» Stunden geführt wurde, verstärkten sich an- 
fangs die Symptome, um später vollkommen zu weichen. Ein Teil der Assoziations- 
experimente wird wiedergegeben, die Traumanalyse nur erwähnt, die Sexualtheorie 
Freud's in ganz knappen Zügen entwickelt; Verf. ist sich vollkommen bewusst, 
dass seine Arbeit zu kurz ist, um dem in Freud's Werken nicht Bewanderten 
genügende Einsicht zu bieten und verweist auf Brill's Arbeiten. Zum Schluss 
verwahrte er sich gegen den Gedanken, sein Patient sei degeneriert, und wünscht, 
diesen Ausdruck bei Ärzten mögliebst selten zu finden. Solche Fälle sind sehr 
häufig, meist werden sie Überarbeitung und ähnlichen Ursachen zugesprochen. Sie 
verlangen viel Geduld. Er hofft, kein Arzt werde es mehr abstossend finden, diese 
psychischen Erkrankungen, die sich um das Sexuelle drehen, zu heilen, als etwa die 
Erkrankungen der Sexualorgane, mit denen sich die Gynäkologen täglich befassen. 

Marcus. 

Dr. E. Simonson, Der Organismus als kalorische Maschine und der 
zweite Hauptsatz. (Baumann, Charlottenburg.) 

Als Medizin betreibender absolvierter Mathematiker und Physiker hat der 
Rezensentnamentlich das Vorwort mit grossem Vergnügen gelesen. Es ist ein erfreuliches 
Zeichen auf dem Wege der Annäherung der Biologie an die methodische Höhe der 
exakten Wissenschaften, wenn ein praktischer Arzt ein Werk achreibt, welches so 
weit den strengen Anforderungen eines theoretischen Physikers nahekommt. Bei 
der Gegenüberstellung von Mechanistik (Atomistik) und Oatwald'acher Energetik 
scheint der Verfasser letztere als einzigen Vertreter einer phänomenologisch sein 
sollenden Darstellungsweise zu betrachten. Diesbezüglich habe ich in dem sonst 
sehr reichhaltigen Literaturverzeichnis E. Mach' s Wärmelehre vermisst. Mit Rück- 
sicht auf den Rahmen dieser Zeitschrift will ich auf fachliche Einwendungen nicht 
eingehen, sondern nur allen, die sich für die Leistungen des Organismus interessieren, 
als ein Beispiel kritischer Behandlungsweise das Buch empfehlen, dem sachlich ent- 
gegenzutreten sich lohnt. rj r v . ß e ckh-W. 

Hugo Deutsch, Alkohol und Homosexualität. (Wiener klin. Wochenschrift. 
1913. Heft. 3.) 

Deutsch teilt aus dem Protokoll der Fürsorgestelle für Alkoholkranke in 
Briinn folgende Beobachtung mit. 

.Ein 39 Jahre alter, intelligenter Arbeiter wendet sich an die Fürsorgestelle 
um Rat und Auskunft. Er habe als Kind schwere Rachitis durchgemacht, begann 
erst im Alter von vier Jahren zu gehen; habein den späteren Knaben- und Jünglings- 
jahren stark onaniert, später gelegentlich mit Mädchen geschlechtlich verkehrt, seit 
zwölf Jahren sei er verheiratet, habe zwei Kinder. Bis auf kleine Unfälle habe er 
keine Erkrankungen durchgemacht. Im Alhoholgenusse sei er sehr massig, pflege 
hier und da, meist anlässlich einer Vereinssitzung oder einer Versammlung einen halben 
bis einen Liter Bier zu trinken. Er werde dadurch immer stark sexuell erregt, und 



Referate und Kritiken. 

zwar fühle er dabei immer das „Gelüste*, sich an jugendliche männliche Personen 
anzudrucken und deren Genitale zu betasten. Er habe diesem Verlangen immer 
widerstehen können, bis vor etwa sechs Monaten, wo er anf dem Heimwege nach 
einer Vereinssitzung, bei der er wieder zwei Glas Bier getrunken habe, einem jungen 
Burschen begegnete, den er einlud; mit ihm in ein Gasthaus zu gehen, wo er ihm 
ein Glas Bier zahlte und unter dem Tische dessen Genitale betastete. Ein Gast be- 
merkte dies, machte einen Wachmann auf ihn aufmerksam, der ihn verhaftete. Nur 
mit grosser Mühe gelang es, einen drohenden Prozess niederzuschlagen. Er war 
darüber in grosser Verzweiflung, bloss der Gedanke an .Frau und Kind habe ihn 
abgehalten, einen Selbstmord zu begehen. Er lebe seither vollkommen abstinent, 
da er die Gefahr auch massigen Alkoholgenusses für sich erkannte. Im nüchternen 
Zustande ist seine Libido nur auf das weibliche Geschlecht gerichtet, er habe sogar 
Abscheu und Widerwillen gegen homosexuelle Geschlechtsbetätigung. Wann zum 
ersten Male nach Biergenuss diese »Gelüste* aufgetreten seien, kann er sieh nicht 
erinnern. — Die Familienanamnese ist in dieser Beziehung belanglos, sein Aussehen 
ist nicht weibisch." 

„Homosexuelle Vergehungen pflegen bei sonst sexuell normalen chronischen 
Alkoholikern öfters vorzukommen, aber meist im akuten Rauschzustande oder bei 
moralisch schon sehr Geschädigten; aber hier handelt es sich nicht um einen solchen, 
auch die Alkoholdosen sind nicht derart, dass man das Eintreten von Berauschung 
annehmen könnte, ebenso lässt auch sein ganzes Benehmen keinen Schluss auf 
Intoleranz gegen alkoholische Getränke zn. Es liegt wohl am nächsten anzunehmen, 
dass es sich um einen Fall von latenter Homosexualität — richtiger: Bisexualität 
bandelt, die zum Vorschein kommt, wenn durch den Genuas massiger Alkohol- 
mengen die vorhandenen Hemmungen beseitigt werden." 

„In der mir zugänglichen Literatur habe ich keinen ähnlichen Fall gefunden 
und mich daher für berechtigt gehalten, ihn znr Kenntnis zu bringen." 

Kollege Deutsch kennt offenbar die schöne Arbeit von Julius burger 
nicht, die im ersten Hefte unserer Zeitschrift (Bd. III) erschienen ist und sich „Zur 
Psychologie des Alkoholismus" betitelt. Als Bestätigung seiner Ansichten 
schien mir die Mitteilung dieses Falles sehr wertvoll. St ekel. 

Dr. Paul Emile Lery, Les principes du traitement reöducateur dans le 
neurasthenie et les nevroses. (Journal de Neurologie. Vol. XII. 1912.) 
Der Autor verteidigt seine bekannte These, dass die Neurosen die Folgen von 
Erziehungsfehlern sind und plaidiert für eine Neuerziehung. Die Therapie müsse 
den ganzen Menschen umwandeln, seine Moral, seine Physis, seine Art zu leben 
und zu reagieren. Er nimmt auch gegen die Methode der Isolierung Stellung. Der 
Kranke müsse mit dem Leben in Kontakt bleiben, da er für das Leben brauchbar 
gemacht werden soll. btekel. 

Andre Thomas, L' Isolement en Psychotherapie. (Paris medic. Nr. 18. 1912.) 
Im Gegensatz zu Levy verteidigt Thomas die Isolierung als Hilfsmittel 
der Psychotherapie. Stekel. 

Mergey, La Tanatophilie dans le Familie des Habsbourg. (Revue de 
Psychiatrie. Nr. 12. 1912.) 

An Jeanne la Folie, der Tochter Ferdinands von Avagon und Isabella der Katholi- 
schen, und an Karl V. wird die Tanatophilie, die Liebe zum Tode, sehr anregend 



G2S Referate und Kritiken. 

geschildert. Die Kraukengeschichte von Jeanne ist überaus interessant. Nach dem 
Tode ihres Mannes, des Philipp des Schönen, den sie mit verzehrender Eifersucht 
liebte, liess sie seinen Leichnam einbalsamieren und trennte sich nicht mehr von seinem 
Sarge. Diesen liess sie zeitweise öffnen und küsste den entblössten Leichnam in 
grösster Leidenschaft. Der Zustand besserte sich, um zeitweilig wiederzukommen. . . . 
Die Geschichte Karl V. ist bekannt. Für uns Psychoanalytiker sind diese historischen 
Beispiele nur Bestätigung unserer Befunde. Wir können die Tanatophilie bei 
unseren Neurotikern immer wieder beobachten. Ihre Träume zeigen uns, wie mächtig 
die nekrophilen Instinkte im Menscher» sind. Stekel. 

Taul Menzerath, Contribution a la Psychoanalyse. (Archives de Psychologie. 
Tome XII. Nr. 48.) 

Es gibt noch immer Psychoanalytiker, welche ihre Zeit mit Assoziationen 
verlieren und willkürlich gewählte Reizworte von ihrem Kranken beantworten lassen, 
um die „Komplexe" zu erforschen. Die Methode ist überflüssig nnd praktisch nicht 
verwertbar. Ist man schon bei der freien Rede des Analysierten seiner Willkür 
und seiner Hinterlist ausgeliefert, so entpuppen sich die Assoziationon als ein 
müssiges Spiel, dem der Schein der Wissenschuftlichkeit keine höhere Wertigkeit 
verleihen kann. Auch Menzerath beweist, dass die Versuchsperson den Prüfer 
sehr leicht täuschen kann. Diese Methode gibt seiner Ansicht nach keine exakten 
Resultate. „Der Experimentator sei auf der Hut! Er muss immer die Antworten 
kritisch prüfen und sichten, er muss sich prüfen, um einem Übermass von Leicht- 
gläubigkeit auszuweichen". Nun führt Menzerath ein» sehr interessante Ver- 
suchsreihe an und kommt zum Schlüsse: »Die Komplexzeichen müssen einer 
strengen wissenschaftlichen Revision unterzogen werden. Die 
Methode der Assoziationen in Serien (Bleuler, Jung) gibt keine prä- 
zisen Resultate über die psychischen Phänomene, die sich während der 
Beantwortung vollziehen." Er plädiert schliesslich für die Methode zu den 
Assoziationen »Erinnerungen" zu provozieren und so die Komplexkonstellatiouen zu 
erkennen. Dadurch könne man der künstlichen „Konstruktion" entgehen oder sie ver- 
mindern ; diese Methode sei entschieden weniger hypothetisch als die anderen Sehr 

richtig.' Wozu brauchen wir überhaupt die Reizworte? Die Methode hat einen grossen 
erkenntnis- theo retischen aber keinen praktischen Wer t, selbst nicht in 
der Ubei führung von Schuldigen. Können wir nicht gleich mit den „Souvenirs" anfangen 
und so die Einstellungen des Kranken zum Arzte und zu seiner Neurose aufdecken? 
Man vergleiche übrigens die Einwände von Menzerath mit meinen in dem zweiten 
Artikel „Die Ausgänge der Psychoanalyse" vorgetragenen. Stekel. 

Erwin Stransky, Über Schizophrenie. Dementia praecox. (Med. Klinik Nr. 7 und 
8. 1913.) 

Eine kurze klare Darstellung der modernen Lehre von der Schizophrenie, die 
sich bemüht, auch den Lehren von Bleuler gerecht zu werden. Sie akzeptiert auch 
seine neue Nomenklatur. Uns interessiert besonders folgende Stelle: 

„Eine besondere, wenn auch nur kurze Besprechung muss ich der Frage der 
psychischen Ätiologie unserer Psychose widmen, weil gerade in neuerer Zeit vor- 
nehmlich durch Bleuler und Jung die psychogene Determinierung der von unserer 
Krankheit gelieferten Bilder besonders betont wird. Ich will nicht leugnen, dass der 
Beginn nicht selten an hysterische Bilder gemahnt; ich will weiter nicht leugnen, 
dass bei gegebener Disposition, ähnlich wie beim manischdepressiven Irresein, ein 
psychisches Trauma den Anstoss zum Ausbrach auch hier zu geben vermag; und 
weiter nicht leugnen, dass gefühlsbetonte Vorstellungskomplexe (oder Komplexe 



Varia. G2U 

schlechtweg, wie die moderne psychoanalytische Schule tagt) auch aus dem früheren 
vorpsychotischen Seelenlehen in die Psychose hinübergenommen werden können. 
Es erscheint mir indessen ganz unzulässig, Mechanismen, wie jene der Dementia 
praecox, die so zweifellos auf die organische Grundlage hinweisen, in solchem Masse 
psychogen herleiten zu wollen, wie dies durch Jung und neuerdings wieder durch 
Bleuler geschieht; und gänzlich unzulässig erscheint es mir, dies durch Hinein- 
deuten in das Benehmen der Kranken, insbesondere aber in die von ihnen geäusserten 
Vorstellungs- und Wahninhalte zu tun." 

„Tch erwähne diese Dinge, obwohl sie zunächst von mehr theoretischer Be- 
deutung scheinen, wesentlich darum an dieser Stelle, weil ja gerade die Lehren der 
Psychoanalytiker gegenwärtig sehr viel von sich reden machen und weil entschieden 
die Gefahr besteht, dass daraus vielleicht therapeutische oder sonstwie prak- 
tische Folgerungen gezogen werden; und die prinzipiellen Folgerungen, die daraus 
gezogen worden sind, sind schon verwirrend genug gewesen, denn sie haben neuer- 
dings Aviederum zu einer ungeheuren Ausdehnung des Begriffs der Schizophrenie und 
zu einer weitgehenden Umdeutung der für unsere Psychose so sehr charakte- 
ristischen Vorgänge geführt.' 

„ Sicher ist, und das wird nicht einmal von den psychoanalytischen Theoretikern 
bestritten, wenngleich von ihnen nur in gezwungener Weise in ihrem System unter- 
gebracht, dass wir es im Grunde genommen mit einer organischen Geistes- 
störung zu tun haben. Ob es sich dabei um eine inanffiziente Anlage des Gehirns, 
die im Laufe des Lebens manifest wird, handelt oder um eine primäre Blutdrüsen- 
störung, und ob nicht am Ende der weite Begriff der Schizophrenie pathogn ostisch 
noch in verschiedene Untergruppen aufzulösen sein wird, lässt sich heute noch nicht 
eindeutig beantworten." Stekel. 

Ermakow, L'Epilepsie hyste"rique. (Archivea do Neurologie. FeVrier 1913.) 

Der Autor, ein Assistent der psychiatrischen Moskauer Klinik von Rybekow, 
beschreibt die hysterische Epilepsie, wie ich sie im ersten Bande des Zentralblattes 
eingebend geschildert habe. Er berichtet auch über günstige Erfolge mit Psycho- 
therapie, als deren wirksamstes Prinzip er die Übertragung (Reaktion) anzusprechen 
scheint. Eine anregende lesenswerte Arbeit. Als Ursache der Anfälle erkennt er 
die Angst an. Diese richtige Beobachtung hat mich ja veranlasst meine Arbeit „Die 
psychische Behandlung der Epilepsie" meinen »Nervösen Angstzuständen" einzureihen. 

Stekel. 



Varia. 

Gibt es denkende Pferde? 

Diese Frage beantwortet in den „Kavalleristischen Monatsheften" der unsern 
Lesern schon bekannte Kavallerist und Physiologe Stephan v. Maday verneinend : 

„Dass das Pferd niedere (.psychologische") Begriffe bildet, hielt ich für 
möglich, doch fUr unbewiesen. Wie ungeheuer ist aber der Abstand eines solchen 
Begriffes (der darin besteht, dass es z. B. einen noch nie gesehenen Menschen in 
dio Klasse „Mensch" einreiht, das heisst als so etwas wie die anderen, ihm be- 
kannten Menschen erkennt) von dem höheren (.logischen") sprachlich festgelegten 
Begriffe! Wir haben zu vielen Pferden jahrelang geredet, und doch merkten wir 
niemals, dass irgendeines eine Spur von solchem Verständnis verraten hätte. Immer 



630 Varia. 

nur wurden unsere Worte als Zeichen für bestimmte Bewegungen oder für bestimmte 
Erwartungen genommen. 

Ist aber ein echtes Wortverstandnis kaum anzunehmen, so ist die Verbindung 
von Worten zu Sätzen noch in viel höherem Masse unglaublich. Was mich betrifft, 
bo würde ich einem Pferde nie zumuten, Verbindungen wie „rechter Fusb* und 
„linker Fuss" aufzufassen. Immer würde dem Pferde nur die Lautfolge „Rechter- 
fuss* eine bestimmte Bewegung bedeuten, während die Lautfolge „Liokerfuss* das 
Zeichen für eine andere Bewegung wäre. Niemals würde es daraufkommen, dass 
diese beiden Kommandos etwas Gemeinsames enthalten und dass der Begriff „Fu9s* 
von den Begriffen .Rechts* und .Links* unabhängig ist. Denn wenn das Pferd so 
weit kommen würde, so könnte man die Begriffe „Rechts* und „ Links« unabhängig 
vom Fusse gebrauchen und ohne besondere Dressur mit anderen Begriffen 
verbinden, so dass das Pferd z.B. Kommandos wie „Kopf rechts*. „Wendung links" 
sofort verstehen würde, wenn ihm vorher die Begriffe Kopf, Wendung auf dieselbe 
Art beigebracht worden wären, Warum ist denn die von Decroix ausgeschriebene 
Konkurrenz gescheitert? Weil die Pferde nicht einmal die Kombination der sehr 
einfachen Kommandos „hi", „ha", „he" und „ho* erlernen konnten. 

Wenn mich mein Pferd versteht, wenn es so schnell zulernt, wie Professor 
Kraemer schildert (Man Bagt z. B.: „Ich finde es schön. Nun sage mir etwas!* 
— ,1g find Hahn schön"), so lehre ich es nicht Potenzieren und Radizieren*, sondern 
„Halben Travers" ohoe Hilfengebung. Oder ich sage ihm: „10 Schritte Trab, dann 
Halt, dann 2 Schritte rückwärts marsch!" usw. Oder ich gebe ihm Aufiräge wie: 
„Hole mir aus meiner rechten Tasche das Taschentuch und gib es im Stalle dem 
Wärter!" „Geh ins Nachbarhaus und klopfe mir dann am Trittbrett die Namen der 
Personen, die du im Hause getroffen!* Ja, gäbe es bloss eine Menschenseele in 
einem Pferdehirn, so könnte man Pferde zum Patrouillendienst ausbilden und der 
Reiter könnte als unbequeme Last dabeim bleiben. 

Hätte aber Herr Krall, der doch sonst nicht auf den Kopf gefallen ist, nur 
einen geringen Teil solcher wahrhaft verständiger Leistungen erreicht, so würden 
die Reiter und Fahrer, die Reitlehrer und Kunstreiter ihm zu Füssen sitzen, um die 
epochemachende Methode von ihrem Erfinder zu erlernen. Hunderte, ja Tausende 
von Pferden würden ihm anvertraut, es gäbe eine wahre Hohe Schule für Pferde, 
und das Gold würde in Strömen in die Kral Ische Kassa fliessen. Er aber würde 
im Viergespann, ohne Zügel, ohne Peitsche spazieren fahren und das Volk würde 
vor ihm in die Knie sinken oder aber sich wie vor dem Teufel bekreuzigen, wenn es 
den Mächtigen mit milder Stimme zu seinen Rossen reden hört: „Jetzt etwas lang- 
samer! Achtung auf die kleinen Kinder, die da über die Strasse laufen! Bei der 
nächsten Strassenkreuzung werden wir rechts wenden! Jeder von euch bekommt 
heute abend die doppelte Portion Hafer!" Dr. W. B. 



Symbolik Im Traum: Gefängnis-Ehebett. 

Ich soll ins Gefängnis kommen, habe grosse Angst und weine 
sehr. Dabei habe ich die bestimmte Empfindung, dass ich nur um 
des Scheines willen weine, eigentlich gar nicht traurig bin. Ich 
sehe in das Gefängnis hinein. Eb sind zwei nebeneinanderstehende 
Betten, ein Ehebett. Ich weiss, dass ich in das rechtsstehende 
komme. 

Am Abend war in der Pension viel über Gefängnis gesprochen worden. Eine 
Dame erzählte viel vom Weiberzuchtbaus, an dem ihr Mann Anstaltsgeistlicher 
gewesen war. Die Träumerin zeigte so auffallend viel Interesse, dass es die An- 



Varia. 631 

wesenden amüsierte. Als sie erfuhr, dase es für sie geeignete Stellungen im Ge- 
fängnis gäbe, erkundigte sie sich nach allen Einzelheiten und bescfaloss, sich zu 
melden. Der Traum erfüllt ihr den Wunsch, im Gefängnis zu sein und enthüllt zu- 
gleich die unbewussten Wünsche, die sie im Wachen leiteten. Das ausgesprochen 
rechtsstehende Bett zeigt ihren Wunsch nach einer legitimen Verbindung. Die 
Ursache war ein Gespräch über illegitime Beziehungen, das ich mit der Träumeria 
nach den Gefängnisunterhaltungen hatte. Wir sprachen über die heutige Schein- 
moral, und ich wies sie auf das Marcinowski'sche Buch: Der Mut zu sich selbst. 
Der Traum führt alles aufs schönste aus. Sie ist mutig (wie jene Zuchthausweiber 
die sie im geheimen bewunderte), nimmt die Folgen auf sich, kommt ins Gefängnis, 
aber' das Gefängnis, da sie gefangen genommen wird, ist das Ehebett. Sie braucht 
nicht traurig zu sein. 

Sie weint „um des Scheins willen*. Die Träumerin ist Nourotiker, die sich 
manchmal im Affekt ihrer Schauspielkunst bewusst wurde wie im Traum. Sie hatte- 
in ihrer Krankheit viele Znchthausphantasien durchlebt. Sie hatte sich von Menschen 
zurückgezogen, denn sie hatte die Angst, erkannt und ins Zuchthaus gebracht zu 
werden. Der Traum zeigt uns, dass diese Angst die heisse Sehnsucht war, gefangen 
genommen zu weiden als Weib. Hedwig Schulze. 

Noch einmal: Leonardo da Vinci nach dem Roman von Mereschkowski. 

Kurz vor seinem Tode begann Leonardo ein eigentümliches Bild zu malen : 
„Unter einem Vorsprung überhängender Felsen, im kühlen Schatten, unter 
blühenden Gräsern sass mit übereinander geschlagenen Beinen der rebenumkränzte 
Gott, der langhaarige, frauenhafte Dionysos mit blassem und abgespanntem Gesicht, 
mit dem Pantherfell über den Schultern und dem Thyrsososstab in den Händen. 
Gesenkten Hauptes lauschte er, gespannt, erregt, mit dem Finger auf die Richtung 
weisend, woher die Töne kamen, — vielleicht dem Gesang der Mänaden, dem ent- 
fernten Donner oder der Stimme des Gewaltigen, vor der alles Lebendige in Schrecken 
floh.* Unter der Symbolik der örtlichkeit erkennen wir die weiblichen Genitalien. 
Nur einmal in seinem Leben hat Leonardo an dieser örtlichkeit geweilt: bei seiner 
Geburt. „Langhaarig, frauenhaft" deutet auf Leonardo. Der Finger, das männliche 
Glied, weist die Richtung, woher die Töne kommen. Aber nie war er der Richtung 
gefolgt. „Gespannt und erregt* hatte auch er die Töne vernommen, die sein ganzes 
späteres Leben durchzitterten. In jener Mondscheinnacht vor dem Abschied von 
Monna Lisa waren sie erklungen: „Wer fröhlich sein will, nutze die Stunden". Wie 
ein Ruf des Schicksals erklang ihm der Vers. Er wusste, er müsse wählen zwischen 
der lebenden und der unsterblichen Monna Gioconda. Aber sein Wille war ohn 
mächtig, er konnte sich ni.cht entscheiden. — Der Donner deutet auf seinen Vater — 
Bacchus war der Sohn des Donnerers Zeus. „Die Stimme des Gewaltigen, vor der 
alles Lebendige in Schrecken floh* erinnert an seinen Grossvater, vor dessen Zorn 
Über den unehelichen Enkel Leonardo in seiner Kindheit fliehen musste. Bacchus 
erscheint den Menschen als ein Fremdling aus Indien. Pentheus, der König von 
Theben, lässt ihn festnehmen und will ihn hinrichten lassen, weil er unter dem 
Scheine neuer, bacchantischer Weisheit den Menschen barbarische Geheimnisse, den 
Wahnsinn blutdürstiger, wollüstiger Orgien lehrte. Auch Leonardo ist sein Leben 
lang ein Fremdling unter den Menschen geblieben. Oftmals drohte ihm die Gefahr, 
festgenommen und hingerichtet zu werden, weil man seine wissenschaftlichen 
Forschungen für Teufelskünste hielt. 

Leonardo liess den Bacchus unbeendet und begann ein neues Bild, ein noch 
eigentümlicheres, Johanne* den Täufer. Er arbeitete an diesem Bilde mit so un- 



632 Varia. 

gewohnter Ausdauer und Hast, als ob er fühlte, dass seine Tage gezählt seien. Er 
beeilte sich, in diesem seinem letzten Werke sein allerheiligstes Geheimnis zu offen- 
baren, das er sein ganzes Leben lang nicht allein vor den Meuschen, sondern auch 
vor sich selber vorschwiegen hatte. .Der Hintergrund dos Bildes erinnerte an das 
Dunkel jener Höhle, das Angst und Neugierde erweckte, und von der er Monna Lisa 
erzählt hatte. Aber die Dunkelheit war nicht undurchdringlich, sondern mit Licht 
vermischt, in das das Dunkel überging, wie Rauch im Sonnenlicht vergeht, wie 
die Töne einer entfernten Musik sich in der Stille verflüchtigen. Und wie eine Er- 
scheinung, aber lebendiger als das Leben selbst, trat aus dem Schatten das Antlitz 
und die Gestalt eines frauenhaften, verführerisch schönen Jünglings hervor, der an 
die Worte des Pentheus erinnerte: »Deine langen Locken fallen über deine zarten 
Wangen; du verbirgst dich wie ein junges Mädchen vor der Sonne und bewahrst 
im Schatten deine weisse Gesichtsfarbe, um Aphrodite zu gewinnen." Wenn es aber 
Bacchus sein sollte, warum bekleidete an Stelle dos gefleckten Pantherfelles ein 
Gewand aus Kamelhaaren seine Schultern'? Warum hielt er an Stelle des Thyrsos 
ein Kreuz aus dem Rohre der Wüste in Händen, das Abbild des Kreuzes von Gol- 
gatha? Und warum wies er, gespannt und erregt, halb traurig, halb spöttisch mit 
der einen Hand auf das Kreuz, mit der anderen auf sich hin, als ob er sagen wollte: 
Es kommt einer nach mir, der ist stärker denn ich, dem ich nicht genugsam bin, 
dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse." Nicht erschöpfen 
will ich die Fülle der Symbolik, die sich hier dem erfahrenen Psychoanalytiker 
bietet. Nur andeuten möchte ich einiges. Im Bacchus wie im Johannes erkennoD wir 
Leonardo. Wollüstig, genussfroh wird Leonardo durch Sublimierung seiner starken 
Sexualität zum asketischen Johannes. Wie jeder Mensch, so stellt auch Leonardo ein 
Stück Entwicklungsgeschichte dar, die in seinen Bildern zum Ausdruck kommt. Nieder- 
schläge früherer Kultelemente, die in seiner Seele fortleben, nämlich die heidnische 
Sinnenlust verkörpern sich im Bacchus. Entwicklungsgeschichtlich folgt die christliche 
Askese, die im Johannes zum Ausdruck kommt. Das Bild zeigt eine symbolische 
Darstellung seines ganzen Lebens. Drei Momente hoben sich besonders hervor: die 
Geburt, der Höhepunkt des Lebens und das Alter. Die Höhle zeigt uns wieder den 
Ort, an dem er nur einmal weilte. Aus dem Dunkel der Höhle und dem Dunkel 
der unehelichen Herkunft kam er, der frauenhafte, verführerisch schöne Leonardo. 
Die Höhe des Lebens führt ihn noch einmal vor das Dunkel der Höhle, aber das 
Dunkel bleibt undurchdringlich. Er entsagt dem Leben zugunsten der Betrachtang. 
Er nahm sein Kreuz auf sich. Um des Kreuzes, der Erkenntnis will BD opferte er 
das Naheliegende dem Fernen, das Wirkliche dem Idealen. Wio Johannes in der Wüste, 
so hatte er einsam und keusch unter den Menschen gelebt. Etwas Neues hatte er 
ihnen bringen wollen. Das Schicksal der Menschen wollte er ändern, es auf andere 
Bahnen lenken, auf Jahrhundorte hinaus den Weg der Erkenntnis abkürzen. Nun 
stand er im Alter und — .halb traurig, halb spöttisch wies er auf das Kreuz". 
Wie er in sexueller Beziehung nie zur Tat geschritten war, so hatte er auch in 
Kunst und Wissenschaft immer nur angefangen, nie beendet. Nicht -voll undurch- 
dringlicher Dunkelheit stellte er jetzt die Höhle dar, sondern mit Licht vermischt, 
denn nun kam die Erkenntnis: Er begriff, dass alles das, was er mit unersättlicher 
Neugierde in der Natur gesucht hatte, im Gesiebte Monna Lisas enthalten sei, dass 
das Geheimnis der Schöpfung das Geheimnis Monna Lisas sei. — Er ahnte, dass die 
Menschen in der Wissenschaft das suchen würden, was er bereits gefunden, ihm 
auf seinen Wegen, aber an ihm vorüber folgen würden. Er sah, er war der in Ge- 
danken Mächtige, im Leben Schwache gewesen. Darum bekannte er wie Johannes: 
Es kommt einer nach mir, der ist stärker denn ich. 

Hedwig Schulze. 



Varia. 633 

Die Entstehung der Tierliebe. 

Ich glaube von H ebbe 1 stammt der Satz: Unsere Tugenden sind die Bastarde 
unserer Laster. Die Psychoanalyse hat. uns das Verständnis der Tugenden gelehrt. 
Wir wissen, wie die ursprünglich knlturwidrigen Triebe durch Oberkompensation in 
soziale Faktoren verwandelt werden. Dass sich der Sadismus bei Kindern zuerst 
in Form von Tierquälerei äussert, ist eine Beobachtung, welche alle Kinderforscher 
bestätigen. Aus diesen Tierquälern werden dann die überempfindlichen Tierfreunde, 
die kein Tier quälen sehen können. 

Der Gründer dos .Wiener Tierschutz vereine s* war der bekannte Dichter 
Ca stelli. In seinen Memoiren 1 ) erzählt er, wie er ein Tierfreund wurde. Diese 
Erzählung bestätigt unsere in der Psychoanalyse gewonnenen Erfahrungen. 

Er war als Kind ein grosser Tierquäler, er schoss aus seinem Blaserohr mit 
Erbsen nach gefangenen Kanarienvögeln, er rupfte ihnen die Federn aus und steckte 
sie sich auf den Hut und vollführte iihnliche Streiche mehr. Die Prügel vom Vater, 
die er bekam, blieben ohne Eindruck, aber eine frei erfundene Tiergeschichte der 
Mutter, ein Märchen, das sie ihm erzählte und womit sie ihn so erschütterte, dass 
er bitterlich weinte, die heilte sein grausames junges Herz. Die Mutter erzählte ihm, 
«8 hätte einmal einen wilden Knaben gegeben, der niemand gehorchte und ein 
liederlicher Junge wurde. Er hatte nichts auf Erden lieb als die Tiere, mit denen 
teilte er sein Brot, die schützte er, wo er konnte. Er wurde ein Lump, ein Betrüger, 
er starb im Gefängnis und die ewige Verdammnis war ihm gewiss. Aber als er vor 
Gottes Richterstnhl erschien, um sein fürchterliches Urteil zu vernehmen, da kamen 
alle Tiere, alle, alle aus der weiten Welt, die Vögel aus den Lüften, die Bären aus 
dem Walde und die Mäuslein, die er noch im Gefängnis gefüttert, aus ihren Löchern 
und baten Gott um Gnade für ihn, ihren Freund. Und um dieser einen guten Eigen- 
schaft willen verzieh Gott ihm alle seine Verbrechen. 

Castelli gesteht, dass sich von dieser Stunde an eine völlige Umwälzung in 
ihm vollzog und dass ihn zeitlebens der Gedanke verfolgte, etwas für die Tiere zu 
tun, denen er als Bub einst viel Leid zugefügt hntfce. Stekel. 

Der Traum von den drei Musikkapellen. 

Ein interessantes funktionelles Symbol bringt der folgende Traum: 
Ich trete in ein Cafe und bemerke, dass dorten drei Musik- 
kapellen zu gleicher Zei t k onzertie rten. Vor mir ein e und j e links 
und rechts eine. Obwohl jede Kapelle ein anderes Stück und im 
anderen Takte spielte, vertrugen sich die Stücke miteinander und 
ich hörte keine Disharmonie. . . . 

Die Deutung dieses Traumes ist folgende: Der Träumer hat drei verschiedene 
Richtungen seines Sexuallebens. Er ist ein Fetischist, es zieht ihn zum Weibe und 
er war sich schon vor der Behandlung seiner homosexuellen Regungen vollkommen 
bewusst. Alle diese drei Strömungen geben eine Melodie, seine Sexualität, und ver- 
tragen sich in seiner Psyche, die hier als Cafe" symbolisiert wird, nebeneinander. 
Drei Frauen (Mutter, Tante und Gouvernante) spielten in seiner Kindheit eine wichtige 
Rolle. Sein weibliches Ideal ist eine Verdichtung aus diesen drei Huldgestalten seiner 
Jugend. Eine weitere Determination: Die heilige Dreieinigkeit, an die er wachend 
nicht glaubt. Dr. Wilhelm Stekel. 

i) .Aus dem Leben eines Wiener Phäaken.* Die Memoiren des J. F. Castelli. 
Neu herausgegeben von Adolf Saazer. (Stuttgart, Verlag von R. Lutz.) 

ZentralbUtt fflr PaTchOan»ly»e. III u . 43 



634 Varia. 

Drei Fälle von Versprechen und ein Fall von Verschreiben. 

Ein Arzt erzählt mir, dass er eine besondere Libido empfände, wtnn Frauen 
seinen sexuellen Akten zusehen. Dagegen könnte er die Anwesenheit eines Mannes 
nicht vertragen. „Die Gegenwart eines anderen Mannes — sagt er — 
macht mich ganz potent!" — Er wollte sagen „ impotent" und verbessert sich 
sofort. Aber er hatte seine homosexuelle Komponente verraten. 

Ein Patient trifft einen Herrn Schild, dem er vor einigen Jahren eine Kleinig- 
keit im Tarok schuldig geblieben ist. Aber sein Geiz äussert sich gerade bei solchen 
Gelegenheiten, während er sonst einen noblen grosszugigen Charakter zeigt. Er be- 
grüsst den Herrn Schild mit „Guten Morgen, Herr Schuld!" 

Ein Herr hatte in seiner Jugend ein Verhältnis mit einer Gouvernante, das 
unangenehme Folgen hatte. Die Geliebte gebar ihm Zwillinge, um deren "Wohl sich 
sein Vater kümmerte. Der Vater hatte ihm einmal flüchtig mitgeteilt, dass die 
Kinder gestorben seien. Er hörte diese Nachsicht gerne, aber zweifelte im Innern 
an ihrer Wahrheit. ... Er wurde neurotisch und dieser Gedanke erwies sich als 
ein Träger seines schweren Schudbewusstseins. Er sprach von der Jugendgeliebten 
und sagte: Die Dame von der meine Kinder stammen — pardon stammten . . . 

Ich werde von einer klerikalen Zeitung aufgefordert einen Beitrag für ihr 
Feuilleton zu schicken. Ich sträube mich in Gedanken dagegen, habe aber gute 
Gründe dem liebenswürdigen Redakteur gefällig zu sein. Ich suche eine alte Arbeit 
hervor, einen Ladenhüter, wie es in der' Schriftstellersprache heisst, und sende ihn 
ab, mich innerlich wurmend, eine klerikale Zeitung als Stätte der Publikation zu be- 
nützen. Aber was schreibe ich auf das Kuvert? An die „Redaktion der N. N. 
Zeitung". Dr. Wi Ihelm Steke 1. 

Ein m ehrlach determiniertes Versprechen. 

Ein Kranker, der an nekrophilen Instinkten leidet, sagt: Ich werde heute beim 
Friedhof speisen. Das Restaurant heisst aber Ried ho f. Damit erscheint das 
Versprechen nur oberflächlich motiviert. Aus dem weiteren Materiale ergibt sich 
folgender Zusammenhang : Er interessiert sich für eine Dame, von der er weiss, dass 
sie von Dr. Samenhof, dem Erfinder des Esperanto, der Augenarzt ist, be- 
handelt wird. Er hatte plötzlich den Gedanken, dass Dr. Samen h o f der Dame den 
Hof machen würde. Ein ganz unmotivierter Gedanke, der nur sein latentes Miss- 
trauen und seine Eifersucht verrät. Wenn er sie bei einer Untreue ertappen würde, 
so wäre das ihr Tod. Sicher der Tod seiner Liebe. (Friedhof!) Der Name Samen- 
hof ergibt weitere Assoziationen. Erleidet unter der Angst steril zu sein. Er unter- 
suchte seinen Samen und fand lebende Spermatozoon. Aber er ist ein Zweifler. Er 
kann sich ja geirrt haben und sein Samenhof ist nur ein Friedhof. Er dachte 
an die Möglichkeit einer Gravidität dieser Dame, die ihm aus ökonomischen Gründen 
unangenehm wäre. 

Doch das Versprechen hat auch Beziehungen zu mir. Er fragte mich, was 
das zu bedeuten habe, er leide unter der Zwangsvorstellung, sogar einem Zwangsirapuls, 
mir und anderen Männern die Hand zn küssen. Das Restaurant Riedhof lässt 
auf Beziehungen zur Mundzone schliessen. Vor einigen Tagen hatte er die Phan- 
tasie, er mache einem Manne eine Fellatio! Gestern bestellte er im Restaurant un- 
vermutet Kaviar! (Samen der Fische!) Dann einen Hering! Absonderliche Ge- 
lüste, die er sich nicht erklären konnte. Sein Mund soll ein Friedhof sein, er will 
die Spermatozoen vernichten. (Fellatio !) 

Jetzt gesteht er, er wollte mir gestern ein Geschenk kaufen. Ein Ausgabe 
von Eugen Dühring in Esperanto. Kr verspricht sich wieder, denn er meint Albrecht 



Varia. 635 

Dürer. Dühring ist ihm aus einem Werke bekannt: Der Ursprung der Syphilis. 
Die Syphilis ist ihm aber ein Symbol des Verbotenen, Schmutzigen, also auch der 
Homosexualität. Er will mir seine Liebe erklären und zwar in der mir unbekannten 

Sprache des Dr. Samenhof. Weitere Determinationen müssen hier entfallen 

F Dr. Wilhelm Stekel. 

Wie sich die verschiedenen Menschen die Psychoanalyse vorstellen. 

Im vergangenen Jahre hatte ich ein dreissigjähriges Mädchen aus Deutschland 
wegen Zwangsvorstellungen in Behandlung. Nach zwei Wochen teilte mir die 
Patientin mit. sie wäre sehr enttäuscht. Sie hätte überall so schreckliche Sachen 
von der Psychoanalyse gehört und sei nun sehr sonderbar berührt, dass man einfach 
reden müsse, was einem einfalle. Sie habe sich aber auf das „Sexuelle" sehr ge- 
freut und habe immer gespannt gewartet, wann ich damit anfangen werde. Auch 
habe sie im Stillen gehofft, es wäre nicht bei der Theorie bleiben, 

sondern eine Art Anschauungsunterricht durchgeführt Mit 

solchen Erwartungen gehen die Menschen an die Psychoanalyse ! Das kommt daher, 
•weil die meisten Ärzte und erst alle Laien glauben, die Analyse bestünde in einem 
peinlichen Kreuz- und Querverhör! Immer wieder wird man in allen Kritiken diese 
Anschuldigungen gegen die Analyse hören. Es wäre mit aller Entschieden- 
heit festzustellen, dass man in keinen Patienten etwas h.nein- 
analysiert Der Patient kommt und erzählt uns seine Beschwerden, bringt uns 
täglich das psychische Rohmaterial, aus dem wir dann unsere Schlüsse ziehen. Auch 
lebt und herrscht überall die Vorstellung von der Auffindung der Traumen und be- 
sonders der infantilen Traumen und iässt sich nicht ausrotten. Als ob der erfahrene 
Analytiker sich einbilden würde, mit der Aufdeckung einiger infantiler Traumen eine 
Neurose geheilt zu haben! Freilich es gibt verschiedene Analytiker und manche mögen 
das Wesen der Analyse in einem Ausfragen sehen und nach sexuellen Traumen 
forschen, deren Bedeutung in vereinzelten Fällen sicher nachzuweisen ist. Aber 
die Kranken reden von Dingen, die sie bedrucken oder sie verschweigen sie dadurch, 
dass sie von dem Thema sprechen, das dem Arzte genehm ist. Die Patienten haben 
eine feine Nase für das Material, das der Arzt von ihnen erwartet. Sind sie durch 
das Interesse des Arztes auf sexuelle Dinge eingestellt, nun so werden sie gerne 
über ein Thema sprechen, das offen zu erledigen ihnen bisher unmöglich war. Ich 
meine, es ist die grosse Kunst des Psychoanalytikers, das Material nicht zu beein- 
flussen und so dem Patienten gegenüber immer eine Waffe in der Hand zu haben, 
etwa wie: „Habe ich Ihnen von Ihren perversen Anlagen gesprochen, oder haben Sie 
mit diesen Geständnissen begonnen?" Denn der Kranke hat immer die Tendenz, 
seine ganze Neurose auf den Arzt zu schieben. Der Arzt habe diese sexuellen Dinge 
in ihm aufgewühlt, er habe ihn erst auf die Zusammenhänge aufmerksam gemacht, 
er wäre nie homosexuell gewesen, das hätte geschlummert, nun käme es zutage. 
Gegen solche Vorwürfe haben wir nur die Entgegnung, dass wir nach gar nichts 
gefragt haben und uns der Kranke Alles aus eigener Initiative gesagt habe. Ich 
will damit nicht sagen, dass man ohne alles Fragen auskommen könne. Aber ich 
meine- Man vergesse nicht die Grundregel, den Kranken mit seinen geheimen Ge- 
danken an sich herankommen zu lassen und nie zu früh Zusammenhänge za ver- 
raten, die der Kranke vielleicht verstehen aber nie fühlen kann, und heilen kann 
nur der Affekt und die Vorstellung. 

Alle Blätter sind jetzt voll von falschen Schilderungen des Seelenarztes in 
der Psychoanalyse. Ich bringe als Probe Auszüge aus einem Essay von Hermann 
Menkes der im Neuen Wiener Journal am 4. V. 1918 erschienen ist. 

43* 



636 Varia. 

„Unsere Zeit hat das Spezialistentum in allen Dingen und Tätigkeiten ge- 
schaffen, also auch in der Heilkunst. Die persönlichen Beziehungen des Arztes zum 
Kranken hahen sich gelockert oder haben ganz aufgehört. Mit Ausnahme des einen 
der als neue Figur aus dem Spezialistentum hervorgetreten ist: des Seelenarztes' 
Diese Bezeichnung hat einen sentimentalen Beiklang. Man denkt au einen Priester 
der Seele, an einen Beichtvater, der uns mit gütigem Zuspruch von aller geheimen 
Qual befreit und dem wir die gläubige Kinder die verborgensten Kammern unseres 
Herzens erschließen. Aber hier handelt es sich nur um eine neue Abart, eine neue 
Methode. Diese Spezialisten für das Nervensystem sind Anhänger einer Lehre, die 
Wie eine okkulte Wissenschaft noch erscheint, und sie schwören auf ihren Meister 
wie die Mitglieder einer Geheimsekte auf ihren Heiligen. Auch sie sind Beichtväter 
die bis zum Unbewussten unseres Individuallebens vordringen, Forscher im dunkeln 
Land der Seele. Dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist leben 
könne, von dieser Voraussetzung gingen die ältesten Heilkünstler schon aus Der 
Seelenarzt aber verkündet, dass alle körperlichen Zerrüttungen davon 
herrühren, dass unser Empfindungsleben irgendwann, vielleicht 
schon in den ersten Kindheitsjahren, einenKnacks, eine schädigende 
Hemmung erlitten hat. Wie in eine finstere Nacht leuchten sie in das erste 
Erlebnis hinein, in das längst Vergessene, Entschwundene. Sie sind die Zer- 
störer eines Märchens, des Glaubens von der Unschuld und Glückseligkeit der Kind- 
heit. Im Geschlechtsleben sehen sie alle Wurzeln unserer Leiden und all der 
Schrecken, die uns jäh befallen, uns bis an den Rand des Wahnsinns, in die Nähe 
von Verbrechen und Laster bringen. Aus ihm allein entstehen die Neurosen und 
Psychosen, die zeitweiligen Willenslähmungen, die PI atzfurcht. • 

„Das Heilverfahren, das er anwendet, erscheint recht seltsam, entbehrt 

wird .£ k e,n ". ZB * ea von Komik - Zwüflhan dem Arzte und dem Patienten 
wird eine Konversation geführt, die sich durch viele Monate wiederholt. Es ist 

Xi Ge8 P r f n Frage8tellun S fln und Beantwortungen. Alle Ver- 
schw.egenheiten, alles ,m Innersten Begrabene wird ans Licht geholt, Dinge, an die 
man nie mehr gedacht oder deren man sich gar nicht für fähig gehalten Einer 
ZiZ 7?r ü u rUhe ; aD allerlel *«*"•««•». an Schlaflosigkeit und Angst^ 
un ffi L SS 8,eh ?' Ch plÖt2Hch auf Ur9Rchen *"*"*«". d- ihn erschrecken 

schu IdL th ,'!• \ D ' e MeDSCh6a Wei ' deD aI,e8a,nt ZU » eheime » Sündern, zu 

schuldlos Schuldigen vor diesem Seelenforscher, zu dem man vielmehr nur in der 

iL! f ' « man V0 " ° iDem 1 uklende '' Kopfschmerz befreit werde. Lom- 

broso u „d seine Schüler legten jedes Genie gleichsam ins Krankenbett, vor den 

*2Z iltT Fieud ' 8chen ******* sind wir Gewöhnlichsten alle 
Dunklt. Dle ( , Met 1 h , 0de . 8iebt ™ Scharlatanerie aus. ist aber ein Weg durch 
Dnnkelhe.ten und noll, wie die Sage geht, schon manch hoffnungslos Gewordenen 
Genesung gebracht haben. Das Heil liegt im Sichselbsterkennen und Besinnen. Er- 
nenne, welch ein Scheusal du eigentlich bist und dn kehrst zu den Normalen zurück. 
"ie Bestie in uns wird getötet, indem man ihr ins Antlitz schaut." 

H.il Aach , bi , er we,dcn dic Märchen von dem Frage- und Antwortspiel und die 
«e lang nach der Entdeckung des infantilen Traum's aufgetischt. Da verstehen wir 
»reihen, dass der Autor findet, die Methode entbehre nicht eines Zuges der Komik. 
Seine Darstellung entbehrt sie sicher nicht. Stekel. 

Über den Sadismus. 

Tolstoi spricht: ,Die meisten Menschen, die man bös und schlecht nennt 
sind solche nur dadurch geworden, dass sie ihre Verstimmungen, als einen natür- 



Varia. 637 

liehen, gesetzmässigen Zustand angenommen haben und dem letzteren hingebend, 
keine Willensbemühungen — sich von diesem Zustande zurückzuhalten — angewendet 

haben." 

Mit diesen Worten wird recht klar ein psychisches Phänomen dargestellt, wie 
wir es in den Äusserungen, vor ollem der neurotischen Seele immer beobachten können. 

Am eisten Plan — die tendenziöse, notwendige (meistens unbewasste) Kon- 
struktion der Verstimmung, des Symptoms, als ein brauchbares Mittel zur Er- 
reichung des halluzinierten Endzweckes und dann — nach dem Selbsteinfühlen in 
die konstruierte Situation — ein Kampf gegen die etwa stabilisierte psychische 
Konstellation. Der Kampf aber — von rationalistischen, ethischen etc. Hilfsmitteln 
begleitet, verbirgt in sich nichts anderes, als einen weiteren Beweis für die Existenz 
der gegensätzlichen, in diesem Falle, sadistischen Komponenten, abgesehen davon, 
dass sich solch ein Kampf als ganz vergebens und unnütz erweist. 

Bei Tolstoi können wir diesen Kampf in seinem Leben und Werke genau ver- 
folgen. Was die Einstellung Tolstois in den letzten Jahrzehnten seines Lebens be- 
trifft, so sehen wir da bloss einen Kunstgriff, indem er, vermittelst eines 
pseudo-masochistischen Arrangements, seine Dogmen über „Widerstands- 
losigkeit dem Bösen gegenüber" (Christuspositionannahme!) befestigen wollte, die, 
augenscheinlich einen bewussten, freiwilligen Kampf mit den subjektiven, unbewussten 
sadistischen Trieben darstellt — Aus diesem kurz skizzierten Falle ist es nicht zu 
schwer die Ambivalenz der äusseren Formen der Geistesfunktion nnd, zur 
gleichen Zeit, das einheitliche Bild des wahren Strebens, Wollens, des un- 
bewussten Imperativs zu ersehen. — Scheint es danach nicht wirklich so, als ob 
Tolstoi, die sichtbare Rolle eines Propheten, eines Predigers für das Gute, für 
„Liehe zum Nächsten* usw. aufnehmend — im Realen ein ausgeprägter Misanthrop, 
ein, in den letzten Zeiten, grösster Menschenfeind gewesen ist? 

Birstein. 

Notierte Gedanken von F. M. Dostojewski. 

In der bei R. Piper <fc Co. (München und Leipzig) erscheinenden Gesamtaus- 
gabe der Werke von Dostojewski finden sich auch die „Notierten Gedanken", von 
denen wir einige hier bringen. Sie zeigen von dem tiefen psychologischen Verständnis 

des genialen Dichters. 

Die Frauenfrage. 

Der ganze Fehler der „Frauenfrage" besteht darin, dass man UnteH bares 
teilt, Mann und Weib einzeln betrachtet, während sie doch ein ein- 
ziger geschlossener Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und 
Weib . . .") Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren und Vorfahren und 
mit der ganzen Menschheit ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus. Die 
Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich in die Urbestandteile auf. Die 
Kirche dagegen teilt nicht. 

In der Natur ist alles für das Normale berechnet, alles nach dem Muster des 
Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. (Der Mann 30 Jahre alt, die Frau SO Jahre.) 
Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, um den Mann zu fesseln, denn 
das sittliche Band ist noch schwach. Später ist die Schönheit nicht mehr nötig, 
man liebt das Weib, weil man seelisch zusammenwächst (organische Verbindung). 

Ehrfurcht. 
Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach zu ermessen, wie weit 
und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht und Verehrung zu bezeugen (oder Andacht zu 
empfinden). 



638 Varia. 

Sozialismus und Christen tarn. 
Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, 
wo die eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das 
stelle man einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben 
daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft. Im Christen- 
tum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener 
Lösung 'i — Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist aufkommen. 

Reichtum. 
Reichtum ist eine Stärkung des Einzelnen, eine mechanische und geistige 
Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen. 

Über die Macht infantiler Eindrücke äussert sich der Dichter: 
Entwicklung der Kinder. 

Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht, ein roter 
und ein blauer, und zwar zur Beschleunigung der Entwicklung, um 
Gedanken zu erwecken. Als wolle man die Natur beseitigen! Der 
Eindruck der Harmouie des Ganzen in der Natur wird dadurch auf- 
gehoben. Die werden ihr Lebtag im Ganzen Details, grelle Punkte, 
Ecken, Einzelheiten suchen. 

Aphorismen über die Liebe von Paul Bourget. 

Die Männer sind niemals gute Richter über die Eigenschaften, durch die ein 
anderer Mann den Frauen gefällt oder missfällt. 

Wenn eine Frau ihr Herz im Liebesspiel einsetzt, so spielt sie neunzehnmal 
von zwanzig gegen einen Falschspieler und setzt echte Goldstücke gegen unechte 
Prägung. 

„Frauen, die flirten, sind schlechte Geliebte." Dies ist das Wort einer sehr 
ehrbaren Frau, die vorgab, niemals geflirtet zu haben. Ihre Augen sahen sehr ver- 
ächtlich drein, während sie sprach. Die allzugrosse Verachtung aber, hat allzusehr 
Über den verachteten Gegenstand nachgedacht, und zu sehr über etwas nach- 
denken, heisst immer es berenen. 

In der Liebe sind grosses Glück und grosses Unglück nur Gefühlsnuancen. 

Der Mann rächt sich an den guten Frauen, weil die Dirnen ihn nicht geliebt 
haben. Er nennt das: stark geworden sein. 

Die Strafe der Talion im modernen Rechte. 

Beim Neurotiker konstatieren wir immer wieder die Tendenz sich für seine 
kriminellen Impulse so zu bestrafen, dass die Strafe einen Hinweis auf seine ver- 
brecherischen Neigungen enthält. Lebte er in Verglftungsphanlasien, so bricht bei 
ihm später eine Hypochondrie aus, die in allen Speisen Gift wittert, er wird ein 
Apostel der Abstinenz, er predigt gegen die Giftmedizin usw. . . . 

In einer Gerichtsverhandlung trat diese Tendenz im Urteil zutage. Das 
.Neue Wiener Journal* vom 9. V. 1913 berichtet: 

Verführung unter Zusage der Ehe. 
Vor dem Strafrichter Dr. B. hatte sich gestern der 22jährige Pfeifendrechsler 
F. B. wegen Verführung unter Zusage der Ehe zu verantworten. Der Angeklagte 
unterhielt seit fünf Jahren mit der heute 20jährigen Kontoristin Lina W. ein Liebes- 
verhältnis und versprach dem Mädchen wiederholt die Ehe. Im Februar dieses 
Jahres brach B. das Verhältnis mit der W. plötzlich ab. Das Mädchen erfuhr, dass 



Varia. 63» 

B. mit einer von ihrem Manne getrennt lebenden Frau ein Verhältnis angeknüpft 
habe. Sie erstattete hierauf die Strafanzeige. Der Richter verurteilte den Ange- 
klagten zu zehn Tagen strengen Arrests, verschärft mit .einmal hartem Lager/ 

Dr. W. B. 

Zar Psychologie der Kinderstabe. 

Nachdem an einem Morgen meine Frau umsonst nach dem Nachttopf meines 
5 7., jährigen Töchterchens gesucht hatte, wurde es selbst nach dessen Verbleib ge- 
fragt. Kr holte den Topf hinter dem Ofen hervor und erklärte: „Ich habe ihn 
versteckt, damit Ihr ihn nicht ausleert. Dann mache ich immer 
mehr hinein, und dann wird er immer voller. Er soll einmal so voll 
werden wie der Eurige." 

Als ich dasselbe Töchterchen einmal aufforderte, mir einen Traum von der 
Nacht zu erzähleo, erwiderte es: „Aber Papa, ich hab' es Dir doch schon 
einmal gesagt, dass ich gar nie träume. Ich sehe nur Bi,lder in der 
Nacht.' 

Eines Tages mnss ich zu einem Vorschlag der gleichen Tochter Stellung 
nehmen: Wenn sie grösser sei, möchte sie mich einmal heiraten. Ich versuche mit 
Schonung ihr die Gründe klar zu legen, weswegen ihr Plan nicht ausgeführt werden 
könne. Sie verlässt mich in nachdenklicher Resignation. Einige Tage später kommt 
sie leuchtend zu mir: „Wenn ich Dich schon nicht heiraten darf, dann will ich 
wenigstens einmal den Bubi (ihren 2 I 'gjährigen Bruder) heiraten." Als ich auch 
diesmal mit Gründen ihre Hoffnung zertrümmere, senkt sich ihr Köpfchen schmerz- 
lich. Wieder ein paar Tage und jubelnd stürmte sie in mein Arbeitszimmer: „Papa, 
ich kenne einen Buben, der heisst Julias, den werde ich heiraten. 
Ich will einmal nur einen Julias heiraten." 

Mein 2'/sjähriges Söhnchen hörte seine Schwester öfters das „Vater unser* 
beten. Eines Abends wollte auch es beten nnd legte dann los: „Unser Vater — 
du bist schuld — bitte, gib mir Brot." Julius Niedermann. 

Traum eines 5 jährigen Mädels. 

„Ich flog aus dem Oberbodenfeuster meines elterlichen Hauses (unser Hans 
ist im Schweizerstil gebaut, das betreffende Fenster befindet sich an der Giebelseite) 
wagrecht heraus, die Arme wie Flügel ausgebreitet, bis über das kleinere grüne 
Rasenrundteil in unserem Garten. Dort stand mit gezücktem Messer 'ein Metzger- 
meister, er schien nur auf mich zu warten, um mich abzuschlachten. Ich empfand 
rasende Angst, weil ich meine Flugkraft nachlassen fühlte — immer senkte ich 
mich trotz meines Bemühens hoch zu bleiben, herab auf das hochgehobene, mir 
drohende Messer. Dann hob ich mich wieder empor, atmete wie befreit auf, um 
gleich darauf unter unsäglicher Angst wieder zu sinken — auf nieder — auf nieder — 
es war schrecklich." 

Dieser Traum zeigt uns, wie früh sich schon die Konflikte der kindlichen 
Seele äussern. Kennt man aber die Lebens- und Leidensgeschichte der Kranken so 
merkt man, dass der Kampf zwischen einer nach dem Himmel strebenden Keusch- 
heit und einer sehr starken Sexualität schon im fünften Lebensjahre eingesetzt hat. 
Der Traum ist nämlich leicht verständlich und eine Illustration ihrer Kämpfe, die 
sie neurotisch gemacht haben. Eine ungeheuere Anstrengung ihres Willens treibt 
sie in die Höhe. Sie hat ein geheimes Ideal: die Madonna. Unten aber steht der 
Metzger als Symbol des tierischen Mannes, als Symbol der Fleischlichkeit und des 
Bösen. Fallt sie ihm zum Opfer, so wird sie Dirne. 



640 Varia. 

Andrerseits ersehen wir die Angst vor dem Manne und die Tendenz sich über 
den Mann zu erheben und zu entwickeln. Diese Frau musste neurotisch und in der 
Ehe anfistbetisch werden, weil sie jeden Orgasmus in den Armen des Mannes als 
Niederlage wertet, jeden Akt, in dem sie kühl blieb, als einen Sieg. Stekel. 

Ein Beitrag zur infantilen Kriminalität. 

Verschiedene Autoren haben meine Mitteilung über die Kriminalität der Kinder 
bezweifelt. Ein Kind sollte Mordpläne haben nud überhaupt kriminelle Vorgänge 
verstehen? Ein Kind sollte mit Attentatsplänen spielen, Phantasien über Vergiftungen 
hegen, an Mord und Brand denken? 

Leider kommt es auch vor, dass diese Phantasien zur Tat werden. Ich bringe 
hier nur die nackte Tatsache znr Kenntnis, wie sie das „Neue Wiener Tagblatt* am 
5. V. 1913 mitgeteilt hat. 

Selbstmordversuch und Mordversuch eines Dreijährigen. 

Als der Bauunternehmer Emmerich Ehrenwald gestern abend von einem 
Ausäuge in seine Wohnung zurückkehrte, fand er auf einem Kanapee sein drei- 
jähriges Söhnchen und sein anderthalbjähriges Töchterchen be- 
wusstlos auf. In der Wohnung war ein starker Gasgeruch zu verspüren. Der 
Gashahn war offen. Mit vieler Mühe gelang es, die beiden Kinder wieder zum Be- 
wußtsein zu bringen. Das dreijährige Söhnchen gab an, es habe sich und das 
Schwesterchen töten wollen aus Gram darüber, dass Mütterchen sie nicht 
spazieren geführt habe. Die Erklärung dafür, dass der Dreikäsehoch überhaupt 
auf den Gedanken des Selbstmordes gelangen konnte, liegt darin, dass beim Mittag- 
mahl Ehrenwald von einem Selbstmord erzählte, den jemand durch Einatmen von 
Leuchtgas beging. Der kleine Knabe hatte der Erzählung aufmerksam gelauscht. 

Stekel. 

Der letzte Traum. 

Am 21. April wurden in Paris drei Auto -Apachen hingerichtet. Als man in 
die Zelle des Monier kam und ihn weckte, rief er nach der Mitteilung, dass es zum 
Tode gehe und er hingerichtet werden solle, aus: „Ja, das habe ich mir gedacht. 
Denn ich habe heute Nacht einen wunderschönen erotischen Traum gehabt.* So 
weckt der Gedanke an den Tod alle Kräfte, welche der Fortsetzung des Lebens über 
sich hinaus dienen. Margarete Petersen. 

Zur Kinderseele. 

Ein kleines Mädchen sieht auf der Gasse eine alte Zwergin und eilt aufgeregt 
zur Mutter: Du Matter, ich habe eine alte Frau gesehen, eine sehr alte Frau. Du 
glaubst nicht, wie jung die war. Mutter, kann die auch Kinder kriegen? M. P. 

Aphorismen über die Psychoanalyse. 

Karl Kraus veröffentlicht in Nr. 376/377 der Fackel eine Reibe von Apho- 
rismen über die Psychoanalyse, die für ohne jede Polemik hier wiedergeben wollen. 

Wenn man nur beizeiten den Kindern verboten hätte, sich zu schneuzen, die 
Erwachsenen würden schon rot werden dabei! 

Sinnlichkeit weiss nichts von dem, was sie getan hat. Hysterie erinnert sich 
an alles, was sie nicht getan hat. 

Erröten, Herzklopfen, ein schlechtes Gewissen — das kommt davon, wenn 
man nicht gesündigt hat. 



Varia. 641 

Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen. 

Wand vor der Lust : Vorwand der Lust. 

Perversität ist entweder ein Zustand oder eine Fähigkeit. Die Gesellschaft 
wird eher dazu gelangen, den Zustand zu schonen als die Fähigkeit zu achten. Auf 
dem Weg des Fortschritts wird sie so weit kommen, auch hier der Geburt den Vor- 
zug zu geben vor dem Verdienst. Aber wenigstens wird sich die Norm dann nur 
mehr über das Genie entrüsten, das heute diese Ehre mit dem Monstrum teilen muss. 

Genie ist die freie Verfügung über alle jene Eigenschaften, die jede für sich 
einen Krüppel beherrschen. 

Das Unterbewusstsein scheint nach den neuesten Forschungen so eine Art 
Ghetto der Gedanken zu sein. Viele haben jetzt Heimweh. 

Euer Bewusstes dürfte mit meinem Unbewussten nicht viel anfangen können. 
Aber auf mein Unbewu9stes vertraue ich blind, es wird mit eurem Bewussten 
schon fertig. 

Psychoanalyse: Ein Kaninchen, das von der Boa constrictor geschluckt wird, 
wollte nur untersuchen, wie's drin aussehe. 

Psychoanalyse ist mehr eine Leidenschaft als eine Wissenschaft: weil ihr die 
ruhige Hand bei der Untersuchung fehlt, ja weil dieser Mangel die einzige Fähigkeit 
zur Psychoanalyse ausmacht. Der Psychoanalytiker liebt und hasst sein Objekt, 
neidet ihm Freiheit oder Kraft und führt diese auf seine eigenen Defekte zurück. 
Er analysiert nur, weil er selbst aus Teilen besteht, die keine Synthese ergeben. 
Er meint nur darum, der Künstler sublimiere ein Gebreste, weil er selbst es uocb 
hat. Psychoanalyse ist ein Racheakt, durch den die Inferiorität sich Haltung, wenn 
nicht Überlegenheit verschafft und die Disharmonie aufs gleiche zu kommen sucht. 
Arzt sein ist mehr als Patient sein und darum sucht heute jeder Flach köpf jedes 
Genie zu behandeln. Die Krankheit ist hier das, was dem Arzte fehlt. Wie er sich 
immer anstelle, er wird zur Erklärung des Genies nichts weiter vorbringen, als den 
Beweiss, dass er es nicht bat. Da aber das Genie eine Erklärung nicht braucht und 
eine, die die Mittelmässigkeit gegen das Genie verteidigt, von übel ist, so bleibt der 
Psychoanalyse nur eine einzige Rechtfertigung ihres Daseins: sie lässt sich mit 
genauer Not zur Entlarvung der Psychoanalyse anwenden. 

Ein Psycholog weiss um die Entstehung des .Fliegenden Holländers' Bescheid: 
„aus einer Kinderphantasie Richard Wagners, die dem Grössenwunsch des Knaben 
entsprang, es seinem Vater gleich zu tun, sich an Stelle des Vaters zu setzen, gross 
zu sein wie er. ..." Da aber nach den Versicherungen der Psychologen dies der 
seelische Habitus aller Knaben ist — ganz abgesehen von der erotischen Eifersucht 
und den Inzeatgedanken, die das Kind mit der Muttermilch einsaugt und die nur 
bei Soxhlet nicht die Oberhand bebalten — , so raüsste die Psychologie bloss noch 
die eine Frage beantworten: welche spezifischen Anlagen oder Eindrücke bei Wagner 
die Entstehung de9 „ Fliegenden Holländers* vorbereitet haben. Denn Wagner ist 
von allen Geschlecht sgenossen der einzige, dem die Autorschaft des »Fliegenden 
Holländers" zugeschrieben werden kann, während die meisten andern dem Grössen- 
wunsch, es dem Vater gleich zu tun, eine Karriere als Börseaner, Advokaten, Trara- 
waykondukteure oder Musikkritiker verdanken, und nur die, die davon geträumt 
haben, Heroen zu werden, Psychologen geworden sind. 

Krank sind die meisten. Aber nur wenige wissen, dass sie sich etwas darauf 
einbilden können. Das sind die Psychoanalytiker. 

Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. 

Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiters in seine Lage zu versetzen. 



642 Varia. 

Wie der Schelm ist, so denkt der Psycholog. 

Sie greifen in unaern Traum, als ob es unsere Tasche wäre. 

Psychologie ist die stärkere Religion, die selig im Zweifel macht. Indem die 
Schwäche nicht zur Demut, sondern zur Frechheit bekehrt wird, geht es ihr schon 
auf Erden gut. Die neue Lehre ist über jeden Glauben erhaben. 

Was fängt man doch mit dieser Jugend an? Sie ist missgestalt und reagiert 
nur psychisch. Nichts als Freudknaben. 

Schlüssel-Symbolik. 

Schlüssel — Schlüsselloch - Schlüssel ins Schlüsselloch stecken scheinen 
geeignete, häufig auftretende Sexualsymbole zu sein. Eine mir bekannte junge Dame 
hat wenigstens häufig kleine Schlüsselerlebnisse. Eines derselben schilderte ich be- 
reits im Heft II des III. Jahrgangs. Vor einiger Zeit besuchte ich das neurotische 
Mädchen in einem Sanatorium, dessen Garten an einem See liegt. Wir ruderten. 
Zu diesem Zweck legte sie ein Kostüm an, das ihren kraftvollen Körper durchaus 
markierte. Sie befand sich unbewnsst in starker Übertragung auf den Arzt. Auf 
der Rückfahrt sahen wir ihn, der in seinem Boote gleich uns der Landungsstelle 
zustrebte. Sie begann krampfhaft heftig zu rudern und sagte angsterfüllt. ,0 Gott, 
wenn wir nur schnell und sicher landen, ich kann mich nicht in diesem Kostüm 
zeigen.* Tadellos liefen wir ein. Die Angst, d. h. der verdrängte Wunsch, sich in 
diesem Kostüm zu zeigen, erfüllte sich nicht. Das Wichtigste, was kein Patient je 
vergaes - so war es eingeschärft worden — war, den Bootsschlüssel sofort an den 
richtigen Ort zu legen. Sie raste wie besessen davon. Plötzlich blieb sie stehen 
mit angstverzerrten Mienen, um dann wieder davonzujagen. Natürlich kam sie 
gerade in dem Moment an, als das andere Boot landete. Sie ergriff den grossen, 
mit einer riesigen Holzklammer versehenen, nicht zu übersehenden Schlüssel, der 
mitten auf dem kleinen Brückensteg lag und eilte davon, sich halb tot schämend. 
Das Unbewusste hatte sich wieder einmal siegreich durchgesetzt. Sie hatte sich 
nun doch und viel ausgiebiger in dem Kostüm produziert als es bei einer verzögerten 
Landung der Fall gewesen wäre. Der Arzt hatte oft in der Behandlung gesagt: 
Ich kann den Schlüssel zu Ihnen nicht finden. Nun sagte ihm ihr Unhewusstes: 
da hegt der Schlüssel, und der Schlüssel ist mir Sexualsymbol; nur das kann mir 
helfen. 

Neulich war sie auf wenige Tage verreist und hatte sich mit einem ihr ziem- 
lich fernstehenden Herrn verabredet. Sie verpassten sich, fanden sich nicht, trotz- 
dem sie am selben Orte waren. Es war ein herrlicher Mondscheinabend, und sie 
war der Sehnsucht voll, nicht nach „dem* Mann, aber nach dem „Mann", da er 
im Augenblick als einziger Repräsentant seiner Gattung in Frage kam, wünschte sie 
heftig, er möchte kommen. Energisch verbannte sie alle Sehnsuchtsgedanken und 
suchte bei früher Abendstunde das Zimmer auf. Aber das Unbewusste spann weiter, 
nur einiges davon drang ins Bewusstsein: Vielleicht kommt er noch — Nein, ich 
gehe heut nicht mehr spazieren, lasse durch die Wirtin sagen, ich sei nicht mehr zu 
sprechen — Vielleicht sagt die primitive Wirtin : Fräulein D. wohnt Nr. 4 — Ich 
rufe hinaus, ich sei schon im Bett oder antworte nicht — . Wie ich schon im ersten 
Fall erzählte, ist jene Dame äusserst sorgsam mit dem Verschliessen. Sie schläft 
auch in ihrer eigenen Wohnung, nur wenn alle Türen des Zimmers verschlossen 
sind. Hält sie sich im Hotel nur einige Minuten in ihrem Zimmer auf, so wird sie 
es stets verschliessen. Als sie hajb entkleidet war, sah sie, dass der Schlüssel nicht 
im Schlüsselloch steckte. Sie fasste an, die Tür war offen, der Schlüssel fort. Erat 
nach langem ängstlichen Suchen fand sich der Schlüssel. Sie hatte ihn verlegt mit 



Varia. 643 

der unbewussten Absicht, jenem Herrn die Türe offen zu lassen. Dass es wieder 
der Schlüssel sein musste, das mannliche Sexualsymbol und das nnn offene Schlüssel- 
loch, das weibliche Sexualsymbol, enthüllen uns die tieferen nnbewnssten Wünsche 
jenes Mondscheinabends. Hedwig Schulze. 

Goethe über das Verhältnis der Geschlechter. 

„Der Mann soll gehorchen, das Weib soll dienen. Beide streben nach Herr- 
schaft. Jener erreicht sie durch Gehorchen, diese durch Dienen. Gehorchen ist 
dicto audientcm esse; dienen heisst zuvorkommen. Jedes Geschlecht verlangt von 
dem andern, was es selbst leistet, und erfreut sich dann erst: der Mann, wenn ihm 
das Weib gehorcht (was er selbst tut und tun muss) ; das Weib, wenn ihr der Mann 
dient, zuvorkommt, aufmerksam, galant, und wie es heissen mag ist. So tauschen 
sie in der Liebe ihre Rollen um: der Mann dient, um zu herrschen, das 
Weib gehorcht, um zu herrschen." (Mit Riemer, August 1807.) 

„ Beide Geschlechter besitzen eine Grausamkeit gegeneinander, die sich viel- 
leicht in jedem Individuum zuzeiten regt, ohne gerade ausgelassen werden zu können: 
bei den Männern die Grausamkeit der Wollust, bei den Weibern die des Undanks, 
der Unempfindlichkeit, des Quälens u. a. m* (Mit Riemer, 7. Juli 1811.) 

Die Ähnlichkeit dieser Ansichten mit denen Kants und Adlers, wie ich sie 
in einem Artikel .Kant über das Verhältnis der Geschlechter* (Heft 4, 
5 1918 dieses Zentralblatts) hervorgehoben habe, ist so unverkennbar, dass sie keiner 
näheren Ausführung bedarf. Schrecker. 

Sexaalsymbolik bei >t- Madeleine. 

Ein für Psychoanalytiker recht interessantes Material findet sich in der 
Symbol- und Gedankenwelt, in die wir durch die erotischen Gedichte von Marie 
Madeleine geführt werden. Die Verfasserin deckt in poetischer Sprache manchen 
feinen Zug des verborgensten Trieblebens auf. Die Symbole holt sie mit Vorliebe 
ans der pflanzlichen Natur. Ich führe hier drei Gedichte vollständig an; sie stehen 
in der bei B. Elischer Nachf. (Leipzig) erschienenen Sammlung „Die rote Rose Leiden- 
schaft', S. 103 f. und 129. 

Hass. 

Wohl hab' ich deine Liebe stets geliebt, 
Der Küsse Zärtlichkeit, die süsse Minne . . . 
Jedoch dein Hass, dein brünst'ger Hass erregt 
Viel heisser meine aufgewühlten Sinne. 

Geschlechtshass! — Sonderbare Nerveiischwingung, 

Erinnerung an weltenferne Zeit, 

Da noch vereint in zärtlichster Umschlingung 

Die Wollust waren und die Grausamkeit. 

Da die Begierde tobte ohne Schranke, 

Die Körperkraft die einz'ge Übermacht, — 

Und da noch kein erhabner Gottgedanke 

Aus einem Tier zum Halbtier uns gemacht. 

Das lieb ich so ... . wenn die brutale Regung 
Auftaucht in deiner wilden Manneskraft, 
Und wenn ich fühl' in jeglicher Bewegung: 
Wie sinnlos macht dich deine Leidenschaft! 



644 Varia. 

Es werden dann zu schmerzhaft scharfen Bissen 
Die Küsse, welche sonst mich lieb umschmeicheln, 
Wenn deine schönen Hände nicht mehr wissen, 
Ob sie mich würgen sollen oder streicheln. 

Und deine Mannes-Urkraft rast und gibt 

Und gibt mir Seligkeit und gibt mir Schmerzen 

Wohl hab' ich deine Liebe stet9 geliebt, 
Doch heisser trag ich deinen Hass im Herzen. 

Man findet hier den instinktiven Ausdruck der dem Psychologen nicht un- 
bekannten Theorie, dass die Zärtlichkeitsbezeigungen (Küssen, Streicheln etc.) aus 
aggresiven Bewegungen (Bü9ten, Würgen etc.) hervorgegangen sind. Die noch übrig 
gebliebene Aggressionskomponente, die „Grausamkeit" ist als sadistisch-masochistischer 
Zug in die Libido des Geschlechtlebens eingegangen. Die Verschmelzung von 
Grausamkeit oder Wildheit und Liebe kommt an vielen Stellen der Madeleine'schen 
Gedichte zum Ausdruck. An einer Stelle spricht sie geradewegs vom „Liebeshass". 
Ich meine den Schluss des Gedichtes „Sirokko" (S. 100 ff), wo es heisst : 

Ach dies Gesicht, so leidenschaftlich blass . . . 

Und deine Augensterne, starr geweitet 

In Manneslust, ... in brünst'gem Liebeshass . . . 

Da wissen meine irren Sinne kaum, 

Ob jenes Bett, das du für uns bereitet, 

Auf das mein Körper schwer herniedei gleitet, 

Mich wiegt in Liebe oder Todestraum? . . . 

Diese Stelle ist auch wegen des Hinübergleitens in die Todesgedanken zu be- 
achten. Von diesen werden wir im folgenden Gedicht mehr hören. 

Die toten Brunnen. 

In meinem Garten lustdurchloht, 

Sind die Marmorbrunnen 

Tief wie ein Grab und stumm wie der Tod. 

Sie stehen wie grosse Sarkophage, 

Und ihr Schweigen ist 

Lauter als eine Totenklage. 

Und ringsum blüht die Schöpfung wild. 

Aus allen Bäumen und Sträuchern, 

Aus allen Blumen das Leben quillt. 

Das Meer singt vor des Gartens Pforte. 

Schmetterlinge schwirren, 

Beschwingt und leuchtend wie Dichterworte. 

Grüngoldne Libellen summen gleissend . 

Der Brunnen Schweigen ist 

Stumm wie der Tod und herzzerreissend. 

Ich klag' es den Rosen, ich klag' es dem Wind: 

,0 weh, dass in meines Gartens Zier 

Die toten Marmorbrunnen sind!" 

Die Frühliogsnacht hat Rat gewusst. 

Tauseud Fröschlein liess sie erstehn, 

Millionen Fröschlein in Liebeslust. 

Nun sitzen in den Brunnen zuhauf 

Die brünstigen Fröschlein sonder Zahl 



Varia. 645 

Und singen und rufen zum Himmel hinauf. 

Klingt wie feine, gläserne Glocken. 

Hör' doch zu, wie sie rufen, 

Sie singen und werben, . . . singen und locken . . . 

Nun sind die toten Brunnen erwacht, — 

Nun klingt der Kuf der Liebe 

Empor aus der starren Todesnacht! 

Was der Garten, was die tiefen Brunoen sind, deren Leerstehen den Tod be- 
deutet, erraten die Leser ohne weiteres. Dagegen würde Ihnen, ohne meinen Hin- 
weis, vielleicht nicht sogleich auffallen, dass die brünstigen Fröschlein in der 
feuchten Brunnentiefe, wenn man folgerichtig im Bilde bleiben will, als Spermato- 
zoon betrachtet werden müssen. Die Symbolik ist wohl kaum bewussterweise be- 
absichtigt, aber sie gilt nicht minder, wenn sie aus den unbewussten Quellen der 
Phantasie entspringt: sie hat eine desto ursprünglichere Kraft. 

Es versteht sich, dass der tiefe „Brunnen im Garten" ein Grab wäre, wenn 
keine Lebeoskeime (Spermatozoen) hineinkämen. Die Libellen, Schmetterlinge etc. 
die den Brunoen umtanzen, sind Penis- und Lebenssymbole. Übrigens ist auch der 
Frosch ein phallisches Symbol. 

In dem folgenden Gedicht kommt die erotische Symbolik des blühenden Reises 
zur Geltung. 

Das Wunder. 

Als einst im dreimal heil'gen Rom 

Tannhäuser flehte um Erhebung 

Aus seiner Sünden trübem Strom. 

Da ward ihm göttliche Vergebung. 

Da blühte an des Papstes Stab, 

Am dürren Holz ein frisches Reis, 

Und in die Einsamkeit begab 

Der Ritter sich zu Gottes Preis. 

Hat seinen stolzen Leib kasteit 

Und war für diese Welt gestorben, 

Denn er gedachte jederzeit 

Der Gnade, die er sich erworben. — — 

Und hat er niemals denn gedacht, 

Dass auch sein süsser Bettgenoss, 

Dass auch Frau Venus oft vollbracht, 

Dass dürres Reis in Blüten schoss? 

Hätt' er gewusst, was ich doch weiss ! . . . 

Hätt' er gefühlt, der arme Tor: 

Ihm wuchs in Rom ein einz'ges Reis, 

Bei ihr ein ganzer Blütenflor! 

Herbert Silberer. 



Das nächste Heft des Zentralblaltes erscheint Oktober und bringt Original- 
arbeiten von Otto Laubi (Zürich), Hans Blüher (Berlin), Emil Lewy (Paris), 
Stekel und Furtmüller. 



Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 



(Abkürzungen: = Originalia ; M = Mitteilungen ; R= Referate u. Kritiken; V = Varia; 

Sp = Sprechsaal.) 

Adler, Dr. Alfred: Die Rolle des Unbewussten in der Neurose ... (0) 169 

Das organische Substrat der Psychoneurosen (R) 326 

Traum und Traumdeutung (0) 574 

Individualpsychologische Behandlnng der Neurosen . . (R) 605 
Neuropathologische Bemerkungen zu „Hofrat Eisenbardt" 

von Berger (R) 615 

Erwiderung an Dr. Maeder (V) 567 

Albrecht, Albert: Zur Psychologie der Kleptomanie .... (M) 450 

Behrensaat: Die sexuelle Herzneurose (R) 333 

Birstein, Dr. J.: Ein Beitrag zur Neu ro-Psychol ogie .... (M) 316 

Eiu psychologischer Beitrag zur Frage des Alkoholisimis (0) 501 

über die Entstehung des Cyrano (V) 557 

Zur Frage über den Selbstmord (M) 593 

Einige Gedanken über das Volk „mit dem 

kleinen Penis" (M) 595 

Über den Sadismus (V) 636 

Bjerre Paul: Zur Radikalbehandlung der Paranoia (R) 454 

Bloch, Dr. Iwan: Freie Assoziationen bei Kindern (M) 208 

Die Prostitution (R) 344 

Bonhöffer: Die Psychosen im Gefolge von akuten Infektionen . . . (R) 453 

Bossi, Dr. L. M. : Die gynäkologische Prophylaxe bei Wahnsinn . . . (R) 87 
B regmann, Dr. L. E. : Zur Kenntnis der mit Fieber verlaufenden Der- 

matoneurosen (R) 164 

Brill, A. A.: Anal Eroticism and Character (R) 331 

Hysterical Dreamy States (R) 353 

A Few.Remarks on the Technique of Psychanalysis . . (R) 354 

The only or favorite child in adult lifo (R) 451 

B tunke: Gerichtliche Psychiatrie (R) 454 

Burchard, E. : (siehe Hirschfeld Magnus). 

W. B. Dr.: Ein schönes Beispiel von Versprechen (V) 362 

Eine Symptomhandlung und ihre Erklärung (V) 363 

Ursache und Wirkung (V) 463 

Gibt es denkende Pferde? (V) 628 

Die Strafe der Talion im modernen Rechte (V) 638 

Ch ej ecke A. : Comparaison de quelques processus psychiques .... (R) 38 

Cl aparede: Un institut des sciences de l'education (R) 38 

Co 11 er, Dr.: Drei sexualbiologische Beobachtungen V) 96 



648 Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 

Coriat, Isidor IL: Zwei sexual- symbolische Beispiele von 

Zahnarzt- Träumen (M) 440 

Deri, Max: Versuche einer psychologischen Kunstlehre (R) 617 

Descoedres, Alice: Les enfants anorraaux (R) 617 

Deutsch, Hugo: Alkohol und Homosexualität (R) 625 

Dubois, Dr. Paul: Zur Frage der sogenannten Ausfallerscheinungen . (R) 542 

Rationelle Psychotherapie (R) 603 

Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie (R) 610 

Dulaure, Jakob Anton: Die Zeugung in Glauben, Sitten und Bräuchen ^R) 352 

Edelsheim, Theda: Moderne französische Traumtheorie (V) 558 

Eder, M. D.: A case of Obsession and hysteria (R) 624 

E ml ein, R.: Vom Kinderglauben (R) 90 

Krmakow, N.: L'epilepsie hysterique (R) 628 

Federn: Baiträge zur Analyse des Sadismus und des Masoehismus (R) 456 

Ferenczi, Dr. S.: Ein treffendes Bild des Unbewussten (V) 52 

Deutung unbewusster iDzestphantasien aus einer Fehl- 
leistung (V) 58 

Zähmung eines wilden Pferdes (M) 83 

Wem erzählt man seine Träume? (V) 258 

Zur Genese des jus primae noctis (V) 258 

Liöbeault über die Rolle des Unbewussten (V) 260 

Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (K) 554 

Aus der Psychologie von H. Lotze (R) 611 

Fischel, Erwin, stud. med.: Die Maus als Symbol der Seele .... (V) 359 
Förster, Dr. Fr. W.: Die pädagogische Behandlung des männlichen Ent- 
wicklungsalters (R) 87 

Frank, Dr. Ernst: Bibelwitze (R) 166 

Freschl, Robert: Das Lustprinzip bei Nietzsche (M) 516 

Freud, Dr. Sigm.: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (R) 47 

Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse (R) 456, 553 

Ein Traum als Beweismittel (R) 457 

Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 

und der Neurotiker (R) 547 

Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewussten (R) 553 

i riedeil, Egon: Ecce Poeta (Rj 93 

Frosch eis, Dr. Emil: Über die Behandlung des Stotlerns .... (O) 469 

Fuchs, Eduard (und A. Kind): Die Weiberherrschaft in der Geschichte (R) 618 

Furtmüller, Dr. Karl: Psychoanalyse und Ethik (R) 162 

Wandlungen in der Freud'schen Schule (O) 189 

Gincburg: Mitteilung eines Kindertraumes (R) 458 

Gott, Dr. Theodor: Psychogene Akinesie etc. .' (R) 48 

Grassberger, R.: Einflnss der Ermüdung auf die Produktion in Kunst 

und Wissenschaft (R) 602 

Grüner, Franz: Inhalt und terminologische Berechtigung des Be- 
griffes Psychoanalyse (O) 415 

Gudden, Dr. H.: Diebstähle infolge von Zwangsvorstellungen . . . . (R) 624 

H äberl in, Dr. P an 1: Kinderphantasien (R) 341 

Hamburger: Über den Mechanismus psychogener Erkrankungen . . (R) 339 

Hesse, Raymund: Les criminels peints par eux-raemes (RJ 92 

Hessen, Robert: Der Mutterwitz (R) 98 

Hinrichsen, Dr. Otto: Sexualität und Dichtung (R) 328 



Inhaltsverzeichnis and Autorenregister. 649 

Hi urich.se n, Dr. Otto: Unser Verstehen der seel. Zusammenhänge 

in der Neurose und Freud's und Adler' s Theorien . (0) 369 

Hirscbfeld, Dr. Magnus: Kastratenstudien . . . . ' (R) 351 

und E. Burchard: Zwei Gutachten über Beziehungen 

homosexueller Frauen (R) 331 

Zur Kasuistik des Verkleidungstriebs (R) 332 

Über die Ätiologie des konträren Sexualgefühls . . . . (R) 332 

Hui, 11, Eduard: Zur Theorie der Trugwahrnehmungen (R) 48 

Hitschmann, Dr. E. : Svedenborgs Paranoia (M) 32 

Kinderangst un d Onanie-Entwöhn ung .... (M) '-7 

Psychische Hemmung (V) 262 

Religiöse Extase und Sexualität (V) 53 

Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei einem Kinde (R) 457 

Freud's psychoanalytische Behandlungsmethode ...(!(; 604 

Freud's Neurosenlehre (R) 609 

Schopenhauer (Et) 611 

Hochdorf, Max: Die Tränme der Natalie Braunstein (R) 351 

Hoc he: Dementia paralytica (R) 454 

Hoepfner, Dr. Ch.: Ein Fall phantastischen Eilebens (R) 350 

H ud overnig, Dr. Carl: Eine besondere Form der sexuellen Neurasthenie (R) 542 

Hug-Hellmuth, Dr. H. von Zur weiblichen Masturbation .... (0) 17 

Über Farbenhören (R) 552 

H. I.: Zur Analerotik (V) 167 

Zum infantilen Charakter des Witzes (V) 167 

Zum Verhältnis von Vater und Tochter (V) 168 

Hebbel über den Traum (V) 168 

„ „ AhnuDgen und Vorahnungen (V) 168 

Zum psychologischen Verhältnis von Wort zu Tat . . . (V) 168 

1 s s e r 1 i n , Dr. M- : Psychologische Einteilung (R) 602 

Ober Psychotherapie und psychotherapeutische Methoden (R) 607 
Jasper, Karl: «Kausale* und „verständliche" Zusammenhänge zwischen 

Schicksal und Psychose bei der Dementia praecox . (R) 333 

Jenichen, Richard: Vorläufer der Psychoanalyse (V) 93 

Psychoanalyse im Volkshochschulkurs (V) 467 

Jones, Dr. E.: George Meredith über Träume (V) 54 

Ein rationalisiertes Vergessen (V) 54 

Strindberg über Geburt und Tod (V) 55 

Der Alptraum in seiner Beziehung zum mittelalterlichen 

Aberglauben (R) 257 

Die Beziehungen zwischen Angstneurose und Angsthysterie (R) 456 

Josefovichi, Dr. ü.: Psychische Vererbung (R) 239 

Juliusburger, Dr. Otto: Zur Psychologie des Alkoholismus ... (O) 1 

Zur Lehre von den Fremdheitsgefühlen (R) 353 

Bedeutung Schopenhauer 's für die Psychiatrie . . . (R) 546 

Psychotherapie und die Philosophie Schopenhauer'» (0) 569 

Jung, Dr. E.: Rousseau als Psychoanalytiker (V) 52 

Kaplan, Leo: Zur Psychologie des Tragischen (R) 45 

Die Uhr als bipolares Symbol von Weib und Tod (M) 527 

Karl, Abraham: Psychoanalytische Beiträge (R) 553 

ZentralbUtt für Piyeboanalyse. III". 44 



650 Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 

Kauf), Otto: Neurotische Lebenslinie im Einzelphänomen . (M) 229 

Die Onanie (R) 243, 249 

Der Fall Gogol (R) 588 

Kind, Alfred (u. E. Fuchs): Die Weiberherrschaft in der Geschichte (K) 618 

Kirchgraber, Fr.: Der Hut als Symbol des Genitals (V) 95 

Klages, Ludwig: Charakterologie des Verbrechers (R) 47 

Kohl, Aage von: Der Weg durch die Nacht (R) 340 

Kubisch, Dr. Fritz: Aus den Papieren eines Fragmontiateu .... (V) 364 
Kopinska, Dr. Luise von: Beiträge zur Psychopathologie des 

Alltagslebens (M) 309 

Krafft-Eb ing: Psychopathia sexualis . ' (R) 258 

Krauss, Friedrich S.: Das Geschlechtsleben der Japaner (R) 257 

Kulpe. Oswald: Psychologie und Medizin (R) 51 

Lichnitzky, Dr. W. : Psychotherapie und Psychoanalyse (Rj 332 

Über die Grundzüge und Riebtungen der Jetzigen ratio- 
nalistischen Psychotherapie (0) 394 

Linde, J. vau de: Karin Michaelis Roman .Treu wie Gold" ... (V) 465 

Zwei interessante Träume (M) 589 

Lipraann, Otto: Die Spuren interessebetonter Erlebnisse (R) 42 

Lipps, Theodor: Psychologische Untersuchungen (R) 89 

Löwy, Felix: Wirklich, wirklicher, am wirklichste» . . (R) 91 

Lomer, Dr. Georg: Ignatius von Loyola (Rj 459 

Lux, J. A.: Grillparzers Liebesroman (R) 165 

L achtin, Dr. M. : Die Besessenheit auf dein Lande in Russland . . (0) 273 

Ladame, Paul Louis: Nevrose et SexualiW (R) 543 

Ch.: La loi de l'interet momentane (R) 615 

Lang, Josef B. : Aus der Analyse eines Zahleutraumes . . . (M) 205 

L a u b i , Dr. O, : Ein Fall von Psychoanalyse bei einem erwachsenen Stotterer (R) 40 
Levy, Dr. P. E.: Les prineipes du traitement reedacateur dans la neur- 

aethenie (R) 626 

Le w an dowsky: Praktische Neurologie für Ärzte (R) 88 

M ae der, Dr. A.: Eindrücke eines Psychoanalytikers in London . . . (R) 46 

Über die Funktion des Traumes (R) 537 

Offener Brief an Dr. Adler (V) 564 

Maier, Dr. H. W.: Unfallgutachten über Fälle von Dementia praecox . (R) 240 

Über katathyme Wahnbildung und Paranoia (R) 452 

Marcinowski: Der Mut zu sich selbst (R) 451 

Marcus, Ernst, stud. med.: Bemerkungen . zu einer »Selbst- 
studie über Retour ä l'enfance" (M) 148 

Über verschiedene Formen der Lustgewinnung 

am eigenen Leibe (M) 224 

Zur Frage der Schädlichkeit der Onanie . . . . . . . (V) 261 

Zur Frage „Objektwahl, Inzestliebe" (V) 868 

Zur infantilen Sexualität (V) 363 

Marcuse, M. : Ein Fall von vielfach komplizierter Sexualperversion . . (R) 350 

Marie, P. : Traite international de psychologie pathologique . . . . (R) 40 

Markus, Otto: Über Assoziationen bei Dementia praecox (R) 41 

Mayer, Willy: Über Störungen des Wiedererkennen« (R) 50 



Iahalteverzeichnis und Antorenregister. 651 

Menzerath, Paul: Contributioa ä la Psychoanalyse (R) 627 

Mersey: La Thanotophilie dans la famille des Habsbourg . . . . (R) 626 

Mörchen, Dr. Fr.: Über degenerierte Frauen höherer Stände . . , . (R) 88 

Monte t, Dr. C. de: L'4tat actuel de la Psychoanalyse (R) 40 

Munter, Dr. F.: Psychoanalyse und Dichtung (M) 446 

Mugdan, Franz: Periodizität und periodische Geistesstörungen . . . (R) 340 

Niedermann, Julius: Zur Psychologie der Kinderstube (V) 639 

Ossipow, N. : Gedanken und Zweifel in einem Falle von „degenerativer 

Psychopathie' 1 (R) 622 

Pariani, Carlo: Nuove ricerce lR) 619 

Peine, Siegfried: Ein Beitrag zur Psychologie der Zahlen- 
einfälle (M) 37 

Zur Psychologie der Zahleneinfälle (M) 314 

Kleine Beiträge zur Traumforschung (M) 530 

Petersen, Margarethe: Der letzte Traum (V) 640 

P fister, Dr. Oskar: Die Ursache der Farbenbegleitung (R) 552 

Die psychoanalytische Methode 1 . . (R) 601 

Putnam, Dr. James: Über die Bedeutung philosophischer Anschauungen (R) 43 

Psychoanalyse und Philosophie (O) 265 

M. P.: Zur Kinderseele (V) 640 

Ranlte, Fritz van: Symbolhandlung der ablehnenden Liebe .... (V) 97 

Zur Frage deB psychischen Determinismus (O) 145 

Rank, Otto: Die Matrone von Ephesus (R) 457 

Das Inze8tmotiv in Dichtung und Sage . (R) 609 

Redlich: Die Psychosen bei Gehirnerkrankungen (R) 454 

Reik, Dr. Theodor: Dichtung und Psychoanalyse (R) 91 

Kinderland (V) 98 

Der Frauenfuas in der Dichtung (R) 166 

Zwei Träume Flaubert's (M) 222 

Aus Fontane's Werken (V) 259 

Rorschach, Dr. Hermann: ReflexhaUuzinationcn und Symbolik. . (O) 121 
Analytische Bemerkungen über das Gemälde eines 

Schizophrenen (O) 270 

Symbolik (V) 468 

Über die Wahl des Freundes beim Neurotiker (M) 524 
Rosenberg, Dr. Maximilian: Die Erinnerungstauschungen der redu- 
plizierenden Paranoia (") ■*" 

Rosen fei d, Dr. M.: Physiologie des Grosshirns (R) 602 

ß.othe, Karl Cornelius: Über Verlegenheits-Sprachstörungen (M) 519 

Rullmann, W.: Witz und Humor (R) 255 

Rupprecht: Der jugendliche Sexualverbrecher . . (R) 623 

Saal er, Dr. Bruno: Eine Hysterie-Analyse und ihre Lehren . . . . (R) 334 

Sachs, Dr. Hanns: Über Naturgefubl (R) 45 

Ein Schreibfehler als Antwort auf einen auderon ... (VI 261 

Sadger, Dr. J.: Von der Pathographie zur Psychographie . . . . (R) 46, 551 

Schilling, Dr. F.: Der Selbstmord (R) 624 

Sehn ei t er, Dr. C: Ein Traum Julius Cäsar's (V) 557 

44* 



652 Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 

Schmid, Alexander: Zur Homosexual i tat (M) 228 

Über das Verhältnis der Psychoanalyse zum 

Chriatentum (M) 314 

Schrecker, Paul: Kant Über das Verhältnis der Geschlechter (M) 234 

Zur Psychologie des Stotte ms (M) 236 

H. Bergson's Philosophie der Persönlichkeit . . . . (R) 458 

Goethe über das Verhältnis der Geschlechter (V) 643 

Schreider, N. : Psychotherapeutische Beobachtungen (R) 621 

Schröder: Intoxikalionspsychosen . ... (R) 453 

Schnitze: Das Irrenrecht mj 454 

Schulze, Hedwig: Ein Beitrag zum Vergessen (V) 94 

Zur Symbolik der Höhle (V) 466 630 

Symbolik im Traum iy\ g29 

Noch einmal Mereschkowski's .Leonardo" (V) 631 

Schlüsselsymbolik iy\ 542 

Scripture, E. W. : Stuttering and Lipaing im 54g 

Seif: Zur Psychopathologie der Angst (R) 456 

Silberer, Herbert: Märchensymbolik m\ 4g 

Zur Charakteristik des Lekanoiuantlschen Sehauens (0) 73, 129 

Spermatozoenträunr«. (M) 211 

Über die Symbolbildung (R) 348 

Über die Behandlung einer Psychose bei Justinua Kerner (R) 349 

Symbolik des Erwachens und Srbwellensymbolik . . . (R) 349 

Mensch und Name (V) 460 

Sexualsymbolik bei M. Madeleine (V) 643 

Das Wunder (V) 645 

Simon son, Dr. E.: Der Organismus als kalorische Maschine und der 

.zweite Hauptsatz" m\ 625 

Specht, WilheJm: Zur Phänomologie und Morphologie der pathologi- 
schen Wahrnehmungstäuschungen (R) 241, 538 

Spielmeyer: Die Psychosen des Greisenalters . . (R) 454 

Spielrein, Dr. S.: Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Seele . . (0) 57 

Selbstbefriedigung in Juksymbolik (V) 263 

Staudenmayer, Dr. L. : Die Magie als experimenlelle Naturwissen- 

ö . Schäften (R) 252 

btegmann, Marg.: Beiträge zur Systematik des Rotwelsch . ... (V) 97 

Godivr « (V) 98 

Mark Twain /yi 9g 

Psychoanalytische Momentbilder (V) 260 

Ein Fall, der zu denken gibt . . .' (V) 364 

Steiner, Dr. Maxim.: Die psychischen Störungen der männlichen Impotenz (R) 554 

Stekel, Dr. W.: Darstellung der Neurose im Traume . . . . (M) 26 

Der Dichter über infantile Träume (V) 52 

Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung (R) 90 

Fortschritt« der Traumdeutung (O) 154. 426 

Ein Fall von larvierter Onanie ....... (M) 159 

Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren . . (0) 175, 293 
Zur Psychologie der Alkoholfestigkeit und der 

Entschuldigungstendenzen (M) 209 

Psychoanalyse in der modernen Lyrik (V) 259 

Masken der Homosexualität - IV) 259 



Inhaltsverzeichnis und Autorenregister. 653 

Stekel, Dr. W.: Eine bezeichnende Symptomhandlung (V) 260 

Psychologisches aue der Einderstube (V) 263 

Ähnlichkeiten (M) 312 

Zum Thema des Inzestes . . (V) 360 

Hervortreten der gegengeschlechtlichen Geschlechtsmerk- 
male bei Abstinenz (V) 360 

Die Photographie der Symbole (V) 362 

Beiträge zur infantilen Kriminalität (M) 444 

Der Zweifel (R) 453 

Aus dem Kinderland (V) 464 

Psychotherapie des moralischen Schmerzes (V) 466 

Zur Psychogenese des Aberglaubens (M) 531 

Ein Fall von Zweifel (M) 532 

Der Traum einer Sterbenden (M) 534 

Zur Psychologie des Erfinders (M) 535 

Über larvierte Onanie (R) 544 

Ein erotisches Gedicht von Mozart (V) 556 

Von der Verblendung der Mütter (V) 557 

Masken der Religiosität (O) 584 

Der Mantel als Symbol (M) 600 

Ein religiöser Traum (M) 601 

Masken der Sexualität (R) 617 

Die Entstehung der Tierlicbe (V) 633 

Der Traum von den drei Musikkapellen (V) 633 

Drei Fälle von Versprechen und ein Fall von Verschreiben (V) 633 

Ein mehrfach determiniertes Vorsprechen (V) 634 

Wie sich die verschiedenen Menschen die Psychoanalyse 

vorstellen (V) 635 

Traum eines fünfjährigen Mädels (Vj 639 

Ein Beitrag zur infantilen Kriminalität (V) 640 

Stracka, J. U. G. Karl: Mein Traum (V) 96 

Stransky, Dr. Erwin: Das manisch-depressive Irresein (R) 256 

Über Schizophrenie (R) 627 

Tannenbaum, S. A. : Some objectiuns to psychoanalysis (R) 257 

Tausig, Paul; Der Traum als Hüter des Schlafes (V) 95 

Teslaar, J. S. van: Jugend und sexuelle Sublimierung (V) 466 

Thomas, Andrea L'isolement en psychotherapie (R) 626 

Thurnwald, Richard; Probleme der ethno-psychologischen Forschung (R) 240 

Forschung auf den Salomo-Inseln (Rj 454 

Varjas, S. : Zur Kritik der Freud'schen Theorie (R) 345 

Voigtl&nder, Dr. Else: Jacobson (V) 361 

Wagner, Jaureeg v. : Über krankhafte Triebhandlungen (R) 237 

Wallner, Dr. J.: Religiöser Wahnsinn oder Betrug? (R) 327 

Weber, Porkes: Über Hysterie (R) 242 

Wexberg, L. Erwin: Zwei psychoanalytische Theorien (R) 47 

Winterstein, Alfred von: Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Philosophie (R) 611 

Wreschner, Dr. Arthur: Die Sprache des Kindes (R) 341 

Vergleichende Psychologie der Geschlechter (R) 343 



654 Inhaltsverzeichnis und Autoronregister. 

Wulff, Dr. M.: Zur Psychologie der Syp hilophobie (M) 152 

Zur Psychogenität des Asthmas bronchiale .... (0) 202 

Der Dichter als Seelenarzt (V) 262 

Wyrubow, N.: Zur Psychoanalyse des Hasses (R) 165 

ü. A. : Zur Frage der Genese und Therapie der Angstneurose (0) 509 

W. ., A. von: Zum Thema Masochismus (V) 167 

Zum Thema Grausamkeit (V) 167 

Zur Psychologie des Mädchens (V) 167 

G. Ch. Lichtenberg und die Psychoanalyse . . (M) 212 

Zweig, Stefan: Erstes Erlebnis (R) 349 

Literatur 99 

Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalyti- 

8chenVereinigung 101 

Aus verschiedenen Zeitungen 354 

Offener Sprechsaal 366 562 

Redaktionelle Mitteilungen 368, 564